APA-Chef Clemens Pig präsentiert „Welt ohne Wahrheit“

Im Haus der Austria Presse Agentur in Wien hat Geschäftsführer Clemens Pig am Dienstag sein neues Buch „Welt ohne Wahrheit“ vorgestellt. Die Buchpräsentation versammelte Vertreter aus Medien und Wissenschaft zu einer Diskussion über die Rolle von Journalismus, Plattformen und Künstlicher Intelligenz in einer sich verändernden Informationsordnung. Neben Pig nahmen die APA-Chefredakteurin Maria Scholl, der Medienwissenschafter Martin Andree sowie der frühere „profil“-Chefredakteur Christian Rainer an der Podiumsdiskussion teil. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stefan Lenglinger. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich journalistische Arbeit unter den Bedingungen digitaler Plattformen und neuer Technologien künftig organisieren lässt.

„Welt ohne Wahrheit“ im Buchhandel

Das Buch, das wenige Tage zuvor im Brandstätter Verlag erschienen ist, knüpft an eine Debatte an, die Pig in seiner Eröffnungsrede entlang aktueller Entwicklungen skizzierte. Ausgangspunkt seiner Überlegungen, diesen Band zu veröffentlichen, ist das bevorstehende 80-jährige Bestehen der APA, deren Gründung auf der Zusammenarbeit konkurrierender Medien beruht. Diese Logik sei bis heute prägend. Pig betonte, dass Medienschaffende im täglichen Geschäft zwar Konkurrenten seien, zugleich aber seit langem Ressourcen gemeinsam nutzten.

Er verwies darauf, dass sich diese Form der Kooperation bereits in Krisenzeiten bewährt habe. Wenn Krieg herrsche, seien Medien oft „das erste Angriffsziel“, sagte Pig und verwies auf die enge Zusammenarbeit europäischer Nachrichtenagenturen unter solchen Bedingungen. Diese habe zur Entwicklung gemeinsamer Strukturen beigetragen. Diese Erfahrungen prägen auch seine aktuellen Überlegungen.

Eine „Dekade der Desillusionierung“

Im Zentrum seiner Ausführungen stand ein Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre. Clemens Pig bezeichnete diesen Zeitraum als „Dekade der Desillusionierung“, geprägt von Pandemie, geopolitischen Konflikten, Desinformation und technologischen Umbrüchen. Entwicklungen wie generative Künstliche Intelligenz hätten die Rahmenbedingungen für Medien grundlegend verändert. Gleichzeitig hätten große Technologieunternehmen eine dominante Stellung aufgebaut, die es zu brechen gilt. „Wir sollten die Chefs dieser Technologie sein“, so Pig. Ebenso verwies er auf eine wachsende Unsicherheit im Umgang mit Information. „Niemand kann sagen, was ist wahr und was ist falsch“.

Ein wesentlicher Punkt des Vortrags betraf die Nutzung journalistischer Inhalte durch KI-Systeme. „Der Treppenwitz ist: KI kennt die Antwort“, so Pig. Medienangebote würden zunehmend als Grundlage für automatisierte Antworten verwendet und fungierten damit als „Rohstofflager“. Während zunächst frei zugängliche Inhalte von Plattformen wie Wikipedia verarbeitet worden seien, würden inzwischen auch redaktionelle Produktionen systematisch einbezogen. .

Plattformen, Politik und Regulierung

Clemens Pig verwies in diesem Zusammenhang auf internationale politische Entwicklungen. Argumente, wonach Eingriffe in Plattformen als Einschränkung der Meinungsfreiheit zu verstehen seien, ließ er nicht gelten. Als Hintergrund nannte er Aussagen wie jene des US-Politikers JD Vance während der Münchner Sicherheitskonferenz, bei der vor einer Regulierung digitaler Plattformen in Europa gewarnt worden war. „Weltordnung fußt auf Kommunikationsordnung“, sagte Pig und sprach sich für klare regulatorische Rahmenbedingungen aus.

Zugleich betonte er die Unsicherheit im Umgang mit zukünftigen Entwicklungen. Angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre – von Pandemie über geopolitische Konflikte bis hin zu technologischen Umbrüchen – seien Vorraussagen nur eingeschränkt möglich. „Prognosen mache ich nicht mehr. Das ist unseriös“, sagte Pig. Bewertungen der Vergangenheit würden nicht weiterhelfen.

Stattdessen plädierte er für verstärkte Kooperationen innerhalb der Medienbranche sowie für die Entwicklung alternativer digitaler Angebote. Diese müssten den Austausch zwischen Nutzern ermöglichen, ohne den bestehenden Plattformlogiken zu folgen.

Perspektiven aus dem Panel

Im anschließenden Gespräch griffen die Diskutanten diese Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf. APA-Chefredakteurin Maria Scholl verwies auf grundlegende Missverständnisse im Umgang mit Information. Es gäbe ein naives Verständnis über die Verbindung von Information und Wahrheit, sagte sie. Fragen von Desinformation seien auch eine Frage der Autorität von Absendern.

APA-Chefredakteurin Maria Scholl verwies auf grundlegende Missverständnisse im Umgang mit Information. „Es gibt ein naives Verständnis über die Verbindung von Information und Wahrheit“, sagte sie. Fragen von Desinformation seien auch eine Frage der Autorität von Absendern. Zugleich betonte Scholl die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen journalistischer Arbeit. „Medien sind eine Industrie“, sagte sie und verwies auf die Kosten für internationale Berichterstattung, etwa aus Krisen- und Kriegsgebieten.

Diese Strukturen – von Redaktionen über Korrespondentennetze bis hin zu Nachrichtenagenturen – ermöglichten erst die kontinuierliche Einordnung und Verifikation von Informationen. Würden sie geschwächt, gehe nicht nur Produktionskapazität verloren, sondern auch jene Grundlage, auf der sich Inhalte als überprüfbare und zurechenbare Quellen ausweisen.

Christian Rainer zeigte sich gegenüber den im Buch formulierten Ansätzen grundsätzlich offen, ließ jedoch auch Skepsis durchblicken. Der „Glaube an kuratierte Wahrheit“ fehle ihm noch. Er verwies zugleich darauf, dass Medienkonsum kein selbstverständliches Grundbedürfnis darstelle. Visionen und Leitbilder seien dennoch notwendig. In seinen Ausführungen wurde deutlich, dass er den von Pig skizzierten Ansatz verstärkter Kollaboration letztlich nur über politische Steuerung und Finanzierung auf Ebene von Regierungen und der Europäischen Union für umsetzbar hält.

Der Medienwissenschafter Martin Andree äußerte sich zurückhaltend gegenüber Maßnahmen wie einer Digitalsteuer. Er stellte die Frage, ob sich ein solcher Eingriff allein mit dem Verweis auf die gesellschaftliche Bedeutung von Medien begründen lasse. Wenn Medien besondere Unterstützung für das Gemeinwohl beanspruchen, könne dies ebenso von anderen Bereichen wie dem Gesundheitswesen gefordert werden. Andree argumentierte aus einer marktwirtschaftlichen Perspektive, wo es letztlich darum gehe, einen Teil jener Werbeerlöse zurückzugewinnen, die zu internationalen Plattformen wie Google oder Meta abgewandert sind. „Die besten Inhalte werden am Markt siegen“, behauptete er.

KI-Systeme und Social Media

Clemens Pig formulierte seine Sicht auf die Rolle von KI-gestützten Kommunikationssystemen. Diese würden zunehmend als persönliche Informationsquellen genutzt und fungierten teils als „Lebensberater“. Gleichzeitig entstünden „digitale Einzelzellen“, die anfällig für Manipulation seien. Unter Bezugnahme auf Hannah Arendt formulierte Pig die Erwartung, Medien müssten wieder stärker als „Tagesbegleiter und Lebensberater“ fungieren.

In diesem Zusammenhang sprach er auch von einer Erweiterung bestehender demokratischer Strukturen in Richtung einer zusätzlichen „fünften Säule“, in der Mediennutzer stärker eingebunden werden. Soziale Medien bewertete der APA-Chef überwiegend kritisch. Er sprach sich für strengere Regulierungen aus und befürwortete unter anderem Einschränkungen für Kinder. Gleichzeitig erkannte er die Bedeutung digitaler Kommunikation an. „Ich lehne fast alles ab an den sozialen Medien, außer den Austausch, der dort stattfindet“, so Pig.

Zum Ende der Veranstaltung kehrte Clemens Pig noch einmal auf zentrale Punkte seines Buches zurück. Visionen und langfristige Perspektiven seien notwendig, „Träume zu träumen“ müsse erlaubt sein, sagte er. Mit Blick auf digitale Plattformen formulierte er eine zentrale Forderung: „Gebt uns unser Internet zurück.“ Ziel sei es, die Rahmenbedingungen für digitale Kommunikation neu zu gestalten und die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Medien zu stärken. Gleichzeitig unterstrich Pig die Bedeutung von Zusammenarbeit innerhalb der Branche.

Das fehlende Opposite

Rund zehn Tage vor der Buchpräsentation fand Clemens Pig eine Gelegenheit vor, seine Ideen im Kreis führender europäischer Nachrichtenagenturen zu präsentieren. Bei der Konferenz stellte er kooperative Plattformen als zentrales Zukunftsmodell für den Medien- und Kommunikationsmarkt in den Mittelpunkt. Die dort skizzierten Ansätze finden sich in seinen Überlegungen zur Weiterentwicklung von Medienstrukturen im digitalen Raum wieder.

Viele der von Pig angesprochenen Themen – von der Pandemie über geopolitische Konflikte bis hin zur Dominanz internationaler Technologieunternehmen – werden im neuen Buch berührt. Die Beschreibung einer „Dekade der Desillusionierung“ deckt sich in weiten Teilen mit jenen Stimmen, die auf europäischer und nationaler Ebene politische Entscheidungen prägen. Der Ruf nach stärkerer Regulierung digitaler Plattformen fügt sich in diese ein.

Ein klar formulierter Gegenpol zu diesen Sichtweisen tritt in der gegenständlichen Argumentation kaum hervor. Die Nachfrage nach alternativen Fakten – etwa zu den Ursachen von Desinformation, zur Rolle staatlicher Eingriffe oder zu Gründen für Verschiebungen im Werbemarkt – wird nur am Rande berührt.

Der unregulierte Raum, auf den sich die Debatte konzentriert, liegt vor allem im Bereich sozialer Plattformen und jener Inhalte, die sich dort ohne klare Zuordnung verbreiten. Gleichzeitig bewegen sich auch private Medienangebote in diesen Systemen und unterliegen vergleichbaren Mechanismen der Sichtbarkeit. Die Diskussion über Regulierung richtet sich damit nicht nur gegen globale Technologieanbieter, sondern betrifft das gesamte digitale Ökosystem.

Mit Pigs Forderung, „Gebt uns unser Internet zurück“, beschreibt der APA-CEO  ein Ziel, das auf eine stärkere Ordnung und Abgrenzung digitaler Kommunikationsräume abzielt. Ein Umfeld, in dem Herkunft, Verantwortung und Einordnung von Inhalten wieder klarer definiert sind. Welche Rolle staatliche Regulierung und institutionelle Strukturen dabei einnehmen sollen, bleibt vorerst offen.

(key/red)