Medienmanager im Hoodie wird Journalist des Jahres
Im Studio 1 des ORF-Zentrums am Küniglberg lud der Oberauer Verlag am Dienstagabend zur Verleihung der „Journalist:innen des Jahres“ 2025. Durch den Abend führten Barbara Haas und Maximilian Ratzenböck, Gastgeber waren Verleger Johann Oberauer sowie „Österreichs Journalist:in“-Chefredakteur Georg Taitl. Ausgezeichnet wurden nicht nur Reporterinnen und Reporter für investigative Recherchen, Sport-, Kultur- oder Wissenschaftsjournalismus, sondern auch Medienmanager, Programmverantwortliche, Nachwuchstalente, regionale „Local Heroes“ sowie prägende Figuren des heimischen Medienbetriebs.

Verleger Johann Oberauer eröffnete die Preisverleihung mit einer Rede. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Schon die Eröffnungsrede machte deutlich, dass der Abend weit über eine klassische Preisverleihung hinausgehen würde. Johann Oberauer richtete seine Wortmeldung diesmal direkt an den Gastgeber des Abends — den ORF selbst — und sprach die viel diskutierte Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ungewöhnlich offen an. Pointierte Kritik an Entwicklungen innerhalb der Medienbranche zählt bei solchen Veranstaltungen zwar seit Jahren zum festen Bestandteil des Programms. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Gastgeber des Abends verlieh der Veranstaltung jedoch früh eine besondere Dynamik.
Oberauers starke Eröffnungsansprache
Der Verleger stellte die Frage in den Raum, wie es möglich gewesen sei, dass Führungskräfte und Kontrollorgane Erwartungen und Ansprüche nicht erfüllt hätten. Mehrfach verwies Oberauer auf den Vertrauensverlust, der dadurch bei vielen Menschen entstanden sei. Besonders deutlich wurde er bei der Rolle politischer Interessen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der ORF dürfe nicht als „Vehikel politischer und anderer Interessen“ verstanden werden, sagte Oberauer sinngemäß und sprach von einer Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Gleichzeitig trennte er klar zwischen den aktuellen Diskussionen rund um das Unternehmen und der journalistischen Arbeit innerhalb des Hauses. „Im ORF gibt es nicht nur Missstände“, betonte Oberauer. Gerade hier entstünden „außergewöhnliche Leistungen“, sagte er mit Verweis auf die große Zahl an Journalistinnen und Journalisten des Hauses. Dass ausgerechnet die ORF-Redaktion des Jahres ausgezeichnet werde, sei daher kein Widerspruch, sondern Ausdruck jener journalistischen Qualität, die trotz der aktuellen Krise weiterhin im Unternehmen geleistet werde.

Johann Oberauer und Ingrid Thurnher schütteln sich die Hände. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Thurnhers schwierige Gastgeberrolle
Die scharfen Worte Johann Oberauers ließen ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher nicht unbeantwortet. Noch bevor sie die Auszeichnung für die ORF-Redaktion des Jahres überreichen sollte, reagierte sie unmittelbar auf die Eröffnungsrede des Verlegers. Eigentlich habe sie lediglich die Laudatio auf die Redaktion des Jahres halten wollen, sagte Thurnher, doch durch Oberauers Worte sei sie nun „ein bisschen in Zugzwang gebracht“ worden. Wenn man „als Gastgeber vom Gast so gleich mal eingeschenkt bekommt“, könne man das nicht völlig unwidersprochen stehen lassen, erklärte sie sichtbar bemüht, den professionellen Ton des Abends zu halten. Gleichzeitig dankte Thurnher Oberauer dafür, dem ORF trotz der aktuellen Debatten zu bescheinigen, mit den Vorwürfen angemessen umzugehen. Details dazu wolle sie aber „für später“ aufheben.
Augenblicke später ging es zur Ehrung der ORF-Redaktion des Jahres. In ihrer Laudatio verteidigte sie die journalistische Arbeit des Hauses deutlich. Die ORF-Information werde weiterhin als „unabhängig, seriös und hervorragend“ wahrgenommen, sagte sie mit Verweis auf Reichweite und Publikumsvertrauen. Zugleich ging sie auch auf die laufenden Debatten rund um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Die Vorwürfe träfen „das journalistische Herz“ des ORF, erklärte Thurnher. „Programm im ORF ist nicht käuflich“, sagte sie unter Applaus des Publikums. Sollten sich Vorwürfe bestätigen, werde es Konsequenzen geben. Gleichzeitig wandte sie sich gegen politische Einflussnahme und gegen öffentliche Diskussionen darüber, wer künftig welche Funktionen im ORF übernehmen solle. Besonders deutlich wurde Thurnher, als sie die laufenden „Besetzungsspiele“ rund um den ORF kritisierte, an denen sich ihrer Aussage nach auch „einige Anwesende“ beteiligen würden. „Der ORF ist nicht der Spielball der Politik“, sagte die Generaldirektorin. Der ORF gehöre dem Publikum.

ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher bei ihrer Rede auf der Bühne der Preisverleihung. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Große Bandbreite an Journalist:innen
Geehrt wurden bei der Urkundenverleihung im ORF-Zentrum nicht nur die ORF-Redaktion und die „Journalistinnen und Journalisten des Jahres“, sondern die gesamte Bandbreite journalistischen Wirkens im Kontext publizistischer Gestaltungsparameter. Neben den Hauptpreisen für herausragende Recherchen und redaktionelle Leistungen vergab „Österreichs Journalist:in“ auch Ehrungen für Lebenswerk, Medienmanagement, Chefredaktion sowie zahlreiche Fachkategorien von Investigation über Außenpolitik und Wirtschaft bis Sport, Kultur, Chronik, Wissenschaft, Podcast und Unterhaltung. Dazu kamen Auszeichnungen für regionale Berichterstattung als „Local Heroes“, Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten der „30 unter 30“-Generation sowie die sogenannten „Hidden Stars“ — Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gewöhnlich hinter den Kulissen von Redaktionen arbeiten.

Barbara Haas und Maximilian Ratzenböck moderierten die Verleihung der „Journalist:innen des Jahres“ 2025 im ORF-Zentrum. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
ORF erneut „Redaktion des Jahres“
Die größte Aufmerksamkeit erhielt zu Beginn des Abends die Ehrung des ORF zur „Redaktion des Jahres“ — unmittelbar nach der Ansprache und den Wortmeldungen von Ingrid Thurnher. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde bereits zum 14. Mal mit dieser Auszeichnung geehrt und dominierte auch die Einzelwertungen mit zahlreichen Spitzenplatzierungen in nahezu allen Ressorts. Erste Plätze gingen unter anderem an Kristina Inhof im Sportjournalismus sowie an Tim Cupal im Bereich Außenpolitik/EU und Elke Ziegler im Wissenschaftsjournalismus. Dazu kamen zahlreiche weitere Top-Platzierungen für bekannte ORF-Gesichter und Redaktionen — von Martin Thür, Karim El-Gawhary und Christian Wehrschütz bis hin zu Armin Wolf, Hanno Settele oder Philipp Hansa.

ORF-Newsroom-Chefredakteur Johannes Bruckenberger verfolgte die Verleihung der „Journalist:innen des Jahres“. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
30 unter 30
Die zahlenmäßig größte Gruppe auf der Bühne stellten die ausgezeichneten „30 unter 30“-Talente. Insgesamt wurden neun junge ORF-Journalistinnen und -Journalisten sowie weitere Nachwuchskräfte aus unterschiedlichen Medienhäusern ausgezeichnet. Moderatorin Barbara Haas fragte dabei in die Runde, wer bereits früher ähnliche Preise oder Auszeichnungen erhalten habe. Mehrere der Geehrten meldeten sich daraufhin, was zeigte, dass sich unter den Nachwuchstalenten bereits einige regelmäßig in journalistischen Förder- und Auszeichnungsprogrammen bewegen.

Die ausgezeichneten „30 unter 30“-Talente des Jahres 2026 erhielten ihre Urkunden auf der Bühne des Studio 1 im ORF-Zentrum. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Von Sport bis Wissenschaft
Auch die Fachkategorien zeigten die thematische Breite der Auszeichnungen — von Sportjournalismus über Wissenschaft bis Außenpolitik. Geehrt wurden unter anderem ORF-Moderatorin Kristina Inhof als Sportjournalistin des Jahres sowie Elke Ziegler und Martin Moder im Bereich Wissenschaft. Weitere Ehrungen gingen unter anderem an Markus Zottler im Wirtschaftsjournalismus, Peter Plaikner im Medienressort sowie Köksal Baltaci in der Chronik.

ORF-Moderatorin Kristina Inhof wurde als Sportjournalistin des Jahres ausgezeichnet. |. © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Auffällig verlief die Vergabe in der Kategorie Außenpolitik/EU. Obwohl mit Tim Cupal, Christian Wehrschütz und Cornelia Primosch prominente Namen die Top-3 belegten, war keiner der Erstplatzierten auf der Bühne zu sehen, um die Urkunde entgegenzunehmen. Tatsächlich blieben im Verlauf des Abends mehrere ausgezeichnete Journalistinnen und Journalisten der Veranstaltung fern — manche ohne Ankündigung oder sichtbare Vertretung.
Preis für das Lebenswerk
Einen großen Teil der Veranstaltung nahm die Ehrung für das Lebenswerk von Hubert Gaisbauer ein. Über beinahe eine halbe Stunde hinweg wurde der frühere ORF-Radioverantwortliche, Mitgestalter der „Ö3-Musicbox“, Gründer der Sendereihe „Menschenbilder“ und langjährige Leiter der ORF-Religionsabteilung gewürdigt. Anders als bei den meisten anderen Kategorien bestand die Ehrung nicht nur aus einer einzelnen Laudatio, sondern aus mehreren Wortmeldungen ehemaliger Wegbegleiter und Mitarbeiter.
Den Auftakt machte Barbara Rett, später folgten unter anderem der frühere Ö1-Programmchef Alfred Treiber sowie Schauspieler Wolfgang Hübsch. Inhaltlich ergänzten sich die Beiträge zur Person Hubert Gaisbauer und zeichneten ein ähnliches Bild: jenes eines Programmverantwortlichen, der Karrieren ermöglichte, Projekte schützte und Mitarbeiter förderte.

Wegbegleiter und Laudatoren kamen zur Ehrung von Hubert Gaisbauer gemeinsam auf die Bühne. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Am pointiertesten formulierte es schließlich Wolfgang Hübsch, der in seiner Laudatio vor allem Gaisbauers Rolle als Führungsperson und Managers hervorhob — weniger jene des klassischen Journalisten, der er nie war. „Gaisbauer war ein Ermöglicher, konnte aber auch ein Verhinderer sein“, sagte Hübsch über seinen langjährigen Vorgesetzten.
Medienmanager des Jahres
Im weiteren Verlauf des Abends wurde auch sichtbar, welchen Stellenwert die Auszeichnung zum „Medienmanager des Jahres“ innerhalb der Oberauer-Auszeichnungen einnimmt. Diese Kategorie erhielt erneut einen besonders prominenten Platz im Ablauf des Abends — inklusive ausführlicher Laudatio und längerer Dankesrede. Heuer fiel die Wahl auf Stefan Lassnig, der selbst bei Galaabenden lieber Hoodie als Anzug trägt und damit seit Jahren einen bewusst unkomplizierten Auftritt pflegt.

Stefan Lassnig nahm die Auszeichnung als „Medienmanager des Jahres“ im Hoodie entgegen. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Die Laudatio hielt Investigativjournalist Michael Nikbakhsh, der nicht nur über die berufliche Zusammenarbeit sprach, sondern auch persönliche Einblicke in die gemeinsame Entwicklung der vergangenen Jahre gab. Nikbakhsh schilderte, wie Lassnig ihn nach dessen Abschied vom „profil“ beim Aufbau neuer journalistischer Formate unterstützte und früh an Podcast-Produktionen glaubte. Daraus entstand mit der „Dunkelkammer“ eines der bekanntesten investigativen Podcast-Formate des Landes.

Michael Nikbakhsh hielt die Laudatio auf Stefan Lassnig als „Medienmanager des Jahres“. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Lassnig steht für den Wandel journalistischer Geschäftsmodelle in Richtung digitaler Spezialformate, Podcasts und neuer Erlösmodelle. Nach Stationen bei den Regionalmedien Austria und im internationalen Mediengeschäft gründete er mit Missing Link Media eines der prägendsten Podcast-Netzwerke Österreichs. Formate wie „Ganz offen gesagt“ oder „Die Dunkelkammer“ machten das Unternehmen bekannt. Mittlerweile arbeitet Lassnigs Medienumfeld mit einer Reihe profilierter Journalistinnen und Journalisten — vielfach Persönlichkeiten, die zuvor ihren Markenkern bei etablierten Medienhäusern formten.
Journalist:innen des Jahres
Erstmals in der Geschichte der Auszeichnung wurden mit Jürgen Klatzer und Matthias Winterer gleich zwei Journalisten gemeinsam zu den „Journalist:innen des Jahres“ gewählt. Die beiden „Falter“-Redakteure wurden für ihre Recherchen rund um Missstände bei SOS-Kinderdorf ausgezeichnet und nahmen die Ehrung persönlich im ORF-Mediencampus entgegen. Die Laudatio hielt Ulla Kramar-Schmid, die die beiden als Journalisten beschrieb, die „Themen wichtig machen, aber keine Wichtigmacher sind“.

Die „Falter“-Redakteure Jürgen Klatzer und Matthias Winterer wurden gemeinsam als „Journalisten des Jahres“ ausgezeichnet. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
In den Wortmeldungen rund um die Ehrung entstand das Bild klassischer Investigativjournalisten: überfüllte Schreibtische, Zettelchaos, unzählige Telefonate und Hinweise, denen über Monate hinweg nachgegangen wurde. Klatzer und Winterer beschrieben auch selbst die intensive gemeinsame Arbeit an der Recherche. Kennengelernt hatten sich die beiden beim „Falter“, zu dem beide erst vor vergleichsweise kurzer Zeit gestoßen waren. Aus der monatelangen Zusammenarbeit entstand offenbar auch eine enge persönliche Verbindung.
Mehrfach fiel an diesem Abend der Name Florian Klenk, den mehrere Beteiligte mit einer Mischung aus Ironie und Anerkennung als „besten Chef der Welt“ bezeichneten. Klenk habe den beiden lange Recherchezeiten ermöglicht und die Arbeit an der Geschichte unterstützt. Der frühere Journalist des Jahres war bei der Verleihung selbst nicht anwesend.
Oberauers Medienimperium
Hinter den Auszeichnungen steht der Oberauer Verlag, einer der einflussreichsten Fachverlage für Medien- und Kommunikationsjournalismus im deutschsprachigen Raum. Der Verlag hat seinen Sitz in Salzburg und wird als Familienunternehmen geführt. Gegründet wurde er von Johann Oberauer, der bis heute als prägende Figur des Hauses gilt. Inzwischen sind auch weitere Familienmitglieder operativ im Unternehmen tätig. Neben Fachpublikationen organisiert der Verlag zahlreiche Branchenevents, Kongresse wie der European Publishing Congress, Rankings und Preisverleihungen rund um Medien, Kommunikation und Journalismus.

Mit kress.de zählt eines der wichtigsten deutschen Medienfachportale zum Portfolio des Oberauer Verlags. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Auch in Deutschland hat sich der Verlag über Jahre eine außergewöhnlich starke Position innerhalb der Medienbranche aufgebaut. Zum Portfolio zählen unter anderem kress, eines der traditionsreichsten deutschen Medienfachmagazine, die Branchenplattform Meedia sowie das Fachmedium medium magazin, das mit seinen Journalist:innen-Rankings und Redaktionsauszeichnungen seit Jahren als wichtiger Gradmesser innerhalb der Branche gilt. Damit verfügt der Oberauer Verlag heute über einen erheblichen Teil jener Plattformen, über die journalistische Leistungen, Personalentscheidungen und Entwicklungen des Medienmarktes im deutschsprachigen Raum sichtbar gemacht und bewertet werden.
Diese Konzentration verschafft dem Verlag eine besondere Stellung: Kaum ein anderes Medienunternehmen im deutschsprachigen Raum verbindet Fachberichterstattung, Branchennetzwerke, Auszeichnungen, Kongresse und journalistische Rankings in vergleichbarer Form unter einem Dach. Gerade im Bereich der Qualifizierung journalistischer Arbeit — also der Frage, welche Recherchen, Redaktionen oder Persönlichkeiten innerhalb der Branche besondere Anerkennung erhalten — nimmt der Verlag dadurch eine prägende Rolle ein.

Die Urkunden und Trophäen der „Journalist:innen des Jahres“ 2025. | © Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
Historisch eng verbunden ist das Unternehmen mit dem Branchenmagazin „Der Österreichische Journalist“, das seit 1987 direkt im Oberauer Verlag erscheint. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Publikation zu einer zentralen Chronik des österreichischen Medienbetriebs. Personalia, Chefredakteurswechsel, Medienpolitik, Branchentrends und Entwicklungen im Journalismus fanden dort ihren Niederschlag.
Die spätere Umbenennung in „Österreichs Journalist:in“ erfolgte mit der März-Ausgabe 2021 — und damit in jener Phase der schwarz-grünen Bundesregierung, in der gendergerechte Sprache, Diversitätsfragen und identitätspolitische Debatten verstärkt öffentliche Institutionen, Medienhäuser und Politik prägten. Mit der geschlechtergerechten Schreibweise positionierte sich das Magazin indirekt neu und eröffnete zugleich unterschiedliche Lesarten darüber, was journalistische Arbeit ist und welchen Gruppen innerhalb der Medienbranche journalistische Deutungs- und Entscheidungsmacht zugeschrieben wird. „Österreichs Journalist:in“ trägt diesen erweiterten Ansatz sichtbar nach außen.
„Der Österreichische Journalist“
Der Abend im ORF-Mediencampus erzählte am Ende mehr über Machtgewicht und Machtstrukturen innerhalb der österreichischen Journalismusszene, als den Veranstaltern vielleicht recht war. Bereits die Reihenfolge der Auftritte, die Redezeiten und die Rollenverteilung auf der Bühne vermittelten ein deutliches Bild. Während Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet wurden, teilten sich Programmverantwortliche, Medienmanager, Redaktionsleiter und publizistische Entscheidungsträger dieselbe Aura von Glaubwürdigkeit und Relevanz wie die Journalist:innen des Jahres.
Diese Rollenverteilung zeigte sich im Verlauf des Abends immer wieder auch in den Laudationes und Wortmeldungen. Mehrfach sprachen langjährige Wegbegleiter, ehemalige Mitarbeiter oder enge berufliche Vertraute über Personen, die ihre eigene berufliche Laufbahn über Jahre mitgeprägt hatten. Journalistische Leistung erschien dabei nicht nur als individuelle Arbeit einzelner Reporterinnen und Reporter, sondern zugleich als Ergebnis jener Strukturen, die Recherche ermöglichen, Budgets freigeben, Sendeplätze vergeben oder publizistische Reichweite organisieren. Genau diese Hierarchien standen an diesem Abend ebenfalls sichtbar im Mittelpunkt.
“Österreichs Journalist:in“ wirkt auf viele Branchenbeobachter heute weniger wie ein klassisches Branchenmagazin mit Beobachterrolle, sondern vielmehr wie Teil eines eng vernetzten Medienclusters. Eines das journalistische Arbeit nicht nur dokumentiert, sondern zugleich Sichtbarkeit, Rollenbilder und Bedeutung innerhalb der Branche mitprägt. Der Oberauer Verlag verbindet dabei Fachberichterstattung, Rankings, Kongresse und Auszeichnungen in einer Form, die im deutschsprachigen Raum nur wenige Medienhäuser in vergleichbarer Dichte aufgebaut haben.
Dass ausgerechnet Gastgeber Johann Oberauer den ORF zu Beginn des Abends öffentlich unter Druck setzte — und die Generaldirektorin des Hauses unmittelbar darauf reagieren musste — verlieh der Veranstaltung eine besondere Dynamik. Der Gast maßregelte den Gastgeber. Wenige Minuten später zeichnete derselbe Abend genau jenes Haus wieder aus, dessen Machtmechanismen zuvor angesprochen worden waren.
Und so ging die Auszeichnung „Redaktion des Jahres“ bereits zum 14. Mal an den ORF. Möglicherweise lag darin die eigentliche Aussage des Abends: Journalismus ist nicht die Arbeit einzelner Reporterinnen und Reporter, sondern das Zusammenspiel aus Redaktion, Management, Reichweite, Markenbildung und institutioneller Zugehörigkeit.
Ob „Österreichs Journalist:in“ seine Rolle als Gradmesser der Branche behalten wird, könnte dabei auch von jener gesellschaftlichen und politischen Stimmung abhängen, die schon die Umbenennung des traditionsreichen Magazins unter Grün-Schwarz mitprägte.
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