Pose und Bewegung: Tanzfotografie in der Albertina Modern
Mit der Ausstellung „Tanzbild – Fotografien aus der Sammlung der Albertina“ widmet sich die Albertina Modern einem Genre, das zwischen zwei flüchtigen Künsten steht: Tanz und Fotografie. Rund 120 Werke aus der eigenen Fotosammlung zeichnen nach, wie sich das Bild des Tanzes und die Tanzfotografie zwischen den 1860er-Jahren und den frühen 1940er-Jahren verändert hat – von statischen Atelieraufnahmen bis zu dynamischen Momenten moderner Ausdruckstänzerinnen.
Eine Ausstellung über Tanzbilder
Der kuratorische Ansatz der Schau liegt weniger auf einzelnen Fotografen als auf dem Motiv des Tanzes selbst. Kuratorin Astrid Mahler zeichnet anhand von Schwerpunkten und Streiflichtern aus der Sammlung eine visuelle Geschichte der Tanzfotografie. Der Fokus liegt auf den dargestellten Tänzerinnen und Tänzern, auf ihren Bewegungen, Gesten und Rollenbildern – und darauf, wie Fotografie diese flüchtige Kunst für die Nachwelt festhält.
Die Ausstellung versammelt Arbeiten von Fotografen wie Erwin Blumenfeld, Trude Fleischmann, Rudolf Koppitz, Charlotte Rudolph oder Anton Josef Trčka. Vor ihren Kameras standen Tanzgrößen wie Josephine Baker, Anita Berber, Isadora Duncan, Anna Pawlowa oder Mary Wigman.

Das Atelier d’Ora fotografierte die Tänzerin Sent M’Ahesa in den 1910er-Jahren. Die Aufnahme ist Teil der Ausstellung „Tanzbild – Fotografien aus der Sammlung der Albertina“ in der Albertina Modern in Wien.
Vom Atelierporträt zum Bewegungsmoment
Der chronologische Rundgang beginnt in der Frühzeit der Fotografie. In den Ateliers des 19. Jahrhunderts entstanden vor allem Porträts und inszenierte Posen. Solche Fotografien wurden häufig als sogenannte Kabinettkarten oder im Visitformat verbreitet und sammelten sich rasch in privaten Alben – ein früher Ausdruck des Starkults rund um Bühnenstars.
Mit technischen Neuerungen änderte sich jedoch auch die Bildsprache. Verbesserte Kameras und kürzere Belichtungszeiten ermöglichten es, Bewegung einzufangen. Damit wurde der Tanz selbst zum fotografischen Ereignis. Der Moment des Sprungs oder der Geste trat an die Stelle der starren Pose.

Der Ausdruckstänzer Harald Kreutzberg wurde 1927 vom Atelier Robertson fotografiert. | © Albertina – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft
Besonders deutlich wird diese Entwicklung in der Zwischenkriegszeit. In dieser Phase etablierte sich der moderne Ausdruckstanz als Gegenbewegung zum klassischen Ballett und entwickelte eine eigene Bildästhetik.
Der weibliche Körper als zentrales Sujet
Auffällig ist, dass der moderne Tanz stark von Frauen geprägt war. „Die Tanzmoderne ist weiblich“, betont Kuratorin Mahler. Tänzerinnen bestimmten die Szene – und damit auch die Bildproduktion. In den 1920er-Jahren tauchen sie zunehmend in Magazinen auf, teilweise auch in Akt- oder Halbaktaufnahmen.

Frédéric Boissonnas: „Dem Ideal entgegen – Tanzende junge Frauen“, 1910 (Abzug 1912). Die historische Tanzfotografie ist Teil der Ausstellung „Tanzbild – Fotografien aus der Sammlung der Albertina“.
Die Ausstellung zeigt damit nicht nur eine ästhetische Entwicklung, sondern auch einen gesellschaftlichen Wandel. Die veränderte Darstellung des Körpers spiegelt den kulturellen Aufbruch nach dem Ersten Weltkrieg ebenso wie die zunehmende Präsenz weiblicher Künstlerinnen im öffentlichen Raum.
Zwischen Dokument und Inszenierung
Viele der Fotografien entstanden im engen Austausch zwischen Tänzerinnen und Fotografen. Pose und Kamera waren Teil derselben Inszenierung. Tanzfotografie wurde so zu einer eigenen Bildform, die zwischen Dokumentation und künstlerischer Interpretation steht.
Ergänzt wird die Schau durch ein seltenes filmisches Zeitdokument: Die Berliner Fotografin Suse Byk filmte 1925 die Tänzerin Valeska Gert bei pantomimischen Rollentänzen – ein früher Versuch, Bewegung nicht nur fotografisch, sondern auch filmisch festzuhalten.
Auftakt zu einer Fotografie-Serie
„Tanzbild“ ist zugleich der Auftakt einer Ausstellungsserie, mit der die Albertina ihre umfangreiche Fotosammlung stärker ins Zentrum rücken möchte. Noch im Laufe des Jahres soll eine Präsentation früher Reisefotografien folgen.
Der Blick auf Tanz dient dabei auch als Einstieg in ein größeres fotografisches Archiv: Die gezeigten Arbeiten stammen vollständig aus der Sammlung der Albertina sowie aus Dauerleihgaben der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt und der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft.
Der prüde Blick auf das Tanzbild
Konsistent ist dabei auch die Auswahl der Motive. Die Fotografien stellen Tänzerinnen fast durchwegs als ernsthafte Künstlerinnen dar – als Protagonistinnen einer modernen Körperkultur, nicht als Attraktionen eines Unterhaltungsbetriebs. Figuren wie Mary Wigman, Gret Palucca oder Gertrud Kraus stehen für den Ausdruckstanz der Zwischenkriegszeit, der den Körper als künstlerisches Ausdrucksmittel verstand.
Damit rückt die Ausstellung die Tanzfotografie klar in den Kontext der künstlerischen Moderne. Andere Bildtraditionen der Epoche – etwa jene populären Studioaufnahmen, in denen Tänzerinnen auch Teil einer kommerziellen Bildzirkulation waren – bleiben bewusst außerhalb des Blickfelds. „Tanzbild“ erzählt damit vor allem die Geschichte des Tanzes als Kunstform und der Fotografie als Medium, das diese neue Körperästhetik sichtbar machte.
Tanzbild – Fotografien aus der Sammlung der Albertina
Albertina Modern, Karlsplatz 5, 1010 Wien
3. März bis 7. Juni 2026
Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr
Kuratorin: Astrid Mahler
(PA/red)


© PID/Christian Fürthner
© Felicitas Matern
© APA/Fohringer
© Meike Kenn
© David Bohmann
© PID/Fürthner