Unterstützung für Gastarbeiter-Denkmal in Bahnhofsnähe

Sechzig Jahre nach dem Anwerbeabkommen zwischen Österreich und Jugoslawien bekommt die Erinnerung an die damalige Arbeitsmigration einen konkreteren Rahmen. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Stadt Wien, Volkshilfe Wien und Wiener Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds (waff) wurden am Montagabend im Rathaus die nächsten Schritte für ein Gastarbajteri-Denkmal vorgestellt. Es soll 2030 realisiert werden. Vorgesehen sind außerdem die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und ein Bildungsraum in Favoriten.

Als Standort für das Denkmal wird eine Grünfläche an der Karl-Popper-Straße nahe dem Hauptbahnhof geprüft. Sie liegt beim ehemaligen Südbahnhof, über den für viele der angeworbenen Menschen aus Jugoslawien ihr Leben in Wien begann. Eine endgültige Standortentscheidung ist noch nicht gefallen.

Ein Bahnhof zwischen Ankommen und Heimfahren

Der Südbahnhof war Ankunftsort, Treffpunkt und Verbindung zu den Herkunftsregionen. Hier begannen Arbeitsaufenthalte und Heimfahrten, hier gehörten Wiedersehen und Abschied zum Alltag. Für die Menschen, deren Geschichte das Denkmal erzählen soll, wurde aus dem Aufenthalt vielfach ein Leben zwischen familiären Bindungen an mehreren Orten.

Viele jener Menschen, die in den 1960er- oder 1970er-Jahren zum Arbeiten nach Wien kamen, sind inzwischen in Pension. Zur Geschichte dieser Generation gehört damit auch das Leben nach dem letzten Arbeitstag: das Älterwerden, die Nähe zu Kindern und Enkelkindern und die Frage, wo nach einem langen Erwerbsleben der Lebensmittelpunkt liegt.

„Ihre Lebensgeschichten verdienen einen festen Platz in unserem kollektiven Gedächtnis“, sagt Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Das Denkmal soll Menschen würdigen, die gearbeitet, Familien gegründet und Wien mitgestaltet haben.

Zur Geschichte der Familien gehört auch die Staatsbürgerschaft. Ein langes Leben in Wien und politische Mitbestimmung fallen nicht automatisch zusammen. Kaup-Hasler griff diese unterschiedliche rechtliche Zugehörigkeit auf: „Viele Menschen leben seit Jahrzehnten hier und gestalten unsere Gesellschaft mit, ohne über die gleichen politischen Rechte zu verfügen.“ Wer über Integration spreche, dürfe diese Realität nicht ausblenden.

Erste Ideen für den Erinnerungsort gab es bereits vor drei Jahren. Initiator Savo Ristić von VHW Community Work sieht die bisherige Dauer als Teil der inhaltlichen Entwicklung: „Ich bin froh, dass es Zeit braucht, weil gute Prozesse wichtig sind – der Weg ist wichtiger als das Ziel sozusagen“, sagte er gegenüber „Wien heute“.

Was innerhalb der Familien weiterlebt

Volkshilfe-Geschäftsführerin Tanja Wehsely verbindet die Erinnerung an Aufbruch und Hoffnung mit schwierigen Arbeitsbedingungen, Trennung und dem Ringen um Anerkennung. Viele dieser Erfahrungen seien innerhalb der Familien über Generationen weitergegeben worden, im öffentlichen Erinnern aber lange zu wenig vorgekommen.

Für die Beschäftigung mit diesen Lebenswegen ist zusätzlich zum Denkmal ein eigener Ort vorgesehen. Die Volkshilfe Wien soll in Favoriten einen Bildungsraum betreiben, der sich der österreichischen Migrationsgeschichte widmet. Dort können historische Zusammenhänge und persönliche Erfahrungen ausführlicher vermittelt werden, als es ein Denkmal im öffentlichen Raum ermöglicht.

Nach Angaben von Initiator Şenol Akkılıç wollen auch Unternehmen die historische Aufarbeitung unterstützen. Gegenüber „Wien heute“ nannte er Strabag, Wienerberger und Swietelsky. Akkılıç verbindet mit dem Vorhaben den Wunsch nach einer gemeinsamen Erzählung: „Wir möchten das ‚Wir reden über euch‘ und ‚Ihr redet über uns‘ überwinden, damit wir eine gemeinsame Geschichte schreiben können.“

Für waff-Geschäftsführer Marko Miloradović ist das Jubiläum auch persönliche Geschichte: Er ist selbst ein Kind von Gastarbeitern. Bei der Veranstaltung betonte er den Zugang zu Aus- und Weiterbildung. Menschen müssten dabei in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen berücksichtigt werden – als Auszubildende, Eltern oder pflegende Angehörige.

Bis zu 250.000 Euro für Denkmal

Vor der künstlerischen Gestaltung steht die historische Aufarbeitung. Ein Historikerbeirat soll die Erfahrungen und unterschiedlichen Perspektiven der Arbeitsmigration untersuchen und die inhaltlichen Grundlagen für das Denkmal und die Ausschreibung erarbeiten. Mit der Vorbereitung und Durchführung des künstlerischen Wettbewerbs soll KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien beauftragt werden.

Für das Denkmal ist nach Angaben der Stadt gegenüber dem ORF ein Kostenrahmen von höchstens 250.000 Euro vorgesehen. Kaup-Hasler zufolge begrenzt dieser sowohl die Größe als auch die Wahl von Techniken, die später eine besonders aufwendige Betreuung erfordern würden. Die Errichtung soll überwiegend durch Spenden finanziert werden.

Die Stadt stellt für die wissenschaftliche Aufarbeitung bis zu 30.000 Euro bereit. Nach der Errichtung soll sie außerdem für die langfristige Pflege und Erhaltung des Denkmals verantwortlich sein. Bis zur angestrebten Umsetzung 2030 müssen die historischen Grundlagen erarbeitet, ein künstlerischer Entwurf ausgewählt und der endgültige Standort festgelegt werden. Entstehen soll ein Erinnerungsort an Menschen, deren Lebensgeschichten in Wien längst überall sind.

(PA/red)