Die Reden zur Eröffnung der Salzburger Festspiele

Mit einem knapp zweistündigen Festakt in der Felsenreitschule sind die 106. Salzburger Festspiele am Sonntagvormittag offiziell eröffnet worden. Die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin Maria Kalesnikava hielt die Festrede, Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach die traditionelle Eröffnungsformel. Zuvor hatten Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) das Wort ergriffen.

Für die Festspiele ist es der erste Sommer unter der interimistischen künstlerischen Leitung von Karin Bergmann. Die deutsche Theatermanagerin hatte im April nach der vorzeitigen Trennung von Markus Hinterhäuser übernommen. Mit Kalesnikava, die mehr als fünf Jahre in Belarus inhaftiert war, stellte die diesjährige Eröffnung das Motto politische Freiheit und die Rolle von Künstlern in einer demokratischen Gesellschaft in den Mittelpunkt.

Alexander Van der Bellen, Doris Schmidauer, Christian Stocker und die Festspielspitze bei der Ankunft zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2026.

Festspielspitze und Ehrengäste bei der Ankunft zum Festakt. | © Peter Lechner/HBF

Edtstadler erinnerte in ihren Grußworten an Stefan Zweigs Beschreibung des „goldenen Zeitalters der Sicherheit“. Zweig habe von einer Gesellschaft erzählt, die Frieden und Freiheit für gesichert hielt und später schmerzlich eines Besseren belehrt wurde. Die Landeshauptfrau verwies auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die politische Unterdrückung in Belarus. Sie warnte davor, Frieden, Freiheit und Wohlstand als selbstverständlich zu betrachten.

Bablers Ansprache zu Kunst & Politik

Babler orientierte sich am Leitgedanken des diesjährigen Festspielprogramms, das der „kalten Vernunft die Macht des Herzens“ gegenüberstellt. Dies dürfe nicht als Absage an die Vernunft verstanden werden, sagte der Kulturminister. Menschenrechte, Menschenwürde und Völkerrecht seien Errungenschaften vernünftigen Denkens. Werde Vernunft jedoch ausschließlich in den Dienst egoistischer Interessen gestellt, verkomme sie zu „kalter Rationalität“.

Als Beispiele führte Babler Figuren und Werke des Festspielprogramms an. Hofmannsthals Jedermann müsse erkennen, dass der Besitz, dem er sein Leben gewidmet habe, längst von ihm Besitz ergriffen habe. Elfriede Jelineks neues Stück „Unter Tieren“ zeige, was geschehe, wenn Jedermanns Lebensweise zur Funktionsweise einer ganzen Gesellschaft werde. Carmen und Franz von Assisi nannte Babler als Figuren auf der Suche nach alternativen Lebensformen.

Werbung für Rangnicks Chorprojekt

Kunst könne einen Denkraum eröffnen, in dem eine andere Welt vorstellbar werde, sagte Babler. Anschließend stellte er das Musik- und Bildungsprojekt „6K UNITED!“ vor. Dabei begrüßte er ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick, der ihn, wie Babler sagte, an diesem Tag „dankenswerterweise begleitet“ habe. Rangnicks Stiftung bringt das in Deutschland etablierte Projekt nach Österreich. Schulklassen und Kinderchöre bereiten sich dafür über mehrere Monate auf ein gemeinsames Arenakonzert vor.
In Deutschland zahlen Schulen oder Chöre eine pauschale Anmeldegebühr; hinzu kommen Einnahmen aus Eintrittskarten und Fanartikeln. Die österreichische Premiere ist für den 29. Juni 2027 in der Wiener Stadthalle geplant – zugleich Rangnicks 69. Geburtstag. Welche konkreten Teilnahmebedingungen für österreichische Schulen gelten, geht aus den bisherigen Informationen nicht hervor.

Hofstallgasse und Festspielhäuser in Salzburg während der Salzburger Festspiele.

Die Live-Übertragung des Festaktes aus der Felsenreitschule in der Hofstallgasse war Teil der großen Berichterstattung des ORF. Foto: ORF/Salzburger Festspiele/Andreas Kolarik

Bühnenauftritt von Senta Berger

Mit Senta Bergers Lesung kehrte die Stimme des vertriebenen Festspielgründers Max Reinhardt in die Felsenreitschule zurück. Sein 1943 im amerikanischen Exil verfasster Text „Resignation“ erzählt von der Ernüchterung eines Theatermannes, dessen Glaube an die Wirkung der Kunst angesichts von Krieg, Vertreibung und täglichen Gräueln erschüttert war. Damit berührte der Festakt auch den lange schwierigen Umgang der Festspiele mit Reinhardt und anderen aus Salzburg verdrängten Künstlern.

Mahnung von Bürgerrechtlerin

Kalesnikava berichtete anschließend von ihrer Haft und den ersten 226 Tagen in Freiheit. In der Isolationszelle habe sie sich an Musik von Bach, Mozart und Rachmaninow erinnert. Ihr größter Sieg habe nicht nur darin bestanden zu überleben, sondern darin, keinen Hass in sich Wurzeln schlagen zu lassen.

Als Musikerin verglich sie die freie Gesellschaft mit einem Orchester. Jede Musikerin und jeder Musiker bringe eine eigene Stimme ein; Musik entstehe jedoch erst durch die Bereitschaft, aufeinander zu hören. „Sprechen ist ein Recht. Zuhören ist Verantwortung. Genau dort beginnt Demokratie“, sagte Kalesnikava.

Kunst könne keine Kriege beenden, keine Politik ersetzen und keine Gesetze beschließen. Sie könne aber Vertrauen schaffen und damit Dialog und Zusammenarbeit ermöglichen. Kalesnikava erinnerte zugleich an jene politischen Gefangenen, die weiterhin ihrer Freiheit beraubt seien.

Lukas Crepaz, Karin Bergmann und Kristina Hammer, Direktorium der Salzburger Festspiele 2026.

Das Direktorium der Salzburger Festspiele im April 2026: der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz, Interimsintendantin Karin Bergmann und Festspielpräsidentin Kristina Hammer (von links). | © SF

Bundespräsident über Heimat und Europa

Van der Bellen nahm Kalesnikavas erzwungenes Exil zum Ausgangspunkt seiner Eröffnungsrede. Er erinnerte an die Migrationsgeschichte seiner Familie und an seine Kindheit im Tiroler Kaunertal, wo aus dem Flüchtlingskind schließlich „einer von uns“ geworden sei. Heimat sei eine „Gnade“ und ein Glück in der „Geburtslotterie“. Wer heute in der Europäischen Union lebe, habe dabei „den Jackpot geknackt“.

Mit dem Begriff Heimat werde allerdings „viel gefährlicher Blödsinn getrieben“, sagte der Bundespräsident: „Weil dieser so hehre und wichtige Begriff politisch missbraucht wird.“ Seine Warnung vor Vereinnahmung galt einem völkisch verengten Heimatverständnis. Dem setzte er eine liberale und europäische Definition entgegen, die er aus den Erfahrungen von Krieg und Vernichtung sowie aus demokratischer Zusammenarbeit und Kompromissfähigkeit ableitete. Kompromisse seien kein Verrat an politischen Überzeugungen, sondern Ausdruck demokratischer Reife – insbesondere in Koalitionsregierungen.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen 2026.

Van der Bellen bei seiner Eröffnungsrede. | © Peter Lechner/HBF

Stolz auf Österreich und „europapatriotisch“ zu sein, bildete für Van der Bellen daher keinen Gegensatz. Heimat verband er mit Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung, Freiheit der Kunst und Menschenrechten, aber auch mit Pflichten: „Heimat ist da für uns. Sie kann aber nur da sein für uns, wenn wir für sie da sind.“ Europa müsse seine gemeinsamen Regeln schützen und bei Energieversorgung, Digitalisierung und Verteidigung unabhängiger von fremden Regierungen werden.

Van der Bellen führte in seiner Rede den Heimatbegriff weg von Herkunft und lokaler Zugehörigkeit hinaus. Für ihn umfasst er eine liberale Demokratie, europäische Zusammenarbeit, staatliche Souveränität und den Willen, sich der Klimakrise zu stellen. Denn auch die schönste Heimat werde bei mehr als 40 Grad unbewohnbar. Danach erklärte der Bundespräsident die Salzburger Festspiele für eröffnet.

Salzburger Festspiele im ORF

Am Sonntagabend steht im Großen Festspielhaus die Premiere von Georges Bizets „Carmen“ unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis auf dem Programm. Der ORF begleitet die Salzburger Festspiele sechs Wochen lang in Fernsehen, Radio und online. Am Montag, 27. Juli, präsentiert Martin Traxl um 22.30 Uhr in ORF 2 und auf ORF ON ein „kulturMONTAG Spezial aus Salzburg“. Zu Gast sind unter anderem Interimsintendantin Karin Bergmann, Kate Lindsey, Valery Tscheplanowa und Ulrich Rasche. Um 23.15 Uhr folgt die Dokumentation „Tableaux Vivants – lebende Gemälde“.

Die „Carmen“-Premiere wird am 8. August um 20.15 Uhr live-zeitversetzt in ORF 2 und auf ORF ON gezeigt. „Ariadne auf Naxos“ überträgt Ö1 am 2. August live; Fernsehsendungen folgen am 15. August in 3sat und am 24. August in ORF 2. Insgesamt bringt Ö1 19 Salzburger Opern- und Konzertübertragungen, sieben davon live. Das Festspielmagazin „JedermannJedefrau“ läuft vom 31. Juli bis 21. August jeweils freitags um 18.30 Uhr in ORF 2. Zahlreiche Sendungen stehen anschließend auf ORF ON beziehungsweise ORF Sound zur Verfügung.

(PA/red)