Österreichischer Krimipreis für Elsbergs Europa-Dystopie
Der Österreichische Krimipreis 2026 geht an Marc Elsberg. Mehr als 100 Krimispezialisten aus Buchhandel, Journalismus und der Bloggerszene stimmten über den diesjährigen Preisträger ab. Die Auszeichnung wird am 18. Oktober im Casino Velden überreicht. Initiiert wurde der Literaturpreis von der Festivalleitung des Krimifest Tirol rund um Krimiautor Bernhard Aichner und Haymon-Verleger Markus Hatzer. 2026 übernimmt das Krimifest Kärnten die Preisverleihung am Wörthersee.
Der Krimipreis würdigt deutschsprachige Autoren, deren Bücher literarisch überzeugen, gesellschaftliche Relevanz besitzen und das Genre weiterentwickeln. Mit Elsberg fällt die Wahl auf einen Spezialisten für Wissenschafts- und Politthriller. Seine Romane greifen reale technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen auf und verdichten sie zu dystopischen Szenarien rund um Ereignisse wie Blackouts, Datenkontrolle oder die Klimakrise.
Literatur und Tourismus
Daneben trägt das touristische Konzept der Krimifeste viel bei. Literatur wird dabei über etablierte Kultureinrichtungen hinaus, etwa in Buchhandlungen, Bibliotheken, Hotels, Gemeinden und an ungewöhnliche Veranstaltungsorte, getragen.

Das Krimifest-Team rund um Bernhard Aichner, Linda Müller, Valerie Meller, Susanna Korunka und Markus Hatzer. | © Krimifest Tirol & Kärnten
Das Krimifest Tirol findet 2026 vom 10. bis 16. Oktober statt. Anschließend setzt Kärnten die Veranstaltungsreihe fort. Frühstückslesungen, Abendveranstaltungen und Begegnungen mit bekannten Autoren schaffen Reiseanlässe außerhalb klassischer touristischer Hochsaisonen.
Velden ist als Schauplatz der heurigen Preisverleihung. Das Casino und das Casineum am See bieten einen attraktiven Rahmen.
Schaffen des Marc Elsberg
Elsbergs beruflicher Weg führte vom Industriedesign in die Werbung. Er arbeitete als Strategieberater und Kreativdirektor in Wien und Hamburg. In den 1990er-Jahren gestaltete er für den „Standard“ die Bastelkolumne „Keine Anzeige von Marcus Rafelsberger“.
Unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichte er den satirischen Roman „Saubermann“ und mehrere klassische Kriminalromane. Mit dem Wechsel zum Namen Marc Elsberg und dem Erfolg von „Blackout“ verlagerte sich sein Schreiben auf groß angelegte Wissenschafts-, Technik- und Politthriller.
Elsbergs Spezialität sind seither Wissenschafts- und Politthriller. Am Beginn seiner Romane steht eine reale technische, wirtschaftliche oder politische Entwicklung von globalem Ausmaß, die mit Debatten im europäischen Raum auf synchrone Weise korreliert. Elsberg denkt sie weiter, ordnet sie ein und fragt, was geschehen könnte, wenn eine fremde Macht die Kontrolle erlangt. Die Gefahr ist in der Regel eine von Außen herbeigeführte und keine aus dem Inneren des europäischen Machtgefüges.
Was seine Bücher beschreiben
Europa ist in Elsbergs Romanen nicht zwangsläufig der zentrale Schauplatz des Geschehens, bildet aber den politischen Bezugsraum, von dem aus die Welt betrachtet wird. Krisen und Gegenspieler wechseln, doch Europa nimmt darin eine Positur ein, die moralische Überlegenheit suggeriert, weil es sich selbst durchschaut zu haben glaubt. Argumentativ gestützt wird diese Haltung durch Bedrohungsszenarien, die überwiegend von außen kommen. Daraus leitet Elsberg eigene Standpunkte ab, die mit öffentlichkeitswirksamen EU-Agenden harmonieren.
In „Blackout – Morgen ist es zu spät“ (2012) fällt in weiten Teilen Europas der Strom aus. Der italienische Informatiker und ehemalige Hacker Piero Manzano vermutet einen gezielten Angriff. Während die Behörden nach der Ursache suchen, brechen Kommunikation, Wasserversorgung, Lebensmittelverteilung und öffentliche Ordnung zusammen. Der Roman zeigt, wie abhängig moderne Gesellschaften von vernetzten Infrastrukturen sind und wie schnell essentielle Systeme versagen können.
„Zero – Sie wissen, was du tust“ (2014) handelt von Big Data und digitaler Überwachung. Eine Internetplattform sammelt persönliche Informationen, bewertet ihre Nutzer und gibt Empfehlungen für nahezu alle Lebensbereiche. Hinter dem hilfreichen Dienst stehen wirtschaftliche Interessen und die Möglichkeit, menschliches Verhalten gezielt zu beeinflussen. Im Mittelpunkt stehen die Macht digitaler Konzerne, der Verlust der Privatsphäre und die Frage nach der Selbstbestimmung im Zeitalter der Algorithmen.
„Gier – Wie weit würdest du gehen?“ (2019) beginnt mit dem Mord an einem Ökonomen. Bei einem internationalen Gipfeltreffen wollte er eine Theorie vorstellen, nach der Kooperation und eine vernünftigere Verteilung des Wohlstands wirtschaftlich erfolgreicher sein könnten als kompromisslose Konkurrenz. Der Thriller kritisiert Vermögenskonzentration, Steuervermeidung und ein Wirtschaftssystem, das den Wettbewerb zum allgemeinen Prinzip erhebt.
In „°C – Celsius“ (2023) beginnt China, mit technischen Mitteln in das Weltklima einzugreifen. Das sogenannte Geoengineering soll den Temperaturanstieg bremsen, verschafft einem einzelnen Staat aber zugleich Macht über die Lebensbedingungen anderer Weltregionen. Elsberg verbindet die Klimakrise mit der Frage, wer handeln darf, wenn die internationale Politik keine gemeinsame Lösung findet.
„Eden – Wenn das Sterben beginnt“ (2026) führt vom Artensterben in eine globale Versorgungskrise. Tote Fische, ausgetrocknete Böden und Veränderungen der Nahrungsketten erscheinen zunächst als voneinander unabhängige Ereignisse. Erst ein KI-System erkennt den Zusammenhang. Der Roman beschreibt Natur, Landwirtschaft, Welthandel und Ernährung als Teile eines empfindlichen Systems – und wirtschaftliche Interessen, die eine rechtzeitige Warnung verhindern wollen.
Rote Fäden und gelbe Sterne
Die Themen seiner Romane liegen auffallend nahe an den großen Debatten der EU. Als Europa über den Schutz kritischer Infrastruktur und mögliche Cyberangriffe diskutierte, führte „Blackout“ vor, wie schnell ein vernetzter Kontinent ohne Strom aus dem Gleichgewicht geraten könnte. Während das europäische Datenschutzrecht neu bestimmt wurde, machte „Zero“ die Macht datengetriebener Plattformen zum Gegenstand eines Thrillers.
Auch „Gier“ erschien in einer Zeit, in der soziale Ungleichheit, Steuervermeidung und die gerechtere Verteilung von Wohlstand auf der europäischen Agenda weit nach oben rückten. „Celsius“ verbindet den Klimaschutz mit der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Chinas. „Eden“ greift schließlich Artensterben, beschädigte Ökosysteme und Versorgungssicherheit auf – Themen, die auch in der europäischen Umweltpolitik miteinander verbunden werden.
Über die Jahre zeichnet Elsberg damit ein recht geschlossenes Bild des politisch verbundenen Kontinents. Europa mag langsam, kompliziert und gelegentlich schlecht vorbereitet sein. In seinen Thrillern steht es trotz innerer Widersprüche überwiegend für Wissenschaft, Recht, Ausgleich und gemeinsame Regeln. Die Europäische Union erscheint als grundsätzlich gutwillige, aber häufig zu langsam handelnde Kraft, die ihre Interessen gegenüber den großen Machtblöcken entschlossener vertreten müsste.
Die Gegenspieler sind in Elsbergs Thrillern häufig keine klassischen Einzeltäter, sondern mächtige Digitalkonzerne, Finanzakteure, Geheimdienste oder Staaten. Besonders die USA und China übernehmen unterschiedliche Rollen. Amerika erscheint als Partner, der im entscheidenden Moment eigene Interessen über gemeinsame Regeln stellt. China wird als strategisch denkende Macht gezeigt, die schneller handelt und dadurch Abhängigkeiten schafft. Europa befindet sich dazwischen und versucht, seine Vorstellung einer geregelten und verantwortungsvollen Ordnung zu bewahren.
Spurensuche bis nach Brüssel
Dass Elsbergs Themen auch im politischen und institutionellen Umfeld auf Interesse stoßen, zeigt sein Weg seit „Blackout“. Seine Romane machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner für Politik, Behörden und Wirtschaft. Auf Fachveranstaltungen diskutierte er über Stromversorgung, Datenschutz, Digitalisierung und Krisenvorsorge.
2018 las Elsberg in Brüssel auf Einladung der Österreichischen Nationalbank aus „Blackout“ und „Zero“. Die Veranstaltung fand im Rahmen der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft statt und wurde mit einer Diskussion unter Beteiligung eines Mitglieds des Europäischen Parlaments verbunden.
Warum die Wahl auf Elsberg fiel, lässt sich aus der Begründung des Krimipreises gut ablesen. Gewürdigt werden seine Auseinandersetzung mit den „Folgen ausbeuterischer Systeme und globaler Vernetzung“ sowie sein Blick auf „politische und wirtschaftliche Machenschaften“. Hervorgehoben werden außerdem die Nähe seiner Szenarien zur Gegenwart, die wissenschaftliche Recherche und die moralischen Konflikte seiner Geschichten.

Der Österreichische Krimipreis 2026 geht an Marc Elsberg | © Penguin Random House/Lukas Ilgner
Preigekrönter Kriminalautor
Eine Kostprobe seiner Stoffe gibt es im Oktober am Wörthersee. Beim Krimifest Kärnten wird Marc Elsberg am 18. Oktober im Casineum am See des Casino Velden ausgezeichnet. Bernhard Aichner hält die Laudatio. Damit findet die Spurensuche ihren Abschluss in einem touristisch reizvollen Rahmen, der Autoren, Leser und Regionen zusammenbringt.
(PA/red)


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