Eiserner Vorhang holt die Toten vor den Vorhang
Zwei verstorbene Künstler teilen sich in dieser Saison den prominentesten Bildplatz der Wiener Staatsoper. Sichtbar ist Herbert Brandls blau-weiße Malerei, die am 9. September präsentiert wurde. Unsichtbar bleibt dahinter Rudolf Hermann Eisenmengers „Orpheus und Eurydike“ aus dem Jahr 1955. Der eine wird posthum gewürdigt. Der andere wird alljährlich durch die Nachricht in Erinnerung gerufen, dass sein Werk wieder verdeckt wird.
Brandls Arbeit ist der 29. Beitrag zur Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“. Seit 1998 bespielt museum in progress die Brandschutzwand zwischen Bühne und Zuschauerraum mit wechselnden Werken zeitgenössischer Kunst. Die Bilder werden mit Magneten befestigt. Das denkmalgeschützte Original darunter erhält keinen Kratzer.
Das Verfahren beschreibt bereits die eigentümliche Doppelrolle Eisenmengers: Sein Werk gehört zum geschützten Bestand des Hauses und dient zugleich als Fläche für dessen wiederkehrende Verhüllung. Die neuen Bilder kommen und gehen. Eisenmenger bleibt.
Kein Platz für Propaganda an der Staatsoper
Die Initiative hinter dem Projekt versteht sich als bewegliche Alternative zum klassischen Museum. In der Staatsoper erhält dieser Ansatz eine besonders große Leinwand. Eine Fläche, die sonst über Jahrzehnte dasselbe Bild zeigen würde, eröffnet anderen Werken eine Bühne. Darin liegt ein überzeugender Grund für die Reihe.
Hinzu kommt die politische Begründung. Eisenmenger trat 1933 der NSDAP bei und schuf Propagandawerke für das Regime. Seine Karriere setzte sich nach dem Krieg fort. museum in progress erklärt die Verhüllung deshalb ausdrücklich zur gesellschaftspolitischen Handlung.

Rudolf Hermann Eisenmengers „Orpheus und Eurydike“ von 1955. | © Alexey Elfimov
Die politische Deutung tragen auch die Direktoren der Staatsoper mit. Ioan Holender stieß die Neugestaltung 1997 an; seit der Saison 1998/99 wird Eisenmengers Bild wechselnd überdeckt. In seiner damaligen Erklärung stellte Holender die Förderung zeitgenössischer Kunst heraus und kündigte zugleich an, das Original solle in den Sommermonaten sichtbar bleiben.
Bogdan Roščić rückte 2025 die historischen Kontinuitäten in den Vordergrund: Eisenmengers Vorhang erinnere an die Weiterbeschäftigung ehemaliger Nazis nach Kriegsende, auch im eigenen Haus. Daraus leitete er die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und des Opfergedenkens ab.
Ein Widerspruch „aber keiner sieht es“
Das Haus bewahrt das Bild, während das Ausstellungsprojekt dessen problematische Stellung betont. Es bleibt zwar an seinem Platz, wird jedoch dem Blick des Publikums entzogen. Der Denkmalschutz erklärt, warum es erhalten bleibt, beantwortet aber nicht die Frage, ob das regelmäßige Verdecken eine überzeugende Form historischer Aufarbeitung ist.
Der Vorwurf der Bigotterie richtet sich damit auf eine bequeme Doppelhaltung: Das belastete Erbe bleibt gesichert, die Distanzierung davon wird redselig inszeniert. Beides lässt sich gleichzeitig aufrechterhalten, ohne den Widerspruch auflösen zu müssen. Das Original ist weiterhin da. Mit jeder neuen temporären Intervention kommt die NS-Zeit erneut zur Sprache, wobei die Verantwortung am Künstler festgemacht wird.
Die wiederaufgebaute Staatsoper ist Teil dieser Geschichte und schreibt sie weiter. Nach Kriegsende erhielt Eisenmenger als zeitgenössischer Künstler den Auftrag, den Vorhang der wiederaufgebauten Staatsoper zu gestalten. Heute begründet das Haus Jahr für Jahr aufs Neue, warum sein Werk verdeckt wird.
Wessen Vergangenheit vor den Vorhang kommt, entscheidet letztlich der Kulturbetrieb. Doch auch die Rolle der Kulturpolitik verdient einen genaueren Blick. Selbst wenn sie sich galant im Hintergrund hält – über Förderungen nimmt sie maßgeblich Einfluss.
Vorhang auf für die Toten und ihre Kunst
Mit Brandl erhält diese Konstellation heuer eine besondere Pointe. Er hatte den Auftrag zu Lebzeiten angenommen und mit der Arbeit begonnen. Dass die Beteiligten nach seinem Tod 2025 an der Auswahl festhielten, verleiht ihm posthume Öffentlichkeit.
Auch Eisenmengers Vorhang war einmal ein Auftrag an einen lebenden Künstler. Sein farblich und stilistisch in den Opernsaal eingebundenes Werk dient inzwischen nur noch als Montagefläche für zeitgenössische Kunst.
So begegnen sich auf dem Eisernen Vorhang heuer zwei Tote: Der eine erhält temporäre Sichtbarkeit, obwohl er mit ihr nichts mehr anfangen kann. Der andere soll auf ewig verdeckt bleiben.
Die Aktion holt Eisenmenger Jahr für Jahr wieder vor den Vorhang. Ebenso zuverlässig fühlen sich temporäre Entscheidungsträger bemüßigt, ihren Vertrag mit Kunst und Politik bei dieser Gelegenheit zu erneuern.
Vielleicht lohnt deshalb ein Blick auf Holenders ursprünglichen Vorstoß. Er hatte vorgeschlagen, das Eisenmenger-Werk komplett zu entfernen.
(red)


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