ÖBB wollen Wien Mitte nach über zwanzig Jahren zurück
Der Bahnhofskomplex Wien Mitte im dritten Bezirk soll bis Jahresende den Eigentümer wechseln: Am 2. Oktober hat der Aufsichtsrat der ÖBB-Infrastruktur AG dem Rückkauf zugestimmt. Verkäufer ist eine Investorengruppe unter Führung von Morgan Stanley Real Estate Investing. Die wettbewerbsrechtliche Freigabe steht noch aus, der Abschluss des Geschäfts ist für Ende Dezember vorgesehen. Wie viel die ÖBB für die Liegenschaft bezahlen, bleibt vertraulich.
Mehr Einfluss auf Zugänge und Gebäude
Für Fahrgäste könnte sich der Eigentümerwechsel künftig vor allem bei der Orientierung am Standort bemerkbar machen. Die ÖBB wollen den Bahnhof im Namen, an den Eingängen und in der Gestaltung des Komplexes deutlicher erkennbar machen. Konkrete Umbauten oder einen Zeitplan dafür haben sie noch nicht genannt.
Hinter dem geplanten Rückkauf steht auch eine bauliche Besonderheit: Bahnanlagen und die darüberliegenden Gebäude sind technisch eng verbunden. Wer Zugänge, Stiegen, Lüftung oder Leitungen verändern wollte, musste sich bisher mit dem jeweiligen Immobilieneigentümer abstimmen. Nach dem Erwerb könnten die ÖBB solche Maßnahmen innerhalb des eigenen Unternehmens planen und mit der Entwicklung des Bahnhofs verbinden.

Die Zugänge zur S-Bahn beim Haupteingang: Künftig soll der Bahnhof im Gebäudekomplex deutlicher erkennbar sein. | © ÖBB/Emilie Weipert
Das betrifft einen stark genutzten Wiener Verkehrsknoten. Nach Angaben der ÖBB steigen hier täglich rund 75.000 Menschen ein, aus oder um; 575 Züge halten am Standort. Gemessen an den Fahrgastzahlen ist Wien Mitte der viertgrößte Bahnhof Österreichs. Zum Verkehrsangebot gehören fünf S-Bahn-Linien, zwei U-Bahn-Linien und der Flughafenzug CAT sowie Straßenbahn und Bus. Mit der Modernisierung der S-Bahn-Stammstrecke soll künftig auch die Zahl der Züge steigen.
Einkaufszentrum und Büros wechseln mit
Die Übernahme reicht weit über die Bahnsteige hinaus. Zum Komplex gehören Büroflächen und das Einkaufszentrum The Mall an der Landstraßer Hauptstraße. Mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf drei Ebenen verbindet es den Umsteigeknoten mit Handel und Gastronomie. Der Standort ist damit zugleich Bahnhof, Arbeitsplatz und Einkaufsadresse im dritten Bezirk.
Für die bestehenden Mieter soll der Wechsel keine Vertragsänderungen bringen: Ihre Vereinbarungen bleiben laut ÖBB unverändert aufrecht. Mit dem Kauf würden die Bahnanlagen und die gewerblich genutzte Immobilie wieder unter einem Eigentümer zusammenkommen.
Vom Hauptzollamt zum heutigen Komplex
Die Geschichte des Bahnhofs reicht bis 1848 zurück, als er unter dem Namen Hauptzollamt eröffnet wurde. 1934 ging er in das Eigentum der Bahn über. Ab den späten 1950er-Jahren kamen über den Gleisen unter anderem ein Bürogebäude und eine Markthalle hinzu.
2005 verkauften die ÖBB die Liegenschaft an die damalige Bank-Austria-Creditanstalt-Gruppe. Für den heutigen Gebäudekomplex erfolgte 2007 der Spatenstich. Nach einer Teileröffnung 2012 ging er im April 2013 vollständig in Betrieb. Zwei Jahre später übernahm die Investorengruppe unter Führung von Morgan Stanley Real Estate Investing. Mit dem nun beschlossenen Rückkauf würden die ÖBB die Immobilie nach mehr als zwei Jahrzehnten zurückholen.
(PA/red)


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