Warum die letzten Meter beim E-Auto-Laden extra kosten
Auf langen Reisen nur bis etwa 80 Prozent zu laden, gilt bei Elektroautos als bewährte Empfehlung. Denn die letzten Prozent bringen zwar zusätzliche Reichweite, benötigen aber besonders viel Zeit und können an ausgelasteten Ladestationen sogar Zusatzgebühren auslösen. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Bieten die beworbenen Reichweiten einen fairen Vergleichswert?
Wer einen Benziner tankt, macht den Tank gewöhnlich voll. Beim Elektroauto kann genau das auf einer langen Reise Zeit kosten. Je voller der Akku wird, desto stärker reduziert das Batteriemanagement in der Regel die Ladeleistung.
Fundstück aus dem Archiv
Elon Musk erklärte diesen Effekt bereits im Oktober 2023 im Podcast von Joe Rogan mit dem Bild eines Parkplatzes: Solange viele Plätze frei seien, fänden die Lithium-Ionen rasch ihr Ziel. Je voller der „Parkplatz“ werde, desto schwieriger werde das. Deshalb könne das Laden von 80 auf 100 Prozent ungefähr so lange dauern wie zuvor von null auf 80 Prozent.
Die tatsächliche Ladezeit hängt vom Fahrzeug, der Batteriechemie, der Temperatur und der Ladestation ab. Richtig ist aber: Bei den meisten Elektroautos sinkt die Ladeleistung mit zunehmendem Ladestand deutlich.
Musk empfahl für lange Reisen daher, nur bis ungefähr 80 Prozent zu laden, anschließend weiterzufahren und mit niedrigem Ladestand an der nächsten Station anzukommen. In sozialen Netzwerken wurde daraus die Warnung, man solle ein Elektroauto „niemals“ auf 100 Prozent laden. Das hat Musk so nicht gesagt. Ihm ging es darum, die gesamte Reisezeit zu verkürzen. Dass Aussagen des Tesla-Chefs häufig ohne journalistische Einordnung weitergetragen werden, hängt auch mit Teslas ungewöhnlichem Verhältnis zu klassischen Medien zusammen.
Geändert haben sich seit Elon Musks Statement bei Joe Rogan vor allem die Ladeleistungen: Moderne Akkus, bessere Kühlung und 800-Volt-Systeme können länger hohe Leistung halten. Der Einbruch kommt je nach Modell später oder fällt weniger drastisch aus. Die Behauptung „80 bis 100 dauert genauso lange wie null bis 80“ gilt daher nicht für jedes Fahrzeug, jede Temperatur und jede Ladestation.
Was bringen die letzten 20 Prozent?
Sie bringen echte Reichweite. Ein Fahrzeug, das mit vollem Akku 500 Kilometer weit kommt, erreicht bei 80 Prozent rechnerisch rund 400 Kilometer. Die zusätzlichen 100 Kilometer können entscheiden, ob das Ziel ohne weiteren Ladestopp erreichbar ist.
Wer diese Reichweite benötigt, kann daher einen guten Grund haben, bis 100 Prozent zu laden. Muss für die letzten Kilometer jedoch ohnehin nochmals gehalten werden, ist es meistens schneller, zweimal im leistungsstarken Bereich zu laden, als einmal lange auf einen vollen Akku zu warten.
Die 80-Prozent-Marke ist keine technische Mauer. Sie bezeichnet ungefähr jenen Punkt, ab dem zusätzliche Reichweite zunehmend mit längerer Wartezeit erkauft wird. Bei vielen Akkutypen kommt hinzu, dass häufiges Laden bis 100 Prozent die Zellen stärker beanspruchen kann – besonders dann, wenn das Fahrzeug anschließend längere Zeit vollgeladen stehen bleibt.

An stark ausgelasteten Superchargern können oberhalb der festgelegten Ladeschwelle zusätzliche Minutengebühren anfallen. | © urswidmer61/Pixabay
Wann wird das Weiterladen teurer?
An österreichischen Tesla-Superchargern wird nach Möglichkeit nach der geladenen Energiemenge abgerechnet. Eine Kilowattstunde wird daher nicht automatisch teurer, nur weil sie langsamer in den Akku gelangt. Der Fahrer bezahlt die letzten Prozent zunächst mit seiner Zeit.
An ausgelasteten Standorten kann jedoch eine Überlastungsgebühr hinzukommen. Sie wird fällig, sobald das Fahrzeug die dort festgelegte Ladeschwelle erreicht oder der Ladevorgang beendet ist. Tesla nennt für Österreich derzeit typischerweise bis zu 50 Cent pro Minute. Nach einer fünfminütigen Karenzzeit läuft die Gebühr, bis das Fahrzeug den Ladeplatz verlässt.
Die letzten Meter können damit doppelt kosten: durch längere Wartezeit und bei hoher Auslastung zusätzlich durch eine Minutengebühr.
Was ist auf langen Reisen am schnellsten?
Die praktische Regel lautet: mit möglichst niedrigem Ladestand ankommen und nur so viel laden, wie bis zum nächsten sinnvollen Halt oder bis zum Ziel erforderlich ist.
Bei einer 750 Kilometer langen Reise kann es schneller sein, zweimal bis ungefähr 80 Prozent zu laden, als zunächst auf 100 Prozent zu warten und später nochmals zu laden. Anders sieht die Rechnung aus, wenn die Vollladung einen kompletten zusätzlichen Halt erspart. Dann können die langsamen letzten Prozent insgesamt dennoch Zeit sparen.
Auch eine Ladung an der heimischen Wallbox verändert die Rechnung. Ein aktueller Tesla kann über Wechselstrom typischerweise bis zu 11 kW aufnehmen – ungefähr die Leistungsklasse eines kräftigen Elektroherds. Steht das Auto dort mehrere Stunden, spielt die langsamere Schlussphase für die Reisezeit kaum eine Rolle. An der Schnellladestation unterwegs zählt dagegen jede Minute.
Ist jede Reichweite gleich viel wert?
Bei einem Benziner ist die Rechnung weitgehend linear: Ein Tank fasst 60 Liter, das Auto verbraucht neun Liter auf 100 Kilometer. Der letzte Liter lässt sich ungefähr so schnell tanken und kostet pro Liter gleich viel wie der erste.
Beim Elektroauto werden die Kilometer aus den letzten 20 Prozent des Akkus ebenfalls vollständig in die beworbene Reichweite eingerechnet. Ihre Wiederherstellung verlangt am Schnelllader jedoch deutlich mehr Zeit. Gleichzeitig wird dieser langsamste Teil des Akkus im Alltag von den Herstellern häufig gar nicht zur regelmäßigen Nutzung empfohlen.
Damit werden zwei unterschiedliche Qualitäten von Reichweite zu einer einzigen Zahl zusammengezogen: jene, die sich schnell und effizient nachladen lässt, und jene, für deren Wiederherstellung mehr Zeit und Ladeinfrastruktur erforderlich sind. An ausgelasteten Stationen kann diese zweite Reichweite zudem weitere Kosten verursachen.
Sollten deshalb 80 Prozent als „voll“ gelten?
Entscheidend ist nicht, möglichst viel Energie in den Akku zu pressen, sondern in möglichst kurzer Zeit genügend Reichweite für die nächste Etappe zu laden. Trotzdem dürfen Hersteller mit der maximal möglichen Reichweite werben, während der damit verbundene Zeitverlust, mögliche Zusatzkosten und die stärkere Akkubelastung beim Kunden verbleiben.
Der Gesetzgeber könnte diese Logik umkehren und den empfohlenen Betriebsbereich zum verbindlichen Standard für Reichweitenangaben machen. Wenn ein Hersteller für ein Fahrzeug im Alltag eine Ladegrenze von 80 Prozent empfiehlt, könnten diese 80 Prozent auch als „voll“ gelten. Als reguläre Reichweite dürfte dann nur jener Bereich angegeben werden, den das Auto unter den empfohlenen Bedingungen bereitstellt.
Das würde zunächst den Messwert verändern, nicht aber den technischen Fortschritt begrenzen. Wer mehr Reichweite benötigt, müsste ein Modell wählen, das diese Reichweite innerhalb seines regulären Betriebsbereichs bietet. Die Hersteller wären gefordert, höhere Werte durch effizientere Fahrzeuge, bessere Akkus und leistungsfähigere Ladesysteme zu erzielen.
Das zeigte sich bereits in der Computerindustrie. Früher übertakteten manche Nutzer ihre Prozessoren, um mehr Leistung herauszuholen, als vom Hersteller vorgesehen war. Damit zeigte sich zwar, dass Leistungsreserven vorhanden waren – aber auch, dass sie aus guten Gründen nicht für den regulären Betrieb genutzt wurden. Der Bedarf an höherer Leistung wurde schließlich durch die Entwicklung stärkerer Chips gedeckt. Was zunächst nur an der Belastungsgrenze möglich war, wurde später zum normalen und erschwinglichen Standard.
Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zeigt, wie rasch solche Fortschritte möglich sind. Viele Elektroautos boten damals deutlich weniger Reichweite und kosteten zugleich erheblich mehr. Was als technische Grenze erschien, ist heute in zahlreichen Fahrzeugklassen längst überholt.
Eines der häufigsten Argumente gegen das Elektroauto lautet noch immer, das vollständige Laden dauere zu lange. Gleichzeitig empfehlen die Hersteller bei vielen Modellen, den Akku im Alltag nicht bis 100 Prozent zu laden. Würde der empfohlene Betriebsbereich als „voll“ gelten, wäre ein Elektroauto deutlich schneller vollständig geladen und eines der stärksten Argumente seiner Kritiker wäre verflogen.
(red)


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