ACIPSS tagte zu Extremismus, Spionage und Wegwerfagenten
An der Hochschule Campus Wien ging es am 9. Oktober um Sicherheitsbedrohungen, die längst in den Alltag reichen: digitale Radikalisierung, bezahlte Spionageaufträge und den Umgang mit Informationen in Krisen. Die 37. Tagung des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) stand unter dem Motto „Connected“. Partner waren der Fachbereich Risiko- und Sicherheitsmanagement und der Verband akademischer Sicherheitsberater Österreichs.
CFO Silvia Kaupa-Götzl und Fachbereichsleiter Martin Langer begrüßten die Teilnehmer. Kaupa-Götzl verwies auf die Bedeutung von Sicherheit für eine Hochschule mit rund 10.000 Studierenden sowie auf die Ausbildung von Fach- und Führungskräften für Unternehmen und Behörden.
Der Rahmen bot fachliche Nähe, war aber ausdrücklich für die Öffentlichkeit geöffnet. Moderator Thomas Goiser, ACIPSS-Repräsentant in Wien, Unternehmens- und PR-Berater sowie Lehrender an der Hochschule, erklärte die Vorträge eingangs für zitierfähig. Kurier TV filmte und führte Pauseninterviews. Wer nicht aufgenommen werden wollte, konnte auf der rechten Saalseite Platz nehmen.

Kurier TV begleitete die Tagung mit Aufnahmen und Interviews in den Pausen. | © Hochschule Campus Wien/Schedl
Staatsschutz zwischen Lagebild und Amtsdisziplin
Den politischen Auftakt setzte Jörg Leichtfried. Der SPÖ-Staatssekretär ist im Innenministerium für Staatsschutz und Nachrichtendienst zuständig. Er machte zunächst deutlich, dass sein Informationsstand über das hinausreiche, was er im Saal mitteilen könne.
Seinen Überblick prägte vor allem der islamistische Extremismus. Daneben behandelte er Rechtsextremismus, Desinformation und demokratiegefährdenden Frauenhass. Linksextremismus nahm deutlich weniger Raum ein. Die Größenordnung der Entwicklung verdeutlichten die Zuwächse registrierter Tathandlungen: 2025 stiegen diese im Bereich islamistischer Extremismus und Terrorismus gegenüber dem Vorjahr um 42,3 Prozent, im Rechtsextremismus um 33,6 Prozent.
Leichtfried beschrieb Radikalisierung im digitalen Raum und die Beteiligung junger Menschen. Frauenhass thematisierte er als Mittel der Einschüchterung: Politikerinnen und Journalistinnen würden angegriffen, um sie von beruflichen oder öffentlichen Funktionen abzuhalten. Auch extremistische Bestrebungen, die sich formal innerhalb der Gesetze bewegen, gehörten zu seinem Bedrohungsbild.
Bei Spionage sprach er von „Kapitalismus in der Spionage“. Gemeint waren sogenannte Wegwerfagenten: Menschen, die gegen Bezahlung einzelne Aufgaben übernehmen, ohne dafür eine klassische Geheimdienstkarriere durchlaufen zu haben. Informationsbeschaffung, Desinformation und andere Aufträge lassen sich auf diese Weise auslagern.
Als staatlichen Akteur nannte er unter anderem Russland und verwies dabei auf die Bedrohung wirtschaftlicher Interessen Österreichs. Am selben Nachmittag wurde die Untersuchungshaft gegen mutmaßliche Mitarbeiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes öffentlich bekannt. Der Verdacht lautete auf geheimen Nachrichtendienst zum Nachteil Österreichs. Die Männer bestreiten die Vorwürfe. Auf APA-Anfrage hieß es vonseiten Leichtfrieds, zu den laufenden Ermittlungen könnten derzeit keine weiteren Informationen gegeben werden. Auch im fachlich vertrauten Tagungsrahmen blieb sein Auftritt an der öffentlichen Linie seines Amtes orientiert: Zu diesem Fall gab er vorab keine Informationen preis.
Für soziale Medien wünschte sich der Staatssekretär stärkere gesetzliche Einflussmöglichkeiten auf Algorithmen und Maßnahmen gegen Falschinformationen. Eine Altersgrenze für die Nutzung unterstützte er ebenfalls.
Resilienz wird zur organisatorischen Aufgabe
Claudia Körmer, Professorin an der Hochschule Campus Wien, führte anschließend von der politischen Bedrohungsbeschreibung zur Arbeit an konkreten Vorgaben. Sie präsentierte Ergebnisse des im Sommer abgeschlossenen KIRAS-Projekts PUKE, des Projekts zur Unterstützung kritischer Einrichtungen.
Die Forschungsarbeit begleitet die österreichische Umsetzung der EU-Richtlinie über die Resilienz kritischer Einrichtungen. Finanziert wird sie im Rahmen des nationalen Sicherheitsforschungsprogramms KIRAS. Forschung, Behörden und Unternehmen mussten dabei Anforderungen und praktische Möglichkeiten aufeinander abstimmen. Körmer schilderte zahlreiche Abstimmungsschleifen.
Das entwickelte systemische Resilienz-Framework verbindet die Widerstandsfähigkeit einzelner Menschen mit jener von Organisationen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Für Betreiber kritischer Infrastruktur soll daraus eine handhabbare Grundlage werden, um Risiken zu bewerten, Maßnahmen zu planen und auf Störungen vorbereitet zu sein. Die veröffentlichten Leitfäden für kritische Einrichtungen übersetzen diese Arbeit in organisatorische Anforderungen und praktische Hilfsmittel.

Vortragende und Gastgeber, v. l.: Silvia Kaupa-Götzl, Isabella Mader, Esref Öztürk, Thomas Goiser, Jörg Leichtfried, Claudia Körmer, Markus Schimpl, Martin Langer und Florian Schodritz. | © Hochschule Campus Wien/Schedl
Adrenalin und psychologische Einflussnahme
Markus Schimpl brachte den Umgang mit Ausnahmesituationen auf die persönliche Ebene. Der Selbstschutz- und Personenschutztrainer aus der Steiermark stellte seine Bücher und Trainingsansätze vor und zeigte Ausschnitte aus Medienauftritten. Sein Thema war die Handlungsfähigkeit unter Adrenalin: Wie lässt sich auf eine Gefahr reagieren, wenn der Körper bereits im Ausnahmezustand arbeitet?
Diesen Fragen widmet sich auch sein Buch „Handlungsfähig in Extremsituationen – Der Umgang mit Adrenalin“. Schimpl verbindet darin Erfahrungen aus dem Sicherheitsbereich mit Ansätzen zur mentalen Vorbereitung und zum Umgang mit Stress. Seine Arbeit umfasst außerdem Prävention, Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für unterschiedliche Altersgruppen. Der Vortrag führte von diesen Trainingsfragen zu einer praktischen Anwendung: Zum Abschluss demonstrierte er an einem freiwilligen Teilnehmer den Einsatz eines Tourniquets zum Abbinden einer Extremität.
Isabella Mader von Excellence Research stellte danach ihr englischsprachiges Buch „PSYOP: The Architecture of Influence“ vor. Im Mittelpunkt standen psychologische Einflussoperationen und deren Verbindung mit Kommunikation und Technologie.
Das Buch führt Perspektiven aus Psychologie, Kommunikationsforschung, militärischen Konzepten und nachrichtendienstlicher Praxis zusammen. Es behandelt Einflussnahme als ein Instrument, dessen Wirkung und Einsatz sich untersuchen lassen. Der Ansatz reicht dabei über staatliche Operationen hinaus bis zu Organisationen und alltäglicher Kommunikation. An einer deutschen Fassung werde gearbeitet, berichtete Mader.
Die beschattete Investigativjournalistin
Anna Thalhammer hielt keinen klassischen Vortrag. Die „profil“-Chefredakteurin stellte sich Goisers Fragen über Spionage, ihre Recherchen und den Druck auf Journalisten. Unter dem Programmtitel „Umgang mit Spionage im Journalismus und in der Republik – ein Erfahrungsbericht“ gab die Herausgeberin des Nachrichtenmagazins erstaunlich viele Details preis.
Auf die Eingangsfrage, wann sie die Beschattung erstmals bemerkt habe, ging Thalhammer nicht konkret ein. Ausführlicher erzählte sie von der bereits aus öffentlichen Berichten bekannten Beschuldigten: einer in Wien lebenden Bulgarin, die ihre Tätigkeiten eingeräumt habe. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen.
Über das Verfahren beklagte Thalhammer einen begrenzten Informationszugang. Sie erhalte keine Akteneinsicht und werde von der Staatsanwaltschaft nicht ausreichend informiert. Sie warte auf einen Bericht oder eine Anklage. Sie berichtete außerdem von einem Versuch, die beschuldigte Frau persönlich zu konfrontieren. Diese sei jedoch vor ihr davongelaufen. Zuvor habe sie erfahren, dass die Bulgarin sich entschuldigen wolle.
Goiser griff den Begriff aus Leichtfrieds Vortrag auf und fragte, ob das Muster zu einer „Wegwerfagentin“ passe. Thalhammer hielt die Erklärung, die Frau habe den tatsächlichen Hintergrund ihrer Aufträge nicht gekannt, für eine Schutzbehauptung. Sie sah russische Geheimdienstinteressen dahinter – Interessen jenes Staates, den zuvor auch Leichtfried als ausländischen Spionageakteur genannt hatte. Goiser erinnerte im Gespräch daran, dass für alle Genannten die Unschuldsvermutung gelte.
Auf ihre frühere Tätigkeit bei „Heute“ angesprochen, bezeichnete Thalhammer diese Station als den „peinlichen Teil ihrer Karriere“. Weshalb das so sei, ließ sie offen. 2015 kam sie zur „Presse“, zunächst in die Chronik. Ab 2017 gehörte sie der Innenpolitikredaktion an und war kurz darauf an der Silberstein-Recherche beteiligt.
Damit rückte auch die unangenehme Seite investigativer Arbeit in den Gesprächsfokus: als Journalistin selbst überwacht zu werden. Thalhammer schilderte, während dieser Recherche habe sie einen Detektiv „am Hals“ gehabt. Ein Parteimanager habe ihr die Überwachung später nach einigen Bieren eingeräumt.
Zum Ende des Gesprächs sprach Goiser SLAPP-Verfahren an, also Klagen, die Betroffene durch Kosten und Aufwand einschüchtern sollen. Thalhammer beschrieb gerichtliche Auseinandersetzungen um ihre Veröffentlichungen und geteilte Beiträge. Das Hass-im-Netz-Gesetz nannte sie „verpfuscht“. Ihre Sorge formulierte sie persönlich: „Jetzt sitze ich vor Gericht und krieg vielleicht eine Vorstrafe.“
Risikokultur beginnt im Arbeitsalltag
Mit Esref Öztürk kam anschließend ein Absolvent der Hochschule zu Wort. Er stellte seine Abschlussarbeit aus dem Studium Integriertes Risikomanagement vor und verband die wissenschaftliche Fragestellung mit seiner Tätigkeit im Versicherungsbereich.
An drei Alltagssituationen erläuterte er, was Risikokultur im Unternehmen bedeutet: beim Umgang mit Phishing-Mails, bei Arbeitsunfällen und dann, wenn Verantwortung mit „Nicht mein Job“ zurückgewiesen wird. Sein Beitrag zeigte, wie Sensibilisierung über Regeln und Checklisten hinausreichen muss. Beschäftigte sollen Risiken erkennen, Probleme melden und wissen, an wen sie sich wenden können. Öztürk führte damit vor, wie sich eine Fragestellung aus dem Studium auf konkrete Abläufe im Berufsalltag übertragen lässt.
Rotes Kreuz zwischen Lageinformation und Kritik
Florian Schodritz, Fachbereichsleiter Digital Media beim Roten Kreuz Niederösterreich, schloss mit Ergebnissen seiner Masterarbeit über die Social-Media-Kommunikation von Einsatzorganisationen während des Hochwassers 2024.
Er schlüsselte die Social-Media-Kommunikation verschiedener Einsatzorganisationen auf und beschrieb Verbesserungsbedarf sowohl bei deren eigenen Beiträgen als auch beim Umgang mit Äußerungen aus der Bevölkerung. Soziale Medien sollten nicht nur die eigene Arbeit sichtbar machen, sondern Informationen für die Lagebeurteilung liefern und Austausch ermöglichen. Dafür wünschte er sich systematisches Monitoring und eine stärkere Einbindung in die Einsatzführung.
Wie Organisationen dabei mit Kritik umgehen, wurde auch an seiner Präsentation greifbar. Schodritz zeigte den Screenshot eines kritischen Postings einer Nutzerin und bezeichnete dessen Inhalt als Unsinn. Für die Erklärung eines Kommunikationsproblems wurde damit eine einzelne Person im Rahmen seines Fachvortrags identifizierbar gemacht.
Zum Abschluss kritisierte Schodritz die Einschränkungen für Werbung zu Themen wie Klimawandel oder Armut auf Meta-Plattformen, die auch die Kommunikation des Roten Kreuzes betreffen. Meta lässt seit Oktober 2025 in der EU keine Werbung zu politischen, Wahl- und gesellschaftspolitischen Themen mehr zu. Das Unternehmen begründet diesen Schritt mit den Anforderungen der EU-Regulierung für politische Werbung.
Schodritz’ Anliegen reichte damit von der systematischen Auswertung von Bürgerbeiträgen bis zur bezahlten Reichweite für die Botschaften der eigenen Organisation.

Thomas Goiser führte durch das Programm und ermöglichte mit seinen Fragen Einblicke über die vorbereiteten Präsentationen hinaus. | © Hochschule Campus Wien/Schedl
Querschnittsthemen unter dem Motto „Connected“
Die 37. ACIPSS-Tagung verband politische Sicherheitsfragen mit Forschung und Erfahrungen aus dem Berufsalltag. Thomas Goiser führte souverän durch die unterschiedlichen Themen und hakte dort nach, wo persönliche Erlebnisse oder konkrete Beispiele die Vorträge ergänzten. Seine Moderation ermöglichte Einblicke, die über die vorbereiteten Präsentationen hinausgingen und dem Austausch unter dem Motto „Connected“ Substanz gaben.
(red)


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