Lueger-Denkmal um 27,5 Zentimeter aus dem Lot

27,5 Zentimeter. So weit ist die Spitze der mehr als 4,5 Meter hohen Bronzefigur des ehemaligen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger nun von ihrer ursprünglichen Position entfernt. Was mathematisch nach einer Kleinigkeit klingt, soll kulturpolitisch eine große Wirkung entfalten. Mit der Fertigstellung des Projekts „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ hat die Stadt Wien die seit Jahren diskutierte Umgestaltung des Denkmals am Dr.-Karl-Lueger-Platz abgeschlossen.

Der Künstler Klemens Wihlidal vor dem eingerüsteten Lueger-Denkmal während der Umsetzung seines Projekts „Schieflage“.

Klemens Wihlidal ist Urheber der künstlerischen Intervention „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“. | © Wolfgang Thaler / KÖR Wien

Nach dem Entwurf des Künstlers Klemens Wihlidal wurde das Monument dauerhaft um 3,5 Grad nach rechts geneigt. Die Intervention soll das bisherige Ehrenmal in ein Mahnmal verwandeln und eine kritische Auseinandersetzung mit der historischen Figur Karl Lueger ermöglichen.

Zwischen Stehen und Fallen

Die Stadt Wien versteht die Maßnahme als Form der Kontextualisierung eines historisch belasteten Monuments und als Beitrag zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus, politischem Populismus und Erinnerungskultur im öffentlichen Raum. Künstler Klemens Wihlidal beschreibt die Neigung als bewusst gesetzte Irritation. Er spricht von einem „eingeleiteten Denkmalsturz“, der Fragen auslösen und Diskussionen über Ausgrenzung, Diskriminierung und Antisemitismus anregen solle.

Gipsmodell des von Klemens Wihlidal entworfenen Lueger-Denkmals für die Intervention „Schieflage“.

Das Gipsmodell veranschaulicht Klemens Wihlidals Konzept. | © Klemens Wihlidal

Der Vermittlungscharakter des Projekts steht im Mittelpunkt. Beinahe. Genauer um 27,5 Zentimeter beziehungsweise 3,5 Grad aus dem Lot. Begleitend kommen neue Informationstafeln und Bildungsangebote hinzu.

Frisch restauriert und sichtbar schief

Wer das Denkmal heute betrachtet, entdeckt noch eine andere markante Veränderung. Das Monument wirkt auffallend gepflegt. Im Zuge der Arbeiten wurden beschädigte Reliefs und Skulpturenteile restauriert sowie spätere Farb- und Bitumenschichten entfernt. Die helle Steinoberfläche, restaurierte Reliefs und instand gesetzte Details lassen das Denkmal neuwertig erscheinen. Die Bronze selbst zeigt weiterhin ihre gewachsene Patina.

Das von Klemens Wihlidal um 3,5 Grad geneigte Lueger-Denkmal nach der künstlerischen Kontextualisierung in Wien

„Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ am Dr.-Karl-Lueger-Platz beim Universitätsring. | © Wolfgang Thaler / KÖR Wien

Das sorgt für eine interessante Spannung. Ein Denkmal, dessen historische Aussage kritisch hinterfragt wird, präsentiert sich heute in einem besseren Zustand als über viele Jahre zuvor. Man betrachtet keine natürliche, durch Alter und Verfall entstandene Schieflage, sondern eine bewusst geschaffene, gleichsam in Stein gemeißelte.

Der symbolische Fall ist sichtbar – der tatsächliche wird verhindert. Das Denkmal steht damit dauerhaft in jenem Moment, den andere Monumente erst kurz vor ihrem Ende erreichen. Paradoxerweise verleiht die Schieflage dem alten Lueger ein überraschend modernes Erscheinungsbild.

776.000 Euro für ein Statement

Ganz ohne Diskussionen verlief das Projekt nicht. Die Umsetzung verzögerte sich mehrfach, die Kosten stiegen von ursprünglich rund 500.000 Euro auf zuletzt rund 776.000 Euro. Die Frage, wie mit historisch belasteten Denkmälern umzugehen ist, wird in Wien seit Jahren kontrovers diskutiert.

Die Bronzefigur des Lueger-Denkmals hängt während der Umbauarbeiten für die Intervention „Schieflage“ an einem Kran.

Die Arbeiten zur Umsetzung von „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ dauerten von Mai bis Juni 2026. | © Wolfgang Thaler / KÖR Wien

Nicht zuletzt fällt das Lueger-Denkmal am Universitätsring besonders auf. Gegenüber befindet sich die Hauptuniversität. Dem neuen Lueger-Denkmal in Feng-Shui-Seitenlage dürfte die Aufmerksamkeit sicher niemals wieder abhanden kommen.

Was schief läuft

Vielleicht hätte man die Schieflage sogar noch etwas erhöhen und eine Fallzone vorsehen sollen. Dann würde das Denkmal eines Tages von selbst umstürzen – und niemand käme mehr auf die Idee, es wieder aufzurichten.

(PA/red)

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