Österreichs Geburtenrate erreicht neues Rekordtief

Die Geburtenrate in Österreich ist erneut gesunken und hat 2025 mit durchschnittlich 1,3 Kindern pro Frau einen historischen Tiefstand erreicht. Neue Analysen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und internationale Einschätzungen von Demografen zeigen dabei ein differenziertes Bild: Nicht fehlender Kinderwunsch gilt als Hauptursache – sondern wirtschaftliche Unsicherheit, gesellschaftliche Veränderungen und Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Laut dem am Montag präsentierten Geburtenbarometer der ÖAW bleibt in Österreich inzwischen rund jede fünfte Frau kinderlos. Bei Frauen der Jahrgänge nach 1990 könnte der Anteil laut Prognosen sogar auf über 25 Prozent steigen. Gleichzeitig steigt das Alter bei der ersten Geburt kontinuierlich an: Lag es 1984 noch deutlich niedriger, bekommen Frauen ihr erstes Kind heute durchschnittlich mit 30 Jahren.

Kinderwunsch vorhanden – Umsetzung oft schwierig

Die Demografin Caroline Berghammer vom Institut für Demographie der ÖAW sieht die Ursachen vor allem in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Steigende Wohnkosten, Inflation und unsichere wirtschaftliche Perspektiven würden Familiengründungen erschweren. „Kinder muss man sich auch leisten können“, so Berghammer gegenüber ORF Wissen.

Nach Berechnungen der Statistik Austria verursachen Kinder bis zum 18. Lebensjahr durchschnittlich rund 100.000 Euro an direkten Kosten – etwa für Wohnen, Ernährung oder Kleidung. Nicht eingerechnet sind dabei mögliche Einkommensverluste, etwa durch Teilzeitbeschäftigung.

Hinzu komme laut den Forschern ein strukturelles Problem bei Partnerschaften. Vor allem höher gebildete Frauen würden zunehmend Schwierigkeiten haben, einen passenden Partner mit ähnlichem Bildungsniveau zu finden. Gleichzeitig hätten sich die Erwartungen an die Aufteilung von Kinderbetreuung und Haushalt verändert.

Österreich bei Kinderbetreuung weiter im Rückstand

Als zusätzlicher Faktor gilt die weiterhin ungleiche Verteilung familiärer Betreuungspflichten. Laut einer von Berghammer mitverfassten Studie gehen Frauen in Österreich durchschnittlich mehr als 400 Tage in Karenz, Männer hingegen lediglich neun Tage.

Die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Defizite bei Kinderbetreuung würden daher weiterhin stark auf Familienentscheidungen wirken. Für viele Frauen sei ein deutlicher Karriereknick heute weniger akzeptabel als noch vor früheren Generationen.

Ebenso zeigen die langfristigen Zahlen, dass die Entwicklung wohl über reine Kostenfragen hinausgeht. Trotz vergleichsweise hoher Lebensstandards, sozialer Absicherung und umfangreicher Familienleistungen sinken die Geburtenraten in vielen wohlhabenden Ländern seit Jahren weiter. Die aktuellen Daten werden daher auch als Hinweis auf einen breiteren gesellschaftlichen Wandel interpretiert – dazu zählen etwa bei Partnerschaft, Lebensplanung und den Erwartungen an Familie und Beruf.

Experten sehen niedrige Geburtenrate nicht nur negativ

Internationale Demografen warnen vorsorglich vor vereinfachten Alarmdebatten rund um sinkende Geburtenzahlen. Die Forscher Guillaume Marois und Wolfgang Lutz argumentieren in einem Fachkommentar, dass niedrige Geburtenraten langfristig nicht automatisch wirtschaftlichen Niedergang bedeuten müssen.

Entscheidend seien vielmehr Produktivität, Bildung und gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit. Weniger Kinder könnten auch bedeuten, dass stärker in Ausbildung und Entwicklung investiert werde. Zudem könne technologischer Fortschritt einen Teil des Arbeitskräftemangels ausgleichen.

Die oft genannte „ideale“ Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau sehen die Forscher kritisch. Diese Zahl basiere auf theoretischen Annahmen und garantiere weder Wohlstand noch stabile Gesellschaften.

Debatte zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensrealität

Die laufende Diskussion über sinkende Geburtenraten berührt einen sensiblen gesellschaftlichen Bereich zwischen Selbstbestimmung, Familienbild und staatlicher Lenkung. Einerseits zeigen Befragungen weiterhin einen grundsätzlich vorhandenen Kinderwunsch. Andererseits werfen die aktuellen Entwicklungen die Frage auf, warum ausgerechnet in einigen der reichsten Gesellschaften der Welt zunehmend das Gefühl entsteht, sich Kinder kaum noch „leisten“ zu können – finanziell, zeitlich oder biografisch.

Brisant ist die Entwicklung vor allem deshalb, weil sie langfristig weit über individuelle Lifestyle-Entscheidungen hinausreicht. Sinkende Geburtenzahlen verändern Altersstrukturen, erhöhen den Druck auf Arbeitsmarkt und Pensionssystem und verstärken gleichzeitig die Bedeutung von Zuwanderung für Wirtschaft und Sozialstaat.

(red)