Was tatsächlich hinter dem Kreatin-Boom steckt
Kreatin gehört zu den ältesten und am besten erforschten Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt. Bereits in den 1990er-Jahren war die Substanz in Fitnessstudios weit verbreitet, im Leistungs- und Kraftsport wird sie seit Jahrzehnten eingesetzt. Heute reicht das Interesse weit darüber hinaus. Kreatin wird nicht mehr nur als Supplement für Muskelaufbau wahrgenommen, sondern zunehmend auch im Zusammenhang mit Ernährung, Leistungsfähigkeit und gesundem Altern diskutiert.
Dabei produziert der Körper Kreatin selbst. Die Substanz wird vor allem in Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse gebildet und größtenteils in den Muskeln gespeichert. Zusätzlich gelangt sie über die Nahrung in den Organismus, insbesondere über tierische Nahrung wie Fleisch und Fisch.
Der Treibstoff für kurze Höchstleistungen
Die Aufgabe von Kreatin lässt sich vereinfacht so beschreiben: Es hilft dem Körper, Energie besonders schnell bereitzustellen. Müssen Muskeln innerhalb weniger Sekunden Höchstleistungen erbringen – etwa beim Sprint, Gewichtheben oder Workout –, greift der Körper auf einen Energiespeicher namens Phosphokreatin zurück. Dieser unterstützt die Regeneration von ATP, dem universellen Energieträger der Zellen. Kurz gesagt sorgt Kreatin dafür, dass der Muskel für kurze Zeit etwas länger auf Hochtouren arbeiten kann.

Proteinpulver, Vitamine und Supplements sind besonders im Fitnessbereich verbreitet. | © Shutterstock
Vom Schlachthof ins Labor
Interessant ist auch die Herkunft. Ursprünglich stammt Kreatin aus tierischen Quellen. Der Name leitet sich vom griechischen Wort „kreas“ für Fleisch ab. Kreatin wurde in den frühen 90ern vor allem im Leistungs- und Kraftsport populär.
Das Kreatin in heutigen Nahrungsergänzungsmitteln stammt jedoch meist nicht mehr aus Fleisch. Industriell wird es überwiegend synthetisch hergestellt. Dabei entstehen aus den Ausgangsstoffen Sarcosin und Cyanamid mehrere chemische Reaktionsschritte, an deren Ende meist Kreatin-Monohydrat steht – jene Form, die in der Forschung am besten untersucht ist.
Das weiße Pulver ist geschmacksneutral, wasserlöslich und wird üblicherweise in Getränke eingerührt. Anders als Kollagen oder kosmetische Wirkstoffe wird Kreatin nicht auf die Haut aufgetragen, sondern eingenommen.
Warum der Boom wieder kommt
Lange galt das Supplement als klassisches Muskelaufbauprodukt. Heute fällt es in dieselbe Kategorie wie Longevity, Biohacking und Gesundheitsoptimierung. Forscher untersuchen inzwischen nicht nur sportliche Effekte, sondern auch mögliche Zusammenhänge mit Alterungsprozessen, Regeneration und geistiger Leistungsfähigkeit.
Gerade dieser letzte Bereich befeuert den aktuellen Hype. Zwar gibt es erste interessante Studien, etwa zu Schlafmangel oder älteren Menschen. Für viele der in sozialen Netzwerken kursierenden Versprechen reichen die wissenschaftlichen Belege bisher jedoch nicht aus.
Zwischen Wissenschaft und Vermarktung
Damit unterscheidet sich Kreatin von vielen anderen Trend-Supplements. Die Wirkung im Kraft- und Schnellkraftbereich gilt als vergleichsweise gut belegt. Gleichzeitig wird das Produkt derzeit mit Erwartungen aufgeladen, die weit über den ursprünglichen Einsatz hinausgehen.
Ähnliche Entwicklungen waren in den vergangenen Jahren bei Kollagen, Ashwagandha, Omega-3-Kapseln oder verschiedenen Pilzextrakten zu beobachten. Neue Studien treffen auf geschicktes Marketing, Influencer-Empfehlungen und einen milliardenschweren Online-Markt für Nahrungsergänzungsmittel.
Wer Kreatin kaufen möchte, sollte deshalb nicht nur auf Werbeversprechen achten. Fachleute empfehlen Produkte etablierter Hersteller mit nachvollziehbaren Qualitätskontrollen. Gerade bei unbekannten Marken aus Online-Shops lässt sich oft schwer überprüfen, woher die Rohstoffe stammen und welche Reinheitsstandards tatsächlich eingehalten werden.
(red)


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