Ingrid Thurnher beruft Enterprise-Chef Oliver Böhm ab

Mit der Abberufung von Oliver Böhm trifft ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher eine ihrer bislang weitreichendsten Personalentscheidungen. Die seit April laufende Compliance-Untersuchung gegen den Geschäftsführer der ORF Enterprise ist abgeschlossen, der langjährige Vermarktungschef muss das Unternehmen verlassen.

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Für Böhm endet damit eine prägende Zeit an der Spitze des Konzerns. Seit 2013 verantwortete der gebürtige Wiener die Vermarktung sämtlicher TV-, Radio- und Digitalangebote des ORF. Kaum ein anderer Manager war in den vergangenen Jahren so eng mit der Entwicklung des heimischen Werbemarktes verbunden.

Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der Thurnher den ORF bis zum geplanten Führungswechsel neu ordnet und offene Personal- sowie Compliance-Verfahren abschließt. Bereits im April hatte sie Böhm nach bekannt gewordenen Vorwürfen mit sofortiger Wirkung beurlaubt und interne wie externe Untersuchungen eingeleitet. Über deren Inhalt schwieg der ORF seither mit Hinweis auf den Schutz aller Beteiligten. Gestern folgte die endgültige personelle Konsequenz.

Screenforce Mitglieder: ORF, ORF-Enterprise, ServusTV, ProSiebenSat.1 PULS 4, ATV und RTL AdAlliance.

Oliver Böhm. | © Lukas Lorenz

Böhm war mehr als der “Werbechef” des ORF

Böhms beruflicher Weg führte ihn zunächst in den Zeitschriftenbereich, bevor er mit der Liberalisierung des Radiomarktes zu Radio Energy wechselte. Später leitete er Radio 88.6 und Hit FM, ehe ihn der damalige ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz 2013 gemeinsam mit Beatrice Cox-Riesenfelder in die Geschäftsführung der ORF Enterprise holte. Während Cox-Riesenfelder zusätzlich die ORF Online und Teletext GmbH verantwortete, entwickelte sich Böhm zunehmend zum Gesicht der Vermarktungstochter. Nach ihrem Wechsel in die Privatwirtschaft Anfang 2021 übernahm er die Gesamtleitung der ORF Enterprise.

Vernetzt in der gesamten Kommunikationsbranche

Seine Rolle reichte weit über die Geschäftsführung der ORF Enterprise hinaus. Böhm gehörte zu jenen Managern, die den österreichischen Werbemarkt über Jahre auch auf Branchenebene mitgestalteten. Als Präsident des Vereins Media Server trieb er die Entwicklung einer gemeinsamen Crossmedia-Währung voran, die erstmals die Nutzung unterschiedlicher Mediengattungen vergleichbar machen sollte. Parallel dazu engagierte er sich als Vorstand der International Advertising Association (IAA Austria), in der Arbeitsgemeinschaft Teletest (AGTT), beim Radiotest, im Verein Media Award sowie zuletzt als Sprecher von Screenforce Österreich.

Unter seiner Führung öffnete sich die ORF Enterprise zudem stärker für branchenübergreifende Kooperationen. Neben der klassischen Vermarktung entstanden gemeinsame Initiativen mit anderen Medienhäusern und TV-Anbietern, darunter RTL Deutschland, die ProSiebenSat.1-Gruppe und ServusTV. Im Mittelpunkt standen nicht nur Werbevermarktung und Reichweitenmodelle, sondern zunehmend auch gemeinsame Branchenstandards, Marktforschung und neue Vermarktungsformen für den österreichischen Medienmarkt.

Persönliche Einblicke: Der Mensch hinter dem Manager

Bei der Programmpräsentation von ORF III im Globe Wien sprach Oliver Böhm Anfang 2024 ungewöhnlich offen über sich selbst. Wenige Wochen nach einer Meniskusoperation erzählte er von seiner Reha, vom Heimergometer im Wohnzimmer und von seiner Frau, die das Gerät lieber in einer Ecke als vor dem Fernseher gesehen hätte. Als sie das Haus verließ, stellte Böhm den Heimergometer kurzerhand wieder vor den Fernseher.

Was folgte, war eine fast surreale Erzählung. Mit schmerzendem Knie klickte sich Böhm zunächst durch Netflix, Amazon, Apple und YouTube. Statt Unterhaltung fand er vor allem Werbung, die ihn mehr nervte als begeisterte. Erst als er bei ORF III landete, änderte sich die Stimmung. Er blieb hängen, trat immer weiter in die Pedale und verlor jedes Zeitgefühl. Aus den geplanten zwei Stunden wurden fast fünf. Böhm rechnete nach: 180 Kilometer – beinahe bis nach Linz. Und da merkte er plötzlich: Bis dahin hatte er es geschafft – zurück würde er es aber nicht mehr schaffen.

Verschwitzt, durstig und orientierungslos wusste Böhm in seiner Geschichte plötzlich nicht mehr, wie er nach Hause kommen sollte. Da fiel ihm ein, dass er noch zwei Euro eingesteckt hatte. Also kaufte er sich zuerst ein Rubellos der Österreichischen Lotterien, gewann prompt, deckte sich unterwegs mit Proviant, Medikamenten und trockener Kleidung ein und dachte schließlich sogar über eine Heimreise mit der ÖBB nach. Erst ganz am Ende löste Böhm die Pointe auf: Eigentlich sei es die Kraft des klassischen Fernsehens gewesen, die ihn so lange vor dem Bildschirm gehalten habe – und die Werbung habe ihm unterwegs sogar noch den Weg gewiesen, was er auf seiner imaginären Reise alles brauchen würde.

Plötzlicher Bruch nach jahrelanger Kontinuität

Umso überraschender kam seine Beurlaubung im April 2026. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher stellte den seit 2013 amtierenden Geschäftsführer der ORF Enterprise nach nicht näher bezeichneten Vorwürfen mit sofortiger Wirkung frei und leitete eine interne sowie externe Compliance-Untersuchung ein. Über Monate blieb offen, worum es dabei tatsächlich ging.

Mit deren Abschluss folgte nun die endgültige personelle Konsequenz. Wie der ORF bekanntgab, habe die Untersuchung ergeben, dass Oliver Böhm „in mehrerlei Hinsicht Verhalten an den Tag gelegt“ habe, „das eine Weiterbeschäftigung im Unternehmen unmöglich macht“. Worin dieses Verhalten bestand, beantwortet der ORF weiterhin nicht. Das Unternehmen verweist auf den Persönlichkeitsschutz sowie den Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Mit der Abberufung verliert der ORF nicht nur den langjährigen Geschäftsführer seiner Vermarktungstochter. Böhm verantwortete zuletzt ein Werbegeschäft mit jährlichen Erlösen von rund 200 Millionen Euro und zählte als dritthöchstbezahlter Manager des Konzerns zu den einflussreichsten Führungskräften des Unternehmens.

Wie es mit Oliver Böhm nun weitergeht

Oliver Böhm selbst hat sich zu seiner Beurlaubung im April ebenso wenig öffentlich geäußert wie zu seiner nun erfolgten Abberufung. Auch am Tag nach Bekanntwerden der Entscheidung blieb eine persönliche Stellungnahme aus. Wer mit Oliver Böhm zu tun hatte, wusste, dass Gespräche mit ihm auch außerhalb des Büros möglich waren. Man traf ihn bei Einladungen, Branchenabenden und ebenso gerne beim Italiener. Seit seiner Beurlaubung fehlt von dieser Präsenz jede Spur.

Mit der Abberufung hat der ORF seine arbeitsrechtliche Entscheidung zwar getroffen, rechtlich muss die Angelegenheit damit jedoch nicht abgeschlossen sein. Grundsätzlich können sich ehemalige Führungskräfte gegen dienstrechtliche Maßnahmen oder die Beendigung ihres Dienstverhältnisses auf dem Zivil- und Arbeitsrechtsweg zur Wehr setzen. Ob Oliver Böhm diesen Weg einschlagen wird, ist derzeit offen.

Ebenso wichtig ist die Unterscheidung zwischen arbeitsrechtlichen und strafrechtlichen Fragen. Der ORF spricht von den Ergebnissen einer internen Compliance-Untersuchung und einem Verhalten, das eine Weiterbeschäftigung im Unternehmen unmöglich mache. Konkrete strafrechtliche Vorwürfe wurden bislang jedoch nicht öffentlich erhoben. Welche rechtlichen Schritte Böhm oder der ORF in den kommenden Wochen setzen werden, bleibt daher abzuwarten.

(red)