Wie deutsch ist Österreichs Oscar-Kandidat „Rose“?
Österreich schickt Markus Schleinzers „Rose“ ins Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film. Eine unabhängige Branchenjury wählte das Historiendrama aus drei eingereichten Produktionen aus. Ebenfalls zur Wahl standen „Gentle Monster“ von Marie Kreutzer und „Vier minus Drei“ von Adrian Goiginger.
Eine Nominierung ist mit der Auswahl noch nicht verbunden. Am 15. Dezember 2026 veröffentlicht die Academy zunächst eine Shortlist mit 15 Filmen. Die fünf Nominierten werden am 21. Jänner 2027 bekannt gegeben. Die 99. Academy Awards finden am 14. März im Dolby Theatre in Los Angeles statt.
„Rose“ bringt dafür beste Voraussetzungen mit: einen Wettbewerbseinsatz bei der Berlinale, einen Silbernen Bären für Hauptdarstellerin Sandra Hüller und bereits vergebene Verwertungsrechte in mehreren wichtigen Kinomärkten.

Sandra Hüller spielt in Markus Schleinzers Historiendrama „Rose“ eine Frau, die nach dem Dreißigjährigen Krieg unter männlicher Identität ein neues Leben beginnt. Der österreichisch-deutsche Film ist Österreichs Beitrag für die Oscars 2027. | © Filmladen Filmverleih / Piffl Medien
Ein Leben in Männerkleidung
Der Film führt in ein protestantisches Dorf im Deutschland des 17. Jahrhunderts nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Ein fremder Soldat erscheint und beansprucht einen verlassenen Gutshof. Dokumente sollen belegen, dass ihm das Anwesen als Erbe zusteht. Hinter der männlichen Identität verbirgt sich jedoch eine Frau, die sich auf diese Weise Zugang zu Arbeit, Eigentum und gesellschaftlicher Anerkennung verschafft.
„Rose“ steht damit in einer Reihe neuerer Historienfilme, die Frauen und gesellschaftlich marginalisierte Gruppen als handlungsbestimmende Figuren ins Zentrum rücken und überlieferte Machtverhältnisse aus heutiger Perspektive neu erzählen. Die Geschichte beruht nicht auf der Rekonstruktion eines einzelnen Lebens, sondern verdichtet historische Berichte über Frauen, die als Männer lebten, zu einer erfundenen Biografie.
Sandra Hüller verkörpert Rose vor allem über Haltung, Gang, Kleidung und kontrollierte Blicke. Die Berlinale zeichnete sie dafür mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle aus.
Das Drehbuch verfasste Markus Schleinzer gemeinsam mit Alexander Brom. Gerald Kerkletz gestaltete die Schwarz-Weiß-Bilder, Hansjörg Weißbrich übernahm die Montage. Zum Ensemble gehören neben Hüller unter anderem Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese und Robert Gwisdek.
Der größte Teil von „Rose“ entstand im Glasebachtal bei Straßberg im Ostharz, wo die Dorfkulisse neu errichtet wurde und die Grube Glasebach der Produktion als Stützpunkt diente. Weitere Dreharbeiten fanden laut Filminstitut in Österreich statt.
Zwischen Kunsturteil und Oscar-Strategie
Dass der Film Österreich bei den Oscars vertreten soll, entschied eine vom Fachverband der Film- und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer organisierte Branchenjury. Stimmberechtigt waren der Regisseur Mark Gerstorfer, Drehbuchautorin Maria Hinterkörner, Szenenbildnerin Antoinette Höring, Austrian-Films-Geschäftsführerin Anne Laurent-Delage, die Regisseure Gerda Leopold und Thomas Rigler, Kameramann Wolfgang Thaler, Editorin Cordula Werner und Produzentin Claudia Wohlgenannt.
Beratend nahmen Fachverbandsobmann und Filmproduzent Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Produzent Michael Kitzberger und die auf internationalen Vertrieb spezialisierte Salma Abdalla teil. Damit verband die Kommission künstlerische Aspekte mit Produktion, Interessenvertretung und internationaler Vermarktung.
Ihre Begründung fällt entsprechend zweigleisig aus. Die Jury würdigte die Schwarz-Weiß-Bilder, Schleinzers Inszenierung und die künstlerische Geschlossenheit des Films. Zugleich führte sie die weltweite Resonanz, Sandra Hüllers Berlinale-Preis und die internationale Positionierung als Gründe für „Rose“ an. Bewertet wurde damit nicht allein der Film, sondern auch seine Aussicht, im internationalen Oscar-Wettbewerb wahrgenommen zu werden.
Drei unterschiedliche Kandidaten
Neben „Rose“ standen zwei starke Filme zur Wahl, die ebenfalls auf großen Festivals vertreten waren: Marie Kreutzers Cannes-Beitrag „Gentle Monster“ und Adrian Goigingers Berlinale-Film „Vier minus Drei“.
„Gentle Monster“ erzählt von zwei Frauen, deren Leben von Männern und deren verborgenen Seiten bestimmt wird. Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp und Catherine Deneuve spielen die Hauptrollen. Der Film lief 2026 im Wettbewerb von Cannes und startet am 17. September in Österreich.

Plakat VIER MINUS DREI von Adrian Goiginger. | © Alamode Film & Polyfilm
Adrian Goigingers „Vier minus Drei“ basiert auf der Lebensgeschichte von Barbara Pachl-Eberhart. Valerie Pachner spielt eine Klinikclownin, die bei einem Unfall ihren Mann und ihre beiden Kinder verliert und einen eigenen Umgang mit ihrer Trauer sucht. Der Film wurde beim Österreichischen Filmpreis für Regie, Drehbuch sowie weibliche Haupt- und männliche Nebenrolle ausgezeichnet. Seit dem Kinostart im März verzeichnet das Filminstitut 76.338 Besuche.
„Rose“ eröffnete im selben Monat die Diagonale und startete im April regulär im Kino. Bislang wurden 16.588 Besuche registriert. Für die Oscar-Auswahl war die Resonanz im Inland ersichtlich nicht ausschlaggebend. Die Jury setzte auf den bereits angelaufenen internationalen Weg.
Woher „Rose“ kommt und wer den Film bezahlt
Wie unterschiedlich stark die drei Kandidaten wirtschaftlich in Österreich verankert sind, zeigt ihre Produktionsstruktur. „Gentle Monster“ und „Vier minus Drei“ entstanden als österreichische Mehrheitskoproduktionen. „Rose“ wird vom Österreichischen Filminstitut hingegen als österreichische Minderheitskoproduktion geführt.
Produziert wurde der Film von der Firma Schubert Füm gemeinsam mit ROW Pictures und Walker + Worm Film aus Deutschland. Johannes Schubert ist der österreichische Produzent; Philipp Worm, Tobias Walker und Karsten Stöter vertreten die deutschen Partner.
Das Gesamtbudget liegt bei ungefähr 8,4 Millionen Euro. Davon entfielen rechnerisch rund 2,24 Millionen Euro auf österreichische Herstellungskosten – etwa 27 Prozent. Das Österreichische Filminstitut stellte 830.000 Euro selektive Herstellungsförderung bereit, ÖFI+ weitere 765.000 Euro. Der ORF beteiligte sich über das Film-/Fernseh-Abkommen mit 450.000 Euro.
Die größere Finanzierungssäule liegt in Deutschland. Allein der Deutsche Filmförderfonds trug 1,435 Millionen Euro bei. Dazu kamen unter anderem die Mitteldeutsche Medienförderung, die deutsche Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen, die Filmförderungsanstalt sowie regionale Förderstellen aus Bayern, Berlin-Brandenburg und Norddeutschland. Auch ZDF und Arte waren beteiligt.
Zum Vergleich: Bei „Vier minus Drei“ entfielen ungefähr 63 Prozent der Herstellungskosten auf Österreich. Die österreichische Produktionsgesellschaft hält 64 Prozent am Projekt. Bei „Gentle Monster“ liegt die österreichische Produktionsmehrheit bei 52 Prozent; rund 43 Prozent der Herstellungskosten fielen hierzulande an.
Österreichische Regie, deutsches Fundament
Die Oscar-Regeln verlangen keine nationale Finanzierungsmehrheit. Das einreichende Land muss bestätigen, dass die kreative Kontrolle überwiegend bei eigenen Staatsbürgern oder Einwohnern lag. Die österreichische Zuordnung stützt sich insbesondere auf Markus Schleinzer als Regisseur und Koautor, Produzent Johannes Schubert und Kameramann Gerald Kerkletz.
Wirtschaftlich ist „Rose“ zwar der am wenigsten österreichische der drei Kandidaten, inhaltlich wirkt die Wahl dafür umso treffender. Die Jury entschied sich nicht für jene Produktion, in der die meiste heimische Arbeit, Finanzierung oder Publikumsresonanz steckt. Sie wählte den Film mit der stärksten internationalen Ausgangsposition.
Das kann die richtige Oscar-Strategie sein. Es zeigt jedoch, wie beweglich der Begriff „österreichischer Film“ verwendet wird. Bei der Förderung zählen Produktionsanteile, Ausgaben und Wertschöpfung. Bei den Oscars zählen kreative Kontrolle, Festivalerfolg, internationale Verfügbarkeit und die organisatorischen Voraussetzungen für eine Kampagne.
Die Branchenjury lässt Österreich somit von einer deutsch dominierten Produktion vertreten, während zwei österreichische Mehrheitsproduktionen zurückbleiben. „Rose“ ist ein Film des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer. Das wirtschaftliche Fundament, auf dem er nun unter österreichischer Flagge nach Hollywood reist, wurde allerdings überwiegend in Deutschland gelegt.
Ob er deshalb auch der bestgeeignete österreichische Beitrag ist, lässt sich nicht aus seiner Finanzierung beantworten. Eine gewisse Ironie besitzt die Wahl dennoch: Ausgerechnet der wirtschaftlich am wenigsten österreichische Kandidat erzählt von einer Figur, die ihre Herkunft und Identität den Umständen entsprechend gestaltet – als Freiheitskämpferin, Betrügerin, Erbin und Erfinderin der eigenen Biografie.
(red)


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