Die Viennale streckt ihre Flossen Richtung Wiennale aus
Vom 22. Oktober bis 3. November findet die 64. Viennale statt. Die erste Vorschau verspricht internationales Arthouse-Kino, mehrere filmhistorische Programme und eine neue Festivalzentrale im Wiener Funkhaus. Das vollständige Programm wird am 13. Oktober veröffentlicht, der Vorverkauf beginnt vier Tage später.
Direktorin Eva Sangiorgi präsentierte eine erste Auswahl von rund 30 Filmen, darunter neue Arbeiten von James Gray, Ryūsuke Hamaguchi, Bruno Dumont, Lisandro Alonso, Angela Schanelec, Valeska Grisebach und Ulrike Ottinger. Isabelle Huppert wird mit Ottingers Die Blutgräfin erwartet, Wolf Biermann anlässlich des ihm gewidmeten Dokumentarfilms von Jens Meurer.
Die Viennale bündelt damit auch heuer eine Auswahl von Filmen, die ihre internationale Festivallaufbahn bereits begonnen haben, und bringt sie als Österreich-Premieren nach Wien. Ihr eigenständigeres Profil entsteht dort, wo Gegenwartskino auf Filmgeschichte trifft. Und natürlich beim Festivalplakat, das heuer einen mehr als 230 Jahre alten japanischen Wal ins Wiener Stadtbild schickt.
Bereits eingangs bedankte sich Sangiorgi bei Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Die Stadt Wien zählt zu den wesentlichen Geldgebern des Festivals. Durch die Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion wird diese Verbindung auch im Festivalprogramm sichtbar. Als neue Festivalzentrale dient das ehemalige ORF-Funkhaus, das heute privat betrieben und mit Büros, Studios und Veranstaltungsräumen neu belebt wird.
Ein preußischer Ikarus in Wien
Wolf Biermann bringt ein Stück deutsch-deutscher Zeitgeschichte ins aktuelle Programm. Der 1936 in Hamburg geborene Liedermacher übersiedelte als Jugendlicher in die DDR, wurde dort wegen seiner regimekritischen Texte mit Auftritts- und Publikationsverbot belegt und 1976 nach einem Konzert in Köln ausgebürgert. Jens Meurers Dokumentarfilm Biermann zeichnet dieses widersprüchliche Leben zwischen kommunistischer Überzeugung, Dissidenz und öffentlicher Streitlust nach. Zur Viennale wird Biermann selbst erwartet.

Wolf Biermann als „Preußischer Ikarus“ vor dem damals ungekrönten Reichsadler der Weidendammer Brücke, Berlin 1975. | © Roger Melis.
Robert Aldrich in raren Filmkopien
Den größten historischen Schwerpunkt bildet eine nahezu vollständige Retrospektive des amerikanischen Regisseurs Robert Aldrich. Sie läuft von 23. Oktober bis 30. November im Österreichischen Filmmuseum.
Aldrichs Filme kehren vielfach in seltenen Filmkopien auf die Leinwand zurück – in jenem Material, für das sie aufgenommen wurden und in dem sie einst durch die Kinos reisten. Bewahrt werden damit nicht bloß die Filme, sondern auch eine Form, sie zu sehen.
Bekannt ist Aldrich für Welterfolge wie Vera Cruz, What Ever Happened to Baby Jane? und The Dirty Dozen. Erst die nahezu vollständige Projektion seines Werks eröffnet den Blick auf einen wesentlich widerspenstigeren Aldrich. Zu den besonderen Empfehlungen gehören die Hollywood-Abrechnung The Legend of Lylah Clare, das lesbische Beziehungs- und Machtstück The Killing of Sister George, der desillusionierte Kriegsfilm Too Late the Hero und das düstere Gangsterdrama The Grissom Gang.
Diese Filme fallen in jene kurze Phase, in der Aldrich ein eigenes Studio betrieb. Einige wurden zu kommerziellen Misserfolgen und brachten seine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu Fall. Was damals kommerziell scheiterte, gehört heute zum Besten seines Werks. Christoph Huber, Kurator am Filmmuseum, stellte Aldrich als „Hollywood Rebel“ vor: als Regisseur, der sich vom konservativ-republikanischen Milieu seiner Familie entfernte, mit Verfolgten der McCarthy-Ära sympathisierte und kritische Gedanken ins populäre Hollywoodkino einschleuste.
Passend dazu hielt Huber das Cover seines im Oktober bei Mandelbaum erscheinenden Buches Robert Aldrich – Hollywood Rebel / Rebell in Hollywood in die Höhe. Buch und Retrospektive folgen derselben Deutung.

Christoph Huber empfahl sein im Oktober erscheinendes Aldrich-Buch.
Die Neunziger im Fünferpack
Florian Widegger stellte einen vom Filmarchiv Austria verantworteten kleinen Schwerpunkt zum österreichischen Kino der 1990er Jahre vor. Zur Begründung verwies er darauf, dass es bereits Programme zu den Siebzigern oder Achtzigern gegeben habe und nun dieses Jahrzehnt an der Reihe sei.
Gezeigt werden Florian Flickers dystopische Halbe Welt, das Kinodebüt von Stefan Ruzowitzky Tempo, Goran Rebićs Jugofilm, der Episodenfilm Slidin’ – Alles bunt und wunderbar sowie Mirjam Ungers Langfilmdebüt Ternitz, Tennessee.
Die Auswahl versammelt Stadt und Provinz, Migration und Popkultur, Aufbruch und Verunsicherung. Für ein ganzes Jahrzehnt ist das ein überschaubarer Obstkorb, aber jedes gewünschte Aroma liegt darin. Anders als die Aldrich-Retrospektive werden die fünf ursprünglich auf Film entstandenen Arbeiten digital projiziert.

Florian Widegger stellte fünf österreichische Filme der 1990er Jahre für das Viennale-Programm vor.
Phil Solomon erneut im Programm
Fünf Programme gelten dem amerikanischen Experimentalfilmer Phil Solomon. Er lehrte ab 1991 an der University of Colorado Boulder, zeitweise gemeinsam mit Stan Brakhage, mit dem er drei Filme realisierte. Solomon arbeitete häufig mit 16-mm-Material, das er am optischen Printer kopierte und chemisch bearbeitete.
Drei Programme führen durch sein Werk, zwei stellen Einflüsse, Zeitgenossen und jüngere Fortsetzungen vor. Eine Live-Super-8-Performance der Gruppe Silt ergänzt die Reihe.
Für die Viennale ist Solomon keine Neuentdeckung. Bereits 2020 war ihm eine Monografie gewidmet. Weshalb sein Werk sechs Jahre später erneut so ausführlich vorgestellt wird, bleibt eine kuratorische Frage.
Jocelyne Saab: Jenseits der Reportage
Die libanesische Journalistin Jocelyne Saab begann als Kriegsreporterin, fand während des Bürgerkriegs in ihrer Heimatstadt aber zu einer anderen Form. Ihre Beirut-Trilogie erklärt den Krieg nicht wie ein Fernsehbericht. Dokumentarische Aufnahmen treffen auf persönliche Erinnerung, inszenierte Situationen und poetische Texte.
Für Beirut, Never Again filmte Saab sechs Monate lang die morgendlichen Spuren der nächtlichen Kämpfe. Den Kommentar schrieb die Dichterin Etel Adnan. In Letter from Beirut tritt Saab selbst vor die Kamera und verbindet Beobachtung mit bewusst hergestellten Situationen. Beirut, My City vollendet die Chronik 1982 während der israelischen Belagerung.
Drei weitere Filme führen in den Iran während der Revolution, zu den Bewohnern der Kairoer Totenstadt und zu Kindern, die im libanesischen Krieg aufwachsen. Die Viennale folgt dabei einer Formulierung der Filmhistorikerin Nicole Brenez: Saabs Kino sei von „Liebe zu den Opfern“ und „Ironie gegenüber den Mächtigen“ getragen. Das ist eine klare Leseanweisung.
Vier Filme für ein Publikum ab 14
Neu ist ein Ferien-Abo für Jugendliche. Vier gemeinsam mit der Bildungsdirektion Wien ausgewählte Filme kosten zusammen 20 Euro. Jede Vorstellung erhält eine Einführung, anschließend sind Gespräche mit Filmschaffenden vorgesehen. Zwei weitere Termine richten sich direkt an Schulklassen; gemeinsam mit der Erste Bank ist außerdem ein Einblick in die Arbeit des Festivals geplant.
Ob das Konzept sein junges Publikum erreicht, wird sich erst im Kino zeigen. Ein 117-minütiger japanischer Film mit deutschen Untertiteln verlangt Geduld – nicht nur von Jugendlichen. Gerade darin kann jedoch der Wert eines solchen Angebots liegen.
Ein geliehener Wal für Wien
Kaum war der eine Wal aus dem Becken gehoben, tauchte in Wien schon der nächste auf. Im Frühjahr hatte Margot Pilz für die von der Stadt initiierte Klima Biennale Wien einen aufblasbaren Wal vor der Karlskirche stranden lassen. „Kaorle“ wurde zu einem der meistfotografierten Motive der Veranstaltung. Im Funkhaus diskutierte die Klima Biennale über Kunst, Aktivismus und Klimapolitik.
Nun bezieht die Viennale ihre neue Zentrale im Funkhaus. Gleichzeitig schickt sie einen weiteren Wal ins Wiener Stadtbild. Diesmal kommt er nicht aus Gummi, sondern aus einem japanischen Buch.

Ein historischer japanischer Wal wird zum Plakatsujet der Viennale 2026; im Hintergrund spricht Eva Sangiorgi mit W24.
Das mehr als 230 Jahre alte Bild stammt aus Gei Shi, einer 1794 in Osaka erschienenen Monografie von Nanki Josuiken. Das Buch enthält 14 Walillustrationen in Holzschnitttechnik. Der Künstler hat sie nicht signiert und wird in der überlieferten Beschreibung nicht genannt. Josuikens Name bezeichnet den Verfasser des Buches, nicht den unbekannten Zeichner der Vorlage. Für die Kommunikation des Plakats liefert er dennoch einen bequem verfügbaren Urhebernamen.
Gemeinfrei
Der langjährige Viennale-Grafiker Rainer Dempf, der das visuelle Erscheinungsbild des Festivals seit mehr als zwei Jahrzehnten mitprägt, spiegelte und beschnitt das historische Motiv und verband es mit dem magentafarbenen Viennale-Schriftzug. Dafür trägt das fertige Plakat den Credit © Viennale/Rainer Dempf. Auch das Aldrich-Plakat folgt diesem Prinzip: Ein vorhandenes Filmstill wird formatfüllend eingesetzt und in eine neue Festivalgrafik verwandelt.
Der erklärende Begleittext erkennt im Wal eine Ambivalenz zwischen Anatomie und Imagination, Ausbeutung und Verehrung. Sein kleines Auge erwidere unseren Blick und offenbare eine Mahnung. Das ist viel Bedeutung für ein geliehenes Bild.
Zugleich fasst das Sujet die Arbeitsweise des Festivals treffend zusammen: Vorgefundene Filme, Regisseure, Jahrzehnte und Bilder werden ausgewählt, neu gerahmt und mit einer aktuellen Lesart versehen. Aus dem internationalen Material entsteht ein städtisches Kulturprogramm – und aus der Viennale immer deutlicher eine Wiennale.
Und was sagt Viennale-Präsident Christian Petzold dazu?
Fortsetzung folgt.
(red)


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