Medienführerschein benötigt selbst ein bisschen Nachhilfe
Österreichs Schülerinnen und Schüler sollen medienkompetenter werden. Für die kommenden Jahre sind unter anderem kostenlose Zugänge zu Zeitungen und digitalen journalistischen Angeboten vorgesehen. Die Jugend soll Qualitätsjournalismus kennenlernen und gegen „Fake News“ gewappnet werden. Die Idee ist nicht neu. Zum Schulstart wartet bereits das nächste Angebot.
Ab sofort können Schulen über den Marktplatz Lernapps einen „Medienführerschein“ bestellen. Am 13. September startet das private Unterrichtsprogramm in seine zweite Version. Nach Angaben des Anbieters wurde die erste Fassung im vergangenen Schuljahr von rund 6.000 Schülerinnen und Schülern an 115 österreichischen Schulen verwendet.
Vier Module bis zum Zertifikat
Der „Medienführerschein“ richtet sich an die Sekundarstufe I. Vier aufeinander aufbauende Module sollen die Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 8. Schulstufe begleiten. Auf dem Programm stehen unter anderem Mediennutzung, Datenschutz, Suchmaschinen, Medienethik, soziale Netzwerke, künstliche Intelligenz, Cybermobbing, Medienproduktion und Zukunftstechnologien.
Am Ende wartet ein „Zertifikat zum Medienführerschein“. Eine einheitliche Abschlussprüfung ist nicht vorgesehen. Der Anbieter hält auf seiner Website ausdrücklich fest, dass der Medienführerschein nicht selbst benotet. Beurteilung und Benotung liegen laut Anbieter bei der jeweiligen Lehrperson.
Der Begriff „Führerschein“ wird im Bildungsbereich zwar seit Langem metaphorisch verwendet, etwa beim Computerführerschein. In Österreich ist er dennoch eng mit festgelegten Anforderungen, einer Prüfung und einem Befähigungsnachweis verbunden. Das ausgestellte Zertifikat bescheinigt keinen standardisierten und unabhängig geprüften Kompetenzerwerb.
Staatlich geprüft, aber nicht staatlich
Angeboten wird das Programm von der FoMB Forum MedienBildung GmbH. Schulen können es über den Marktplatz Lernapps beziehen, eine Initiative des Bildungsministeriums, die vom OeAD umgesetzt wird. Sie wählen dort schulautonom Klassen- oder Schullizenzen aus. Für das Schuljahr 2026/27 stellt das Ministerium ein Kontingent von 26 Euro je Schülerin und Schüler bereit; für Eltern entstehen keine zusätzlichen Kosten.
Die Apps im Katalog sind qualitätsgeprüft. Das Verfahren umfasst eine formale, technische und inhaltlich-fachliche Erstprüfung sowie eine pädagogisch-didaktische Bewertung durch Lehrpersonen. Diese testen das eingereichte Angebot mehrere Wochen lang anhand eines Kriterienrasters. Eine positive Prüfung ist Voraussetzung für die Aufnahme in den Marktplatz.
Die Bezeichnung „qualitätsgeprüft“ besagt, dass die Lernapp die Kriterien des Verfahrens erfüllt. Auf der Website wirbt der Anbieter außerdem mit „umfassender Medienbildung“, wissenschaftlicher Begleitung und einem konkreten Lehrplanbezug.
Für Klassen- oder Schullizenzen ist die Schule zuständig. Das Bildungsministerium beschreibt die Auswahl als schulautonome Entscheidung; die fachliche und didaktische Prüfung des Materials bleibt Aufgabe der Lehrperson. Öffentlich einsehbar sind Kursübersichten, eine Demo kann angefordert werden.
Die öffentlich sichtbare Medienkompetenz
Geschäftsführer und Mitentwickler des Medienführerscheins ist Johannes Knierzinger, Lehrer für Digitale Grundbildung und Vorstandsmitglied der in Brüssel ansässigen International Association for Media Education. Er vertritt das Programm auch öffentlich und betont, Medienkompetenz brauche Zeit, Struktur und praxistaugliche Materialien.
Auf medienbildung.at veröffentlicht Knierzinger zudem Artikel zu medienpolitischen und medienpädagogischen Fragen. In dem als Kommentar ausgewiesenen Beitrag „Intimität ist die neue Währung“ heißt es etwa: „Verweildauer ist Abhängigkeit.“ Emotionale Bindung an künstliche Intelligenz „ersetzt echte soziale Interaktion“, Algorithmen seien so gestaltet, dass Nutzerinnen und Nutzer „nicht widerstehen“ könnten. Traditionelle Medien hätten Regeln, digitale Plattformen dagegen entzögen sich ihrer Verantwortung.
Kommentare leben von Zuspitzung. Besondere Sorgfalt ist jedoch angebracht, wenn eine darin vertretene Position zugleich die eigene Geschäftstätigkeit berührt und in journalistischer Form veröffentlicht wird. Tatsachen, Meinungen, Prognosen und politische Forderungen sollten dann klar voneinander unterscheidbar sein. Wer Medienkompetenz an Schulen vermitteln möchte, darf an der Differenziertheit seiner eigenen öffentlichen Kommunikation gemessen werden.
Medienkompetenz benötigt Nachhilfe
Bemerkenswert ist auch die institutionelle Konstruktion: Die private FoMB Forum MedienBildung GmbH entwickelt das Programm und stellt das Zertifikat aus. Sie verweist auf öffentliche und private Unterstützer, darunter die Stadt Wien und die Wirtschaftsagentur Wien, ohne deren jeweilige Rolle bei Entwicklung, Finanzierung oder Verbreitung näher zu erläutern. Eine staatlich beauftragte Stelle prüft die Lernapp, das Ministerium stellt das schulische Kontingent bereit, die Schule bestellt, die Lehrperson unterrichtet und beurteilt.
Der Medienführerschein steht nicht allein. Junge Menschen sollen künftig leichter Zugang zu ausgewählten journalistischen Angeboten erhalten. Das im Regierungsprogramm vorgesehene „Meine-Zeitung-Abo“ ist Teil einer geplanten Neuordnung der Medienförderung. Auch das wird mit Medienkompetenz, Qualitätsjournalismus und dem Kampf gegen Fake News begründet. So entsteht nach und nach eine öffentlich geförderte Landschaft aus Lernprogrammen, Medienangeboten und Qualitätsversprechen.
Für Schulen ist der Medienführerschein ein freiwilliges Unterrichtsmittel. Vielleicht sollte Digitale Grundbildung zunächst einen Kommentar von einem Nachrichtenartikel und einem Unternehmensblog unterscheiden können. Stufe zwei wäre, einen staatlichen Marktplatz, eine geprüfte Lernapp und ein privates Zertifikat nicht mit einem echten Führerschein zu verwechseln.
(PA/red)


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