Großes Geheule um einen „Kultureuro“ fürs Stadtbudget
Wien prüft eine neue Abgabe auf Eintrittskarten für Konzerte, Theater und Museen. Ihre Einnahmen sollen zweckgebunden in die Kultur fließen und unter anderem kleinere Bühnen und Initiativen unterstützen. Das Vorhaben heißt „Kultureuro“ – obwohl noch offen ist, ob tatsächlich ein Euro je Karte oder ein Aufschlag von etwa 12,5 Prozent kommt. Ewald Tatar von Barracuda Music spricht deshalb lieber vom „Kulturteuro“. Während die Stadt die Höhe erst bekannt geben will, rechnen die Großveranstalter bereits mit Millionen an Zusatzkosten und einem Konzert-Exodus.
Coldplay als Maßstab
Tatar nennt den geplanten Kultureuro „kommunales Raubrittertum“. Matthias Rotermund von Live Nation warnt, internationale Tourneen könnten Wien künftig meiden. Er verweist auf die vier ausverkauften Coldplay-Konzerte von 2024: Bei rund fünf Millionen Euro Kartenumsatz pro Abend hätte ein Aufschlag von 12,5 Prozent insgesamt etwa 2,5 Millionen Euro Abgabe bedeutet.
Die Veranstalter tragen das wirtschaftliche Risiko solcher Shows. Sie nutzen dafür das Ernst-Happel-Stadion und die Infrastruktur einer Stadt, die Großereignisse bewältigen muss. Rotermunds Rechnung zeigt, wie hoch ein prozentueller Aufschlag bei Stadionkonzerten ausfallen könnte. Ob Wien diesen Weg oder einen fixen Euro je Karte wählt, ist noch offen.

Ewald Tatar, Geschäftsführer von Barracuda Music. | © Oreste Schaller
Die „Elite“ sitzt längst im Stadion
Der Zugang zu internationalen Stars ist schon heute eine Preisfrage. Für Taylor Swifts 2024 geplante Wiener Konzerte kostete ein regulärer Stehplatz 99,90 Euro, ein Platz vor der Bühne 179,80 Euro und das teuerste VIP-Paket 808,85 Euro. Bei Coldplay kostete ein Stehplatz 125,60 Euro; ein Sitzplatz der höchsten regulären Kategorie 184,40 Euro, ein Platz in der Business Lounge 399,90 Euro.
Ein Aufschlag von 12,5 Prozent würde den regulären Coldplay-Stehplatz von 125,60 auf 141,30 Euro verteuern. Die soziale Schranke vor solchen Großshows liegt längst im ursprünglichen Ticketpreis. Die Warnung, erst der Kultureuro mache Kultur nur noch für eine Elite leistbar, geht an diesem Beispiel vorbei.
Was die Swift-Absage sichtbar machte
Für die Swifties war die kurzfristige Absage der drei Wiener Konzerte 2024 eine bittere Enttäuschung. Viele hatten neben den teuren Karten bereits Anreise und Hotel bezahlt; diese Ausgaben wurden nicht einfach mit dem Ticketpreis erstattet.
Zugleich zeigte der Fall, dass das Risiko eines Stadionereignisses nicht nur beim Veranstalter liegt. Polizei und Staatsschutz waren wegen der Anschlagspläne im Einsatz, bevor die Shows abgesagt wurden. Die für die Konzerte erwartete Wertschöpfung von bis zu 100 Millionen Euro ließ sich danach nicht wie geplant erzielen. Großveranstalter rechnen vor, was ein Kultureuro sie kosten könnte. Zur vollständigen Standortrechnung gehört auch die Arbeit der öffentlichen Sicherheitsdienste.
Die Warnung vor dem Konzert-Exodus
Bis zu 2.000 Beschäftigte aus Technik, Sicherheit und Gastronomie sowie 1.000 Künstler sollen durch den Kultureuro ihre Arbeit verlieren. Hinzu kommt die Warnung vor 500 Millionen Euro weniger Wertschöpfung. Für beide Prognosen müssten Veranstaltungen tatsächlich aus Wien abwandern oder ausfallen. Ein Ticketaufschlag wird Top-Acts kaum dazu bringen, Wien und sein zahlungskräftiges Publikum vom Tourneeplan zu streichen.

Matthias Rotermund, Geschäftsführer von Live Nation Austria.
Was der Kultureuro ermöglichen soll
Wien will die Einnahmen zweckgebunden für Kultur einsetzen. Kleinere Bühnen, Konzerte, Kulturfestivals und Kulturinitiativen können weder die Kartenpreise noch die Mengen einer internationalen Stadiontour verkaufen. Öffentliche Unterstützung ermöglicht Angebote, die der Markt allein nicht trägt. Ein Beitrag aus dem erfolgreichen Großkonzertgeschäft kann helfen, diese Vielfalt zu erhalten.
Die Stadt muss Höhe, Ausnahmen und Verwendung der Abgabe konkret festlegen. Ein fixer Euro und 12,5 Prozent sind grundverschiedene Modelle. Der Streit darüber ist berechtigt. Die Behauptung, schon ein solcher Beitrag schaffe Wiens Konzertstandort ab, ist bislang nicht belegt.
(PA/red)


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