Global Peace Photo Award würdigt Bilder des Friedens

Im Wappensaal des Wiener Rathauses wurde am 24. September zum 14. Mal der Global Peace Photo Award verliehen. Der internationale Fotowettbewerb zeichnet Arbeiten aus, die Frieden als gelebte Erfahrung und gesellschaftlichen Anspruch sichtbar machen. Aus 27.846 Einreichungen aus 144 Ländern wählte die Jury fünf Arbeiten aus. Sie erzählen von Selbstbestimmung, dem Umgang mit Fluchterfahrungen und der Geborgenheit in Familien. Die Keynote hielt Schauspieler und Regisseur Cornelius Obonya, Ehrenbeauftragter von UNICEF Österreich. Bürgermeister Michael Ludwig ließ sich von Gemeinderätin und Landtagsabgeordneter Alexandra Rezaei vertreten, die den Abend eröffnete.

Ein Föhn als Anspruch auf Selbstbestimmung

In Silvia Alessis „The Cut“ halten aus Afghanistan nach Pakistan geflüchtete Frauen Haartrockner in die Höhe. Sie erlernen im Exil ein Handwerk, das die Taliban in ihrer Heimat verboten haben. Die gemeinsame Geste hat etwas Wehrhaftes: Die Frauen zeigen öffentlich die Werkzeuge einer Tätigkeit, die in Afghanistan nur noch im Verborgenen ausgeübt werden kann.

Im Juli 2023 ordneten die Taliban die Schließung der Schönheitssalons an. Zehntausende Frauen verloren damit ihre Erwerbsgrundlage. Zugleich verschwanden Orte, an denen Frauen für Frauen arbeiteten, sich austauschten und Zeit miteinander verbrachten. Manche Friseurinnen setzen ihre Arbeit heimlich in Wohnungen fort oder besuchen Kundinnen zu Hause. Sie riskieren dabei Razzien, die Zerstörung ihrer Ausrüstung und Festnahmen.

Eine Gruppe von Frauen mit Kopftüchern hält vor einer grauen Wand Haartrockner an ausgestreckten Armen in die Höhe.

„The Cut“: Afghanische Frauen im pakistanischen Exil. Silvia Alessi gewann den Hauptpreis und die Kategorie Einzelbild. | © Silvia Alessi

Das Verbot greift tief in das persönliche Leben ein. Auch Haarpflege und Kosmetik in geschützten Räumen unter Frauen werden zum Gegenstand staatlicher Repression. Der Wunsch, sich schön zu machen, besteht weiter; seine professionelle Erfüllung wird kriminalisiert. Alessis Bild handelt damit von mehr als einer beruflichen Perspektive. Es berührt die Frage, wie weit eine Herrschaft über den Körper, den Alltag und die Begegnungen von Frauen verfügen darf.

Die Fotografin kennt das Handwerk aus eigener Erfahrung. Die 1975 in Brescia geborene Italienerin arbeitete mehr als zehn Jahre als Hairstylistin, bevor sie 2004 während einer Asienreise die Reportagefotografie für sich entdeckte. Für „The Cut“ erhielt sie den mit 6.000 Euro dotierten Hauptpreis als Friedensbild des Jahres 2026 sowie weitere 1.000 Euro für das beste Einzelbild, gestiftet von der Photographischen Gesellschaft.

Kindheit unter den Bedingungen des Krieges

Mahmoud Abu Hamda wurde für „Wings of Childhood and Peace“ in der Kategorie Bildserien mit einer Alfred-Fried-Friedensmedaille und 1.000 Euro ausgezeichnet. Der palästinensische Fotograf hält darin Momente kindlichen Lebens in Gaza fest: Auf der hier gezeigten Aufnahme spielen Kinder am Meer mit Plastiksackerln im Wind. Andere Bilder zeigen einen Jungen mit einer Geige, schaukelnde Kinder oder die Zuwendung zu einem Haustier.

Zum Hintergrund dieser Kindheit gehören die Terrorangriffe der Hamas und weiterer bewaffneter Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023 und der anschließende israelische Krieg in Gaza. Israels Militäroperationen haben Wohnviertel und Schulen verwüstet und die medizinische Versorgung schwer getroffen; Kinder in Gaza wurden getötet, verletzt, vertrieben und ihrer Angehörigen beraubt.

Abu Hamda hatte vor dem Krieg Natur, Essen und das Alltagsleben in Gaza fotografiert und Fotografie unterrichtet. Dann erlebte er mit seiner Familie selbst Vertreibung und Not. Bei der Bombardierung eines Hochhauses durch die israelische Luftwaffe wurde er verletzt. Er fotografierte Hunger, während er selbst hungerte. In einem Interview mit Magnum beschrieb er das Bedürfnis, zwischen dem Elend einen Ort zum Ausruhen zu finden: „Um zu atmen.“

Kinder halten auf einer steinernen Plattform am Meer bunte Plastiksackerln in den Wind. Hinter ihnen brechen schäumende Wellen.

Kinder am Meer in Gaza, aus Mahmoud Abu Hamdas ausgezeichneter Serie „Wings of Childhood and Peace“. | © Mahmoud Abu Hamda

Obonya über Gaza und die Verantwortung der Worte

Cornelius Obonya griff in seiner Keynote die Bilder von Mahmoud Abu Hamda unmittelbar auf. Er antwortete auf Laudator Peter-Matthias Gaede, der die Schwierigkeit einer ausgewogenen Debatte über Gaza angesprochen hatte. Obonya benannte das Leid der palästinensischen Bevölkerung und übte scharfe Kritik an der israelischen Regierung. Gerade angesichts der erschütternden Aufnahmen komme es darauf an, Verantwortung präzise zuzuordnen: Es seien nicht „die Juden“ oder „die Israelis“, sondern die „derzeitige radikale und radikalisierte Regierung Israels“, die „unendliches Leid unter den Palästinensern hervorruft“.

Seine Kritik verband der Schauspieler mit einer Warnung vor Antisemitismus. Nach den Morden vom 7. Oktober 2023 und dem Beginn der israelischen Militäroperation in Gaza habe dieser in Österreich und Deutschland sprunghaft zugenommen. Obonya sprach von jüdischen Schülern, denen die Kippa vom Kopf gerissen werde, und von Mädchen, die an den Haaren gezogen und bespuckt würden. „Es sind die Worte, die wichtig sind.“

Als Ehrenbeauftragter von UNICEF Österreich beschäftigte ihn außerdem die Verantwortung der Erwachsenen gegenüber einer Generation, die Krieg und Krisen auch über soziale Medien wahrnimmt. Wer sich vor den Tatsachen wegducke, lasse die Jüngeren mit diesen Erfahrungen allein. Obonya forderte, die Wirklichkeit zu erklären und auch den Bildern des Krieges nicht auszuweichen: „In diesem Fall heißt Kinderschutz nicht das Verschweigen von Problemen, sondern deren Erklärung.“

Eine große Gruppe steht im Wiener Rathaus vor österreichischen und europäischen Flaggen. Mehrere Personen halten Urkunden und große Preisschecks.

Ausgezeichnete und Mitwirkende des Global Peace Photo Award 2026 im Wappensaal des Wiener Rathauses. | © Johannes Zinner

Das Meer wieder betreten

Antonio Denti wurde beim Global Peace Photo Award im Wiener Rathaus für „Il Mare in Mezzo (The Sea In Between)“ in der Kategorie Bildserien mit einer Alfred-Fried-Friedensmedaille und 1.000 Euro ausgezeichnet. Im Mittelpunkt stehen Frauen, die aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet sind. Für sie ist das Wasser mit der Erinnerung an eine lebensgefährliche Überfahrt verbunden. Eine Initiative nahe Rom hilft ihnen, diese Angst zu überwinden. Daran nehmen sie gemeinsam mit ihren in Italien geborenen Kindern teil.

Denti hatte Menschen bereits auf ihrer Flucht begleitet. Für diese Serie folgte er den Frauen nun, teils Jahre später, von ihrem Zuhause an den Strand und ins Wasser. Seine Bilder zeigen, wie vorsichtige Annäherung, Entspannung und fortbestehende Furcht nebeneinander Platz haben. Auf der hier gezeigten Aufnahme schiebt sich eine Welle vor die Kamera; dahinter schwimmt ein Mensch.

Ein Mensch schwimmt im Meer, ein Arm ragt aus dem Wasser. Eine grüne Welle verdeckt aus der tiefen Kameraperspektive einen Teil des Gesichts.

Das Meer neu erfahren: eine Aufnahme aus Antonio Dentis ausgezeichneter Serie „Il Mare in Mezzo (The Sea In Between)“. | © Antonio Denti

Der aus Catania stammende Fotograf und Dokumentarfilmer studierte Anthropologie und arbeitete für Reuters in zahlreichen Konfliktgebieten. Den eigenen Zugang beschreibt er als Verpflichtung zum Respekt: Wer mit der Kamera in das Leben anderer eindringe, müsse zumindest versuchen, etwas von deren Empfindungen zu verstehen.

Bilder, die sich ertasten lassen

Auch Aleksandra Kossowska wurde in Wien in der Kategorie Bildserien ausgezeichnet. Ihre Arbeit „The World by Touch“ entstand 2024 an einer Schule für blinde und sehbehinderte Kinder im äthiopischen Sebeta. Fern von ihren Familien leben sie in einfachen Mehrbettzimmern. Fürsorge, gemeinsames Lernen und das Streben nach Selbstständigkeit prägen ihren Alltag.

Die hier gezeigte Aufnahme zeigt ein blindes Kind beim Lesen. Mit den Fingerspitzen ertastet es die erhabenen Schriftzeichen auf einer Buchseite. Die hellen Punkte und Linien rund um seinen Kopf gehören zur späteren Bearbeitung der Fotografie: Kossowska perforierte ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Hand und ergänzte die dargestellte Szene um ein Muster, das an eine Sternenwolke erinnert.

Kossowska, die Archäologie und Fotografie studierte, ist Mitgründerin des Warschauer Fotografiezentrums Poleczki.art. Die Preisgelder für die drei ausgezeichneten Bildserien von Kossowska, Denti und Abu Hamda stellte die Landesinnung Wien der Berufsfotografie bereit.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Kindes, das mit den Fingern über eine Seite mit erhabenen Zeichen fährt. Helle Punkte und Linien umgeben seinen Kopf.

Lesen mit den Fingern: Aleksandra Kossowskas „The World by Touch“ entstand 2024 im äthiopischen Sebeta. | © Aleksandra Kossowska

Eine Familie als eigene kleine Welt

Sesilia Shainidze aus Georgien gewann mit „My Family“ das mit 1.000 Euro dotierte Kinder-Friedensbild des Jahres. Die Elfjährige aus Batumi arrangierte die Szene im Haus ihrer Großmutter selbst: Drei Frauen gehen unterschiedlichen häuslichen Tätigkeiten nach, ein Mann spült Geschirr. Im Vordergrund sitzen zwei Kinder zwischen Spielzeug und Hund auf dem Boden. Die belebte Wohnküche zeigt familiäre Geborgenheit und zugleich die alltägliche Arbeit, die dieses Zusammenleben trägt.

Die Jury würdigte ihren Gestaltungswillen und den Humor der Inszenierung, auch in der Rollenverteilung bei der Hausarbeit. Der spülende Mann gehört ebenso dazu wie die mit Hausarbeit beschäftigten Frauen und die spielenden Kinder. Sesilia fotografiert seit Jahren, besonders gerne Tiere und ihren Hund. In „My Family“ gestaltet sie ihre Vorstellung von Frieden als ein Miteinander, in dem Arbeit und Spiel nebeneinander Platz finden.

UNICEF-Österreich-Geschäftsführer Christoph Jünger betonte, die Bilder erinnerten daran, dass Frieden auch „Sicherheit, Zusammenhalt, Respekt und die Möglichkeit, sich frei zu entfalten“ bedeute.

Eine Familie verteilt sich in einer bunten Wohnküche zwischen Hausarbeit und Spiel. Zwei Kinder sitzen mit Spielzeug und einem Hund auf dem Boden.

„My Family“: Die elfjährige Sesilia Shainidze inszenierte das Familienleben im Haus ihrer Großmutter. | © Sesilia Shainidze

Frieden beginnt im Zusammenleben

In ihrer Eröffnungsrede verortete die Wiener Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete Alexandra Rezaei, die Bürgermeister Michael Ludwig bei der Verleihung vertrat, den Beginn eines friedlichen Zusammenlebens im Alltag und in den Familien. Dafür brauche es Respekt, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme. Zugleich formulierte sie eine politische Bedingung: „Den Rahmen dafür können nur liberale Demokratien bilden, die die unterschiedlichen Standpunkte ohne auszugrenzen mit Klarheit zu beantworten wissen.“

Die beiden Hauptpreise überreichte VIG-Vorstandsdirektorin Sonja Raus. „Frieden ist eine wesentliche Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft“, sagte sie. Die Vienna Insurance Group unterstützt das Kinder-Friedensbild seit dessen Einführung und ist seit 2022 Hauptsponsor des gesamten Wettbewerbs. Den Hauptpreis an Alessi überreichte Raus gemeinsam mit Alexandra Rezaei und Silvia Lammerhuber.

Silvia Alessi, Sonja Raus, Alexandra Rezaei und Silvia Lammerhuber stehen neben dem Siegerfoto „The Cut“. Alessi hält den Preisscheck über 6.000 Euro.

Preisübergabe für „The Cut“, von links: Silvia Alessi, VIG-Vorstandsdirektorin Sonja Raus, Gemeinderätin Alexandra Rezaei und Silvia Lammerhuber. | © Johannes Zinner

Das Ehepaar Silvia und Lois Lammerhuber hat den Award gemeinsam initiiert. Mit seiner Vorstellung von Frieden als „Gelungenes Leben“ verbindet Lois Lammerhuber einen Appell, sich „gegen die Gleichgültigkeit und den herrschenden Populismus zu wehren“. Die ausgezeichneten Arbeiten geben diesem Anliegen konkrete Gestalt: durch berufliche Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und den Anspruch von Kindern auf Sicherheit und Geborgenheit.

UNICEF Österreich unterstützt den Wettbewerb als Forum für die Perspektiven junger Menschen. Das Engagement für Kinder verbindet den Fotopreis mit Initiativen wie dem Fundraising-Abend von UNICEF NextGen für Kinder in Djibouti. In den ausgezeichneten Fotografien werden die Erfahrungen und Vorstellungen der Kinder sichtbar. Sesilia Shainidze gestaltet ihre Sicht auf familiäre Geborgenheit mit der Kamera; in Gaza hält Mahmoud Abu Hamda fest, welche Freiräume Kindern unter den Bedingungen des Krieges bleiben. Zwischen diesen Lebenswelten liegt eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe: Verhältnisse zu schaffen, in denen Kinder geschützt aufwachsen, gehört werden und ihre Zukunft selbst mitgestalten können.

(red)