Roncalli feiert Jubiläum mit Staunen statt Nervenkitzel

Ein halbes Jahrhundert Circusgeschichte kommt am Wiener Rathausplatz zusammen. Roncalli feierte am 16. September die Wiener Premiere seines Jubiläumsprogramms und bleibt bis 11. Oktober zu Gast. Die bereits seit März durch Deutschland gereiste Show verbindet starke Artistik mit aufwendigen Kostümen und einer tollen Liveband. Über dem steht eine Botschaft, die sich an diesem Abend besonders gut mit den Beatles ausdrücken lässt. „All You Need Is Love“.

Das Vergnügen unter dem blau-weißen Zeltdach kommt ohne Tiernummern und das damit verbundene Tierleid aus. Auch mit der Angst vor einem möglichen Unglück spielt die Show kaum. Dabei gehörte dieser Nervenkitzel lange zu den großen Versprechen der Manege. Wer ohne Netz in schwindelnder Höhe auftrat, ließ das Publikum nicht nur über sein Können staunen, sondern auch um sein Leben bangen. Dass aus solchen Darbietungen tatsächlich Zirkustragödien wurden, gehört ebenfalls zur Geschichte dieser Kunst.

Bernhard Paul erzählte im Pressegespräch, wie sehr ihn gefährlich wirkende Nummern schon als Kind beunruhigten. Mitunter habe er kaum hinsehen können. Sein Wunsch nach einem Circus zum Hinschauen bekommt vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. Die Jubiläumsshow vermittelt über weite Strecken eine Sicherheit, die entspanntes Zuschauen erlaubt. Das sagt jedoch wenig über die hohen Anforderungen an die Artisten und die tatsächlichen Risiken ihrer Arbeit aus.

Blick über die besetzten Zuschauerränge zur beleuchteten Manege unter dem Roncalli-Zeltdach.

Bernhard Paul begrüßt das Wiener Premierenpublikum vor Vorstellungsbeginn. | © keymedia

Ganz ohne Unebenheiten verläuft der Premierenabend in Wien dennoch nicht. Manche komische Szene wirkt angestrengt, und bei der Einbindung des Publikums fehlt gelegentlich die Leichtigkeit. Die artistischen Leistungen überzeugen hingegen durchgehend.

Ein Gedanke, der geblieben ist

Schon zum 40. Roncalli-Jubiläum erklärte Paul in einem Interview mit keymedia, worauf es ihm ankommt. „Wichtig ist, dass das Kleinkind und der Intellektuelle an der selben Stelle lacht und staunt“, sagte er 2016. Der Circus sollte für alle da sein. Zehn Jahre später ist dieser Anspruch weiterhin erkennbar. Die Jubiläumsshow sucht den unmittelbaren Zugang über Musik, Bewegung, Komik und Bilder.

Für Paul gehörte dazu immer auch die Offenheit für neue Ausdrucksformen. Er holte Pantomimen und Pariser Straßenkünstler in die Manege und gab Seifenblasenkunst und Beatboxen einen Platz im Programm. Entscheidend war für ihn, wie sich eine Idee in die Vorstellung einfügt. „Man muss immer neue Wege gehen, aber es darf kein Fremdkörper sein.“

Lili zwischen Trapez und Kontorsion

Im Mittelpunkt von Lili Paul-Roncallis Darbietung steht weiterhin ihre außergewöhnliche Beweglichkeit. Die eingebundenen Stühle haben dabei einen persönlichen Hintergrund. Ihr Vater hatte als Jugendlicher selbst mit übereinandergestellten Stühlen einen artistischen Auftritt gestaltet. Lili greift diese Erinnerung auf und verbindet ihre Darbietung mit seinen Anfängen. Im Jubiläumsprogramm ergänzt sie ihre Kontorsionskunst um einen Auftritt am Trapez. Der Ausflug in die Luft bleibt kurz, die Höhe überschaubar.

Lili Paul-Roncalli im dunklen Kostüm stützt sich auf eine Stuhllehne und streckt ein Bein senkrecht nach oben. Zwei Helfer halten den Stuhl.

Lili Paul-Roncallis Balance auf dem Stuhl erinnert an die artistischen Anfänge ihres Vaters. | © Uwe Erensmann

Lili übernimmt längst auch hinter den Kulissen Verantwortung und gestaltet mit ihren Geschwistern die Zukunft des Familienunternehmens. Beim Gespräch im Café Landtmann kündigte sie an, die Nummer während sämtlicher Wiener Vorstellungen aufzuführen.

Angesichts ihrer vielfältigen Aufgaben stellte sich auch die Frage nach dem Verletzungsrisiko. Im Interview mit Lili und ihrem Vater kamen deshalb die Vorkehrungen zu ihrer Sicherheit zur Sprache. Die Antworten klangen beruhigend. Bei ihrer Darbietung stehe stets jemand bereit, um sie nötigenfalls aufzufangen. Besonders genau achte ihre Mutter Eliana darauf, dass Lili kein unnötiges Risiko eingehe, erzählte Paul. Als ehemalige Artistin kenne sie die Anforderungen aus eigener Erfahrung.

Artistik, die überzeugt

Die Artistik gehört zu den großen Stärken der Jubiläumsshow. Pavel Valla Bertini beginnt auf dem Einrad und schraubt sich im Verlauf seiner Darbietung immer weiter in die Höhe. Schließlich hält er auf einer Konstruktion mit mehreren übereinander angeordneten Rädern die Balance. Das sorgt für den wohl größten Nervenkitzel des Abends.

Pavel Valla Bertini springt mit dem Einrad und einem Springseil über einem erhöhten Podest in der Roncalli-Manege.

Pavel Valla Bertini verbindet Einradkunst mit Seilspringen und sicherer Balance. | © 54°/Felix Koenig

Das Duo Hair Suspension bringt Akrobatik im Zopfhang unter die Zirkuskuppel. Die beiden Künstlerinnen beeindrucken mit ihrer Beweglichkeit und dem präzisen Zusammenspiel in der Luft.

Alexandra Saabel & Co. setzen bei ihren Illusionen besonders auf die Gestaltung. Die Nummer ist schön inszeniert, die aufwendigen Kostüme gehören zu den auffälligen Qualitäten des Abends. Venice Carnival verbindet vor der Pause Trampolin und Barren zu einer schwungvollen Gruppenakrobatik.

Im zweiten Teil kombiniert das Demian Gritsko Team die Russische Schaukel mit dem Reck. Geraldine Philadelphia lässt bei ihrer Ringjonglage Präzision und spielerische Leichtigkeit zusammenkommen. Ebenso überzeugend ist das Trio Rêve mit seiner Partnerakrobatik, bei der die drei Künstlerinnen einander zu eindrucksvollen Balancefiguren tragen.

Zwei Artistinnen des Trio Rêve tragen ihre Partnerin an den Füßen über ihren Köpfen. Die obere Artistin hält einen seitlichen Spagat.

Beim Trio Rêve entstehen aus Kraft und Vertrauen scheinbar mühelose Balancefiguren. | © 54°/Felix Koenig

Justin Philadelphia verbindet am Flying Pole Kraft mit Beweglichkeit. An der frei hängenden Stange bringt er seinen Körper auch kopfüber in Positionen, die eine beachtliche Körperspannung verlangen.

Justin Philadelphia hält sich kopfüber an einer frei hängenden Stange. Im Hintergrund spielt das Roncalli-Orchester.

Justin Philadelphia zeigt am Flying Pole Körperbeherrschung in der Luft. | © 54°

Den artistischen Schlusspunkt setzt das Duo Vitalys. Bei seiner Partnerakrobatik balanciert einer der beiden kopfüber auf dem Kopf des anderen. Kraft und Körperspannung verbinden sich dabei mit einem bemerkenswerten Gleichgewichtssinn.

Ein Artist des Duo Vitalys balanciert kopfüber mit gespreizten Beinen auf dem Kopf seines Partners, der auf einem Bein steht.

Kopf auf Kopf hält das Duo Vitalys gemeinsam die Balance. | © 54°/Felix Koenig

Wo der Spaß etwas schwerer fällt

Die Clownerie gehört seit jeher zu Roncalli und begegnet dem Publikum in unterschiedlichen Formen. Weißclown Gensi, seit 2005 Teil des Ensembles, gibt den gemeinsamen Szenen einen feierlichen und bisweilen formellen Ton. Canutito Jr. und Kevinski durchkreuzen diese Ordnung mit ihren Späßen. Professor Wacko wiederum verbindet als komischer Gondoliere bei Venice Carnival die Clownerie mit artistischen Einlagen auf dem Trampolin.

Einen ausgedehnten Part übernimmt Housch ma Housch mit wiederkehrenden Solos, Beatboxing und Publikumsinteraktionen. Gerade dabei tritt der Spaß manchmal auf der Stelle. Wenn einzelne Zuschauer zum Gegenstand seiner Späße werden, wirkt der Umgang mit ihnen bisweilen recht bestimmend. Das liebevolle Aufziehen bekommt dann einen Beigeschmack des Vorführens. Manche dieser Einlagen hätten ruhig kürzer ausfallen dürfen.

Housch ma Housch steht im dunklen Anzug mit gepunkteter Krawatte am Mikrofon und legt eine Hand an den Hinterkopf.

Housch ma Housch nimmt in seinen Solos direkten Kontakt zum Publikum auf.

Pauls Wunsch, Menschen unterschiedlichster Generationen an derselben Stelle zum Lachen zu bringen, bleibt ein hoher Anspruch. Auch mit viel Erfahrung stellt sich dieser Regiewunsch nicht in jeder Szene ein.

Livemusik, die den Abend trägt

Uneingeschränktes Lob verdient die Liveband. Das achtköpfige Roncalli Royal Orchestra unter Georg Pommer gehört zu den großen Stärken der Jubiläumsshow. Seit 1984 prägt er als musikalischer Leiter, Komponist und Arrangeur den Klang des Circus. Wie viel diese Arbeit zum Erlebnis beiträgt, zeigt sich im Zusammenspiel mit der Manege. Die Sängerin, Flöte, Trompete und andere Blasinstrumente erweitern die Klangfarben. Die Musik gibt jeder Darbietung ihren Rhythmus und ihre eigene Atmosphäre.

Musiker und eine Sängerin auf der rot-goldenen Orchesterbühne von Roncalli, mit Keyboard, Gitarre, Geige, Bass und Schlagzeug.

Das Roncalli Royal Orchestra unter Georg Pommer. |© 54°/Felix Koenig

Vor der Pause spannt die Auswahl einen weiten Bogen durch die Pop- und Rockgeschichte. In einigen Nummern sind Anklänge an Barockmusik zu hören. Die stilistische Vielfalt passt zu den wechselnden Kostümbildern und lässt die einzelnen Auftritte auch musikalisch für sich stehen.

Im zweiten Teil treten Beatles-Nummern stärker in den Vordergrund. „All You Need Is Love“ und „With a Little Help from My Friends“ benennen dabei auch, was die Vorstellung zusammenhält. Hinter der Leistung des Einzelnen steht ein Ensemble, das einen Dialog mit dem Publikum führt.

Alle Artistinnen und Artisten versammeln sich zum Schlussapplaus in der Roncalli-Manege.

Zum Schlussapplaus gehört die Manege dem gesamten Ensemble. | © keymedia

Ein besonderer Platz in Wien

Dass Roncalli sein Jubiläum am Rathausplatz feiert, hat für Paul eine besondere Bedeutung. Im Gespräch von 2016 erinnerte er sich an seinen Abschied aus Wien nach den schwierigen Anfangsjahren. Damals habe er angekündigt, erst zurückzukommen, wenn er am Rathausplatz spielen dürfe.

Wirklichkeit wurde dieser Wunsch dank des damaligen Bürgermeisters Helmut Zilk. Er holte Roncalli zurück nach Wien und öffnete dem Circus 1993 den Rathausplatz. Damit gab er den Künstlern einen Platz mitten in der Stadt. Im dicht bespielten Veranstaltungskalender scheint der Rathausplatz mittlerweile stärker als vermarktbare Fläche denn als Freiraum für Kultur verstanden zu werden.

Das Circus-Theater Roncalli ist dort alle zwei Jahre zu Gast. Die Artistik, die Kostüme und vor allem die Livemusik sorgen für viele schöne Momente. Am Ende bleibt die Einladung, einander mit etwas mehr Zuneigung zu begegnen. Dafür braucht es weder große Fallhöhen noch eine perfekte Premiere.

(red)