Milo Rau verzichtet auf Gage für Stargast Peter Thiel

Die angekündigte Debatte zwischen dem US-Unternehmer Peter Thiel und dem Innsbrucker Theologen Wolfgang Palaver entwickelt sich schon vor ihrer Durchführung zu einem der auffälligsten Programmpunkte der Wiener Festwochen. Nicht nur wegen der prominenten Namen, sondern wegen der ungewöhnlichen Mischung aus Philosophie, Macht und Theater.

Am 7. Juni sollen Thiel und Palaver unter dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ im Wiener Hotel InterContinental auftreten. Moderiert wird der Abend von Festwochen-Intendant Milo Rau. Bereits davor laden die Festwochen zu einer öffentlichen Debatte darüber, ob die Veranstaltung überhaupt stattfinden soll.

Der Milliardär als Philosoph

Peter Thiel gilt international als einer der einflussreichsten Unternehmer der Technologiebranche. Der Mitgründer des Datenanalyseunternehmens Palantir bewegt sich seit Jahren im Umfeld geopolitischer Machtfragen, Sicherheitsinfrastruktur und globaler Elitennetzwerke.

Künstlerinnen, Musiker und der Schmusechor stehen bei der Festwochen-Eröffnung gemeinsam auf der Bühne am Wiener Heldenplatz

Mit der Performance „Gods Republic“ eröffneten Milo Rau, der Schmusechor und zahlreiche Künstler die Wiener Festwochen 2026 am Heldenplatz. | © ORF/Günther Pichlkostner

Bei den Wiener Festwochen erscheint Thiel allerdings weniger als Unternehmer denn als philosophische Figur. Im Zentrum stehen Begriffe wie Apokalypse, Weltordnung, christliche Endzeitvorstellungen und der französische Religionsphilosoph René Girard, auf den sich Thiel seit Jahren bezieht.

Gerade diese Verschiebung macht den Abend bemerkenswert. Statt über Technologie, Daten oder politische Einflussnahme zu sprechen, bewegt sich die Diskussion auf einer fast metaphysischen Ebene zwischen Religionsphilosophie und Zivilisationsanalyse.

Der unbekannte Gegenspieler

Mit Wolfgang Palaver sitzt Thiel dabei kein politischer Aktivist gegenüber, sondern ein emeritierter Innsbrucker Theologe. Palaver beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Religionsphilosophie, Gewaltforschung und dem Werk René Girards.

Außerhalb universitärer Kreise ist der Professor allerdings vergleichsweise wenig bekannt. Genau dadurch entsteht eine eigentümliche Konstellation: Auf der einen Seite ein milliardenschwerer Unternehmer mit weltpolitischer Aura, auf der anderen Seite ein Gelehrter aus der Welt europäischer Nachkriegsintellektualität.

Palaver steht dabei eher für katholische Soziallehre, multilaterale Ordnung und klassische Friedensethik — Thiel hingegen für eine neue transnationale Machtelite aus Technologie, Kapital und geopolitischem Denken.

Gebender Blick rückwärts betrachtet

Der angekündigte Auftritt Peter Thiels passt zur bisherigen Inszenierung. Das Festival arbeitet heuer auffallend stark mit religiösen Bildern, politischen Projektionen und Figuren mit symbolischer Aufladung. Schon bei der Eröffnung der Wiener Festwochen 2026 verschwammen die Grenzen zwischen Theater, öffentlicher Debatte und realer Macht.

Braco steht während der Eröffnung der Wiener Festwochen 2026 auf der Bühne am Wiener Heldenplatz vor tausenden Besuchern

Der kroatische Esoteriker Braco während seines „gebenden Blicks“ bei der Eröffnung der Wiener Festwochen 2026 am Wiener Heldenplatz. | © ORF/Günther Pichlkostner

Nicht nur Aufführungen selbst, sondern auch Pressekonferenzen, Diskussionen und gesellschaftliche Reaktionen werden Teil der Festivalgeschehens. Die Festwochen präsentieren sich damit weniger als klassisches Kulturfestival denn als eine Art gesellschaftliche Versuchsanordnung, in der Öffentlichkeit, Politik, Philosophie und Spektakel gleichzeitig stattfinden.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Einladung eines milliardenschweren Technologieunternehmers zu einer Debatte über Antichrist, Weltordnung und gesellschaftliche Zukunft ziemlich folgerichtig.

Gratis Hauptrolle ohne Gage

Dass die Wiener Festwochen bereits vorab öffentlich über die Einladung diskutieren lassen, passt wiederum zur Arbeitsweise von Milo Rau. Der Regisseur arbeitet seit Jahren mit Formaten, in denen nicht nur die Bühne selbst, sondern auch die gesellschaftlichen Reaktionen Teil der Aufführung werden.

Entsprechend wirkt bereits die Debatte rund um den Auftritt wie ein Teil des eigentlichen Programms. Fast beiläufig findet sich in der Ankündigung auch ein Satz, der zu den kurioseren Details des Abends zählt: „Peter Thiel bekommt keine Gage.“ Die Frage drängt sich beinahe automatisch auf: Warum eigentlich nicht?

Hat er freiwillig verzichtet? Oder gehört die fehlende Gage bereits zur Dramaturgie des Abends? Immerhin erhalten Gastredner, Diskutanten und Vortragende bei vergleichbaren Veranstaltungen üblicherweise zumindest irgendeine Form von Aufwandsentschädigung. Selbst kleinere Podiumsgäste reisen selten völlig auf eigene Kosten an. Einem Künstler oder Philosophen würde sogar eine Schauspielgage zustehen.

Bei einem der reichsten Unternehmer der Welt bekommt die Sache allerdings unfreiwillig komische Züge. Natürlich wird Peter Thiel kaum wegen eines kleinen Honorars auftreten wollen. Der demonstrative Hinweis auf die fehlende Gage eröffnet allerdings Raum für eine andere Betrachtungsweise.

Fehlende Entschädigung

Warum erscheint jemand freiwillig auf einer Bühne, auf der bereits vorab sämtliche Kritikpunkte öffentlich mitgeliefert werden — nur um anschließend über Weltordnung, Antichrist und gesellschaftliche Zukunft zu sprechen?

Und wenn ihm dieser philosophische Diskurs tatsächlich ein solches Anliegen ist: Warum spendet Peter Thiel den Wiener Festwochen nicht einfach selbst eine kleine Summe?

Ob die Freie Republik Wien dem umstrittenen Milliardär am Ende tatsächlich gratis eine Bühne zur Verfügung stellt, auf der er dann als „Strippenzieher, der bevorzugt im Hintergrund agiert“ — wie ihn Milo Rau im Einladungstext beschreibt — denn als weltdeutender Philosoph, dürfte sich nach der öffentlichen Debatte entscheiden.

Sollte die Veranstaltung stattfinden, wäre zumindest ein Fahrschein für die Kurzstrecke ins InterContinental angemessen. Alles andere könnte später noch ein Fall für die Gleichbehandlungsstelle werden.

(red)