Wiener Staatsoper atmet Frischluft zu Beginn der Spielzeit

Die Wiener Staatsoper ist zurück aus der Sommerpause. Der reguläre Vorstellungsbetrieb der neuen Spielzeit 2026/27 der Wiener Staatsoper begann am Freitag mit Verdis „Don Carlo“, der eigentliche Kick-off ist das „Opern Air“ im Burggarten. Nach dem großen Andrang bei der Premiere des Formats im vergangenen Jahr werden erneut bis zu 12.000 Menschen im und rund um den Park erwartet. ORF III zeigt das „Opern Air“ zeitversetzt, anschließend bleibt die Übertragung drei Monate lang auf ORF ON verfügbar.

Unter der musikalischen Leitung von Marco Armiliato treten Asmik Grigorian, Piotr Beczała, Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier auf. Dazu kommen Mitglieder des Ensembles, der Chor, die Opernschule und das Orchester der Wiener Staatsoper. Auf dem Programm steht ein konzentrierter Streifzug durch das Kernrepertoire – von Mozart, Rossini und Donizetti über Wagner und Tschaikowski bis zu Verdi, Bizet und Puccini.

Grigorian eröffnet den Abend mit der „Habanera“ aus Bizets „Carmen“. Beczała singt „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“, Flórez stellt sich mit „Ah! mes amis“ aus Donizettis „La fille du régiment“ ein, Tézier mit Renatos großer Szene aus Verdis „Un ballo in maschera“. Durch den Abend führen die Opernexperten Barbara Rett und Staatsoperndirektor Bogdan Roščić. Als Dirigent wurde zuletzt Marco Armiliato ausgewiesen.

Die Mitwirkenden des „Opern Air“ beim Saisonauftakt der Wiener Staatsoper:

Mitwirkende des „Opern Air“ beim Saisonauftakt der Wiener Staatsoper:Bogdan Roščić, Marco Armiliato, Barbara Rett, Juan Diego Flórez, Asmik Grigorian, Piotr Beczała und Kathrin Zierhut-Kunz (v. l.). | Foto: © Wiener Staatsoper/Marcel Urlaub

Wiedersehen mit „Adriana Lecouvreur“

Noch vor der ersten Neuproduktion bietet der September einen dicht besetzten Repertoirebetrieb. Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ kehrt in der Inszenierung von David McVicar auf die Bühne zurück. Marco Armiliato dirigiert auch diese Aufführungsserie.

Ermonela Jaho übernimmt die Titelpartie der gefeierten Schauspielerin, Elīna Garanča singt ihre Gegenspielerin, die Fürstin von Bouillon. Luciano Ganci ist als Maurizio und Roberto Frontali als Michonnet zu erleben. Die Vorstellungen finden am 5., 8., 11. und 14. September statt.

Viele neue Gesichter bei Mozart

Mozarts „Le nozze di Figaro“ ist in der Inszenierung von Barrie Kosky mit einer großteils neuen Besetzung zu sehen. Patrick Hahn gibt dabei sein Hausdebüt am Dirigentenpult. Erstmals an der Wiener Staatsoper treten auch Florian Sempey als Graf Almaviva, Elsa Dreisig als Gräfin und Matthäus Schmidlechner als Basilio auf.

Riccardo Fassi kehrt als Figaro zurück, Andrea Carroll singt Susanna und Alma Neuhaus den Cherubino. Weitere Hausdebüts geben das neue Ensemblemitglied Bartosz Urbanowicz als Bartolo und Olga Surikova aus dem Opernstudio als Barbarina. Gespielt wird am 9., 12., 15. und 17. September.

Auch „La clemenza di Tito“, eine der Premierenproduktionen der vergangenen Saison, steht wieder auf dem Programm. Jan Lauwers’ Arbeit über Freundschaft und Verrat, Politik und die Frage nach einem gerechten Herrscher wird erneut mit Katleho Mokhoabane als Tito und Hanna-Elisabeth Müller als Vitellia gezeigt. Kate Lindsey singt Sesto, Patricia Nolz den Annio. Cornelius Meister dirigiert das Werk erstmals an der Wiener Staatsoper.

Rollendebüts in „Macbeth“ und „Tosca“

Barrie Koskys 2021 entstandene Inszenierung von Verdis „Macbeth“ bringt gleich mehrere Staatsopern-Rollendebüts. Étienne Dupuis singt erstmals am Haus die Titelpartie, Alexander Vinogradov gibt sein Debüt als Banco und Najmiddin Mavlyanov als Macduff. Anastasia Bartoli kehrt als Lady Macbeth zurück. Francesco Ivan Ciampa leitet das Werk erstmals im Haus am Ring.

In Puccinis „Tosca“ steht Ende September ebenfalls ein wichtiges Rollendebüt bevor: Malin Byström singt ihre erste Floria Tosca an der Wiener Staatsoper. Sie stellt sich damit in Margarethe Wallmanns legendärer Inszenierung von 1958 vor – der ältesten noch gespielten Regiearbeit im Haus am Ring. An ihrer Seite sind Jonathan Tetelman als Cavaradossi und Ambrogio Maestri als Scarpia zu erleben. Giampaolo Bisanti dirigiert.

Szene aus der Oper Tosca an der Wiener Staatsoper als Streaming

Szene aus Margarethe Wallmanns „Tosca“-Inszenierung an der Wiener Staatsoper, aufgenommen bei der Vorstellung am 17. Februar 2019. | © Michael Pöhn / Wiener Staatsoper

Ballett und Schubert-Lieder

Der dreiteilige Ballettabend „Living Legacies“ verbindet Werke von George Balanchine, Frederick Ashton und Christopher Wheeldon. Balanchines „Divertimento Nr. 15“ zu Musik von Mozart und Ashtons „Rhapsody“ zu Rachmaninow stehen für zwei prägende Positionen der Ballettgeschichte. Wheeldons „Within the Golden Hour“ zu Musik von Ezio Bosso und Antonio Vivaldi führt die Bewegungslinien in die Gegenwart weiter. David Coleman dirigiert, es tanzen Mitglieder des Wiener Staatsballetts.

Am 22. September ist Günther Groissböck ohne Kostüm und Bühnenbild zu erleben. Gemeinsam mit dem Pianisten Malcolm Martineau gestaltet der Bass ein Solokonzert. Auf dem Programm stehen zunächst Lieder von Franz Schubert, danach Werke von Hugo Wolf, Hans Pfitzner und Modest Mussorgski.

Zemlinsky und Bartók als erste Premiere

Künstlerisch richtet sich der Blick nun auf die erste Premiere der Spielzeit. Zu einem gemeinsamen Abend verbunden werden Alexander Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Die Proben haben bereits begonnen, die Einführungsmatinee findet am 20. September statt. Inszeniert wird der Doppelabend von Vasily Barkhatov, der damit sein Hausdebüt gibt.

In beiden Werken wird eine Beziehung zum psychologischen Kammerspiel. Begehren, Eifersucht, Besitzanspruch und Gewalt führen in seelische Abgründe. Nach dem repräsentativen Saisonauftakt im Burggarten bietet der Doppelabend der Staatsoper die erste Gelegenheit, das künstlerische Profil der neuen Spielzeit zu schärfen.

Das NEST geht in seine dritte Spielzeit

Auch das NEST beginnt eine neue Saison. Die Kinder- und Jugendspielstätte der Staatsoper startet in ihr mittlerweile drittes Jahr mit „Karussell“, einer Produktion für Kinder ab vier Jahren nach Motiven aus Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“.

Außenansicht des NEST der Wiener Staatsoper am Karlsplatz.

Das NEST, die Kinder- und Jugendspielstätte der Wiener Staatsoper, am Wiener Karlsplatz. | © keymedia Wien

Für den „Operntraum zum Mitfahren“ wird vor dem NEST ein echtes Karussell aufgebaut. Während der jeweils rund 20-minütigen Aufführungen erlebt das junge Publikum das Geschehen direkt von dessen Sitzen aus. Das Konzept stammt von Regisseurin Anna Bernreitner, Dan K. Kurland leitet das Bühnenorchester der Staatsoper.

Wiederaufgenommen wird außerdem „Lee Miller in Hitler’s Bathtub“ mit Kate Lindsey als Lee Miller, Romy Louise Lauwers als deren schauspielerischem Gegenüber und George van Dam als Man Ray. Die „tragische Kantate“ von Maarten Seghers und Jan Lauwers nimmt das berühmte Foto Lee Millers in Adolf Hitlers Münchner Badewanne zum Ausgangspunkt. Die Produktion versteht sich dabei ausdrücklich nicht als klassisches biografisches Porträt, sondern verbindet historische Ereignisse mit fiktionalen Elementen.

Später folgen Grigori Frids Bühnenfassung von „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Der kleine Prinz“ als Ballett. Mit rund 160 geplanten Vorstellungen, kurzen Formaten und experimentelleren Arbeiten etabliert sich das NEST zunehmend als zweiter Spielort der Staatsoper. Darin liegt womöglich das nachhaltigere Öffnungssignal der Saison: nicht im einmaligen Gratisabend mit Opernstars, sondern in der kontinuierlichen Arbeit an einem neuen und jüngeren Publikum.

Herbert Brandl gestaltet den „Eisernen Vorhang“

Auch die seit 1998 bestehende Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ wird in der neuen Spielzeit fortgesetzt. Der 29. Beitrag stammt von Herbert Brandl und wird am Mittwoch, 9. September, im Zuschauerraum der Staatsoper präsentiert. Das 176 Quadratmeter große Bild bleibt bis Ende Juni 2027 zu sehen.

Die Präsentation erfolgt posthum. Brandl hatte den Auftrag nach Angaben der Veranstalter bereits vor rund eineinhalb Jahren erhalten und mit der Arbeit an seinem Entwurf begonnen. Nach seinem plötzlichen Tod entschieden die internationale Jury, museum in progress, der Nachlass des Künstlers und die Staatsoper gemeinsam, an der Auswahl festzuhalten.

Kurator Daniel Birnbaum wird in Brandls Werk einführen, das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper gestaltet das musikalische Programm. Wenige Tage nach der demonstrativen Öffnung des Hauses in Richtung Burggarten wird damit im Zuschauerraum sichtbar, dass die Staatsoper auch ein Ort der Begegnung zwischen Musiktheater und bildender Kunst sein will.

(PA/red)