Wofür 12.000 Nerze auf Islands letzter Pelzfarm sterben

Rund 25 Kilometer östlich von Reykjavík liegt die letzte Pelzfarm Islands. Von außen fügt sich der Gebäudekomplex unauffällig in das grüne Mosfellstal ein. Im Inneren leben rund 12.000 weiße und schwarze amerikanische Nerze in langen Reihen aus Drahtgitterkäfigen.

Zu den Besuchern der Anlage gehörten die fünf und acht Jahre alten Kinder des österreichischen Tierschutzaktivisten DDr. Martin Balluch. Die Begegnung mit den Tieren hinterließ bei ihnen tiefe Spuren.

Achtjährige will Tiere nicht zurücklassen

Die ältere Tochter habe beim Anblick der Nerze „furchtbar geweint“, sich auf den Boden gesetzt und nicht mehr weggehen wollen, berichtete Balluch. Das Kind habe darauf bestanden, wenigstens einige Tiere mitzunehmen. Der Wunsch konnte nicht erfüllt werden.

Die Geschwister wachsen in Österreich auf, wo Pelzfarmen seit 1998 verboten sind. Für sie sei diese Form der Tierhaltung bislang ein Relikt aus der Vergangenheit gewesen. Balluch spricht von einer regelrechten Traumatisierung der Kinder und von einer schweren Belastung der „unbedarften Kinderseele“.

Auf den Bildern sind äußerlich überwiegend gesund wirkende Nerze mit dichtem, glänzendem Fell zu sehen. Gerade diese körperliche Unversehrtheit machte die Situation für die Kinder offenbar nicht leichter. Sie erlebten lebendige Tiere, deren späterer Verwendungszweck bereits an ihrem makellosen Fell erkennbar war.

Weiße Nerze stehen in Drahtgitterkäfigen auf der letzten Pelzfarm Islands.

Weiße Nerze in den Drahtgitterkäfigen der Pelzfarm Dalsbu im isländischen Mosfellstal. | © VGT.at

Ein Rohstoff für den Bekleidungsmarkt

Die Nerze werden nicht in erster Linie gezüchtet, um die Bevölkerung Islands mit warmer Winterkleidung zu versorgen. Ihre Felle sind ein Exportprodukt für den internationalen Modehandel.

Isländische Pelztierhalter verkauften ihre Felle lange über Auktionen in Kopenhagen. Nach dem Ende des dortigen Auktionshauses verlagerte sich der Handel unter anderem zu Saga Furs in Finnland. Von dort gelangen die sortierten Rohfelle an Käufer und verarbeitende Betriebe in verschiedenen Teilen der Welt.

Island exportierte 2024 rund 15,3 Tonnen rohe Nerzfelle im Wert von etwa 2,1 Millionen US-Dollar. Bei den internationalen Auktionen von Saga Furs zählen China, die Türkei und Südkorea zu den wichtigen Märkten. Daneben tritt weiterhin die europäische Modeindustrie als Käuferin auf.

Nerz trägt heute nicht immer Pelzmantel

Der klassische schwere Nerzmantel ist nur eine mögliche Verarbeitungsform. Moderne Verfahren machen Pelz leichter und im fertigen Kleidungsstück mitunter weniger deutlich erkennbar.

Nerzfelle werden geschoren, gefärbt, in schmale Streifen geschnitten oder mit Leder und Textilien verbunden. Sie kommen als Innenfutter sowie an Kragen, Kapuzen und Ärmeln zum Einsatz. Weitere Produkte sind Westen, Mützen, Schals, Handschuhe, Taschen und kleinere Accessoires.

Für einen einzigen Mantel werden abhängig von Schnitt, Größe und Verarbeitung mehrere Dutzend Felle benötigt. Kleinere Stücke lassen sich zu Besätzen und Zubehör verarbeiten. Damit kann nahezu das gesamte Fell in unterschiedlichen Preisklassen des Modehandels eingesetzt werden.

Bei H&M landen die isländischen Nerze allerdings nicht. Der schwedische Modekonzern schließt echten Pelz ausdrücklich aus und nennt dabei auch Nerz. Zahlreiche große Marken und internationale Modewochen haben ähnliche Regeln eingeführt. Islands eigene Fashion Week erklärte sich 2026 ebenfalls für pelzfrei.

Die verbliebene Nachfrage konzentriert sich zunehmend auf Luxusmode und auf Märkte, in denen Echtpelz weiterhin als hochwertiges Material oder Statussymbol gilt.

Ein Wirtschaftszweig verschwindet

Noch 2015 wurden in Island rund 200.000 Nerze auf 43 Farmen gehalten. Elf Jahre später ist davon eine einzige Anlage mit etwa 12.000 Tieren übrig. Niedrige Fellpreise und sinkende Nachfrage haben den Wirtschaftszweig weitgehend zusammenbrechen lassen.

Zeitweise lagen die Erlöse für isländische Nerzfelle unter den Kosten ihrer Produktion. Dass der letzte Betrieb dennoch weiterarbeitet, zeigt, dass für die Felle weiterhin Käufer vorhanden sind. Aus den Tieren im Mosfellstal sollen am Ende keine unentbehrlichen Kleidungsstücke für den isländischen Winter entstehen, sondern international gehandelte Modeprodukte.

Island bleibt außerhalb der Europäischen Union

Der Besuch wurde unmittelbar nach einer politischen Entscheidung bekannt, die Islands Verhältnis zur Europäischen Union betrifft. Am 29. August stimmten 52,8 Prozent der isländischen Bevölkerung gegen die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen. Für neue Gespräche votierten 47,2 Prozent. Die Beitrittsverhandlungen werden damit nicht wieder aufgenommen. Für die Nerze im Mosfellstal verändert das Abstimmungsergebnis nichts.

Ein äußerlich unverletzter weißer Nerz steht aufrecht hinter dem Drahtgitter seines Käfigs.

Ein weißer Nerz auf der Pelzfarm Dalsbu: Sichtbare Verletzungen sind nicht zu erkennen. An den Käfiggittern haften Fellreste. | © VGT.at

Als ausschlaggebend für die Veröffentlichung nannte DDr. Balluch die Enge der Käfige sowie fehlende Möglichkeiten zum Schwimmen, Klettern und Zurückziehen. Einzelne Nerze seien rastlos hin und her gesprungen oder hätten in die Gitterstäbe gebissen. Hinzu sei der intensive Geruch der Ausscheidungen von 12.000 Fleischfressern gekommen.

Mit diesen Zuständen konfrontierte der Tierschutzaktivist während des Familienurlaubs seine fünf und acht Jahre alten Kinder offenbar aus pädagogischen Gründen. Ob sie erneut einem solchen Anblick ausgesetzt werden, hängt weder von Islands Verhältnis zur Europäischen Union noch von einem Pelzfarmverbot ab. Den beiden Kindern bleibt zu wünschen, dass sie die belastenden Eindrücke gut verarbeiten.

(PA/red)