Für Böhmermann endet „ZDF Magazin Royale“ wie geplant

Für die Schadenfreude gibt es einen Sendetermin: Am 18. Dezember läuft die letzte Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“. Die Selbstreflexion gestaltet Jan Böhmermann etwas komplizierter. Der Entschluss aufzuhören sei seiner gewesen, erklärt der 45-Jährige in „Fest & Flauschig“, seinem Podcast mit Olli Schulz. Er möchte eine neue Sendung machen. Das ZDF spricht bereits mit ihm über ein mögliches Konzept. Der vermeintlich gefallene Fernsehstar könnte also im selben Haus schon bald ein Comeback feiern.

Noch zwei Jahre weiterzumachen hätte ihm womöglich die Lust am Fernsehen genommen, sagt Böhmermann. Bei Eva Schulz findet er im aktuellen „Deutschland3000“-Gespräch ein weniger appetitliches Bild: „Der Joghurtbecher ist ausgekratzt, dann muss man einen neuen Joghurtbecher aufmachen.“

Ein Abschied mit probiotischer Aufmunterung. Wer auf eine Abrechnung mit dem Sender gehofft hatte, bekommt die Erklärung eines Mannes, der rechtzeitig etwas anderes ausprobieren möchte. Eine Absetzung gegen seinen Willen sei das nicht gewesen. Fest steht das Ende des bisherigen Formats nach gut sechs Jahren im ZDF-Hauptprogramm.

Der Star geht, die Verträge enden

Für die Mitarbeiter ist der Abschied weniger offen als Böhmermanns zugesicherte Zukunft im Fernsehgeschäft. Produziert wird das „ZDF Magazin Royale“ von der Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld UE GmbH. Deren Betriebsrat zufolge verlieren fast alle der rund 80 Beschäftigten zum Jahresende ihre Stellen. Geschäftsführer Alexander Hesse erklärt, überwiegend liefen auf die Produktionsdauer befristete Verträge aus; nach aktuellem Stand seien maximal vier betriebsbedingte Kündigungen vorgesehen.

Das erinnert an Stefan Raabs Rückzug bei ProSieben 2015, auf den bei Brainpool 80 Kündigungen folgten. Die Vertragsmodelle unterscheiden sich, die Abhängigkeit vom Mann vor der Kamera bleibt. Auch eine öffentlich-rechtliche Sendung kann für ihre Produktionsmannschaft mit dem letzten Abspann enden. Zwischen Abschied von der Fernsehbühne und Comeback bei RTL sind in seinem Fall einige Jährchen vorbeigezogen.

Böhmermann hofft, bisherige Kollegen in eine neue Produktion mitnehmen zu können. Zusagen konnte er ihnen das zuletzt nicht. Für den Gastgeber steht ein möglicher Neubeginn im Raum, für das Team zunächst die Jobsuche.

Auch die für Anfang 2027 geplante Tour mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld entfällt. Eine Abschiedstour wolle Böhmermann nicht machen. Dabei erinnert gerade das Orchester daran, wie viel diese Sendung neben ihrem Gastgeber zu bieten hatte.

Vom Late-Night-Stuhl zum eigenen Tisch

Bevor Jan Böhmermann eine eigene Fernsehsendung bekam, arbeitete er im Radio und ab 2009 als Autor, Reporter und Mitspieler bei Harald Schmidt. Dort lernte er ein Format kennen, das später auch seine Sendungen prägen sollte: Der Gastgeber kommentiert am Schreibtisch das Tagesgeschehen, empfängt Gäste und überlässt zwischendurch Einspielern oder Musikern die Bühne. 2012 moderierte Böhmermann mit Charlotte Roche auf ZDFkultur die Gesprächssendung „Roche & Böhmermann“, in der prominente Gäste gemeinsam an einem Tisch saßen.

Im Oktober 2013 startete auf dem Spartensender ZDFneo das „Neo Magazin“. Produziert von der Kölner bildundtonfabrik, verband es die klassische Late-Night-Anordnung mit einer eigenen Welt aus wiederkehrenden Figuren, erfundenen Werbespots und Parodien. Sprecher William Cohn gehörte ebenso dazu wie Gäste, Musikauftritte und Beiträge, die auch außerhalb der Sendung im Internet funktionierten.

2015 wurde daraus das „Neo Magazin Royale“: mit größerem Studio, dem Rapper Dendemann und seiner Band als musikalischer Begleitung sowie zusätzlicher Ausstrahlung im ZDF-Hauptprogramm. Die Sendung begann zunehmend, Medienereignisse zu liefern, über die anschließend andere berichteten.

Mehr Musik, mehr Entertainment

Anfang 2017 übernahm das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld die musikalische Begleitung von Dendemann. Die größere Besetzung eröffnete Möglichkeiten für aufwendige Arrangements, gemeinsame Auftritte mit Gästen und eigene Konzerttourneen. Musik bekam hier Platz und Personal, statt nur als Begleitband zu fungieren und den passenden Tusch nach seinen Gags loszulassen

Ende 2019 verabschiedete sich das „Neo Magazin Royale“. Im November 2020 begann mit dem „ZDF Magazin Royale“ ein neuer Abschnitt, nun mit festem Platz am Freitag nach der „heute-show“ und der Produktionsfirma Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld. Die Sendezeit schrumpfte von rund 45 auf 30 Minuten. Aus der abwechslungsreichen Late-Night-Show wurde stärker ein satirisches Magazin mit einem ausführlich recherchierten Schwerpunktthema pro Ausgabe.

Jan Böhmermann sitzt im Studio an einem Tisch und blickt in die Kamera.

Im Jahr 2020 startete „ZDF Magazin Royale“ | © ZDF / Jens Koch

Freitagabend mit Lernziel

Mit dem Umbau veränderte sich auch der Humor. In der früheren Show konnte ein Gespräch eine unerwartete Richtung nehmen, eine Figur dazwischenkommen oder ein musikalischer Einfall für sich stehen. Im „ZDF Magazin Royale“ dienten die Pointen stärker einer durchgehenden Argumentation: Böhmermann führte in einen Missstand ein, präsentierte Zusammenhänge und Belege und spitzte sie auf ein Urteil zu. Der Witz bekräftigte häufig, was die Recherche zuvor dargelegt hatte.

Das gab schwierigen Themen einen Platz im Fernsehen und erreichte viele Zuseher. Es machte die Unterhaltung aber auch stärker davon abhängig, ob einen der jeweilige Gegenstand interessierte und Böhmermanns Blick darauf überzeugte. Wo früher nach wenigen Minuten etwas anderes beginnen konnte, blieb nun ein Thema über weite Teile der Sendung bestimmend. Weniger Ablenkung bedeutete mehr Konzentration – und machte spätnachts weniger Vergnügen.

Belehrend wirkte das vor allem dort, wo die moralische Bewertung vorzeitig feststand. Auch wer ihr zustimmte, konnte das Gefühl bekommen, bereits überzeugt worden zu sein – so what’s the point of that? Der Fernsehabend brachte dann keine überraschende Wendung mehr hervor, sondern eine längst gefasste Meinung.

Böhmermanns Bereitschaft, klar Position zu beziehen, verlieh der Sendung dennoch eine wichtige Funktion. Aus seiner Haltung konnten gute Einfälle entstehen, aber von Show zu Show wurde es mühsamer, sich auf die gleiche Meinung einzulassen.

Zwölf Punkte und eine Einmischung

In Österreich hat Böhmermann seit langem eine Fangemeinde. Seit 2023 kommentiert Böhmermann mit Olli Schulz das Song-Contest-Finale für FM4 aus Wien. Kultcharakter wäre jedoch noch ein zu starker Begriff für das, was bisher dabei herausgekommen ist. Gerade bei diesem Format stößt Satire an ihre Grenzen.

Durchaus unterhaltsam gerieten manche Ausflüge in die österreichische Innenpolitik. Im „Kulturmontag“ bezeichnete er Sebastian Kurz 2019 als „Versicherungsvertreter“ und sprach vom ORF als künftigem „FPÖ-TV“. Die Pointe saß. Der nachbarliche Tonfall hatte allerdings etwas Belehrendes.

Einen empfindlichen Punkt hatte er allerdings getroffen. Der ORF distanzierte sich von seinen Aussagen und ließ ihn damit wichtiger erscheinen, als er es damals noch selbst geglaubt hätte. Das gesunde Level an Selbsteinschätzung ist mit zunehmendem Erfolg irgendwann gekippt.

Kein Abschied ohne Schlussrechnung

Die „Welt am Sonntag“ berichtete 2023 unter Berufung auf Vertragsunterlagen von 651.000 Euro Jahreshonorar beim ZDF, steigend auf 713.000 Euro bis 2025, jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer. Böhmermann bezeichnete die kolportierten Honorare als falsch und scherzte, bei solchen Beträgen wäre er längst wütend zum Privatfernsehen gewechselt. Was nun stimmt, sei dahingestellt, jedoch passt diese Gehaltshöhe nicht so recht ins Bild eines Weltverbesserers.

Zum Image des linken Störenfrieds liefern solche Summen einen hübschen Reibebaum. Die Schadenfreude über das Sendungsaus rührt wohl auch daher. Vielleicht verstehen sich Gesellschaftskritiker und Kapitalist in einer Person besser, als es Böhmermann-Fans wahrhaben möchten.

Seine besten Einfälle von früher überzeugten, weil sie die Wahrheit sichtbar machten, ohne den Zusehern dabei den sprichwörtlichen Arsch ins Gesicht zu halten. Später entstand zu oft der Eindruck, die eigene Überzeugung reiche als Beleg, um die Provokation als Pointe durchzuwinken.

Ihm und seinem Team ist ein Neustart zu wünschen.

(red)