Tanzschein gewinnt überraschend beim ESC-Vorentscheid

Mit „Tanzschein“ hat sich der Künstler Cosmo am Freitagabend in der ORF-Liveshow „Vienna Calling – Wer singt für Österreich?“ durchgesetzt. Der 19-Jährige gewann den ersten publikumsmitbestimmten Vorentscheid seit zehn Jahren und wird Österreich beim Eurovision Song Contest 2026 in der Wiener Stadthalle vertreten.

Nach einem Jahrzehnt interner Auswahl kehrte der ORF heuer zum offenen TV-Format zurück. Zwölf Acts traten live gegeneinander an, das stilistische Spektrum reichte von Dance-Pop über Austropop und Soul bis Nu-Metal, Bluesrock und humorvoller Disco-Nummer. Alle wollten im Mai in der Wiener Stadthalle auf der großen ESC-Bühne stehen.

Nach der Bekanntgabe der Jurywertung wurden jene drei Acts genannt, die im kombinierten Ranking inklusive Televoting vorne lagen. Cosmó setzte sich schließlich durch – mit einer bewusst humorvollen Disco-Nummer, die Tiere auf die Tanzfläche schickt und auf unmittelbare Eingängigkeit setzt.

Vienna Calling - Wer singt für Österreich? - Live vom ORF-Mediencampus

Alice Tumler und Cesár Sampson moderierten die Show | © ORF/Hans Leitner

Offenes Rennen quer durch alle Genres

Im Vorfeld galt das Rennen als völlig offen. Explizite Favoriten hatten sich nicht herauskristallisiert. Die Songs und die Biografien der Künstler waren einige Tage vor der Show veröffentlicht worden – doch erfahrungsgemäß entscheidet beim Song Contest weniger die Studioaufnahme als die Live-Performance.

Produziert wurde die Show am ORF-Mediencampus in Wien, übertragen ab 20.15 Uhr live in ORF 1 und via ORF ON. Moderiert wurde der Abend von Alice Tumler und ESC-Teilnehmer César Sampson. Ein Experten-Panel mit Caroline Athanasiadis, Eric Papilaya und JJ, Johannes Pietsch kommentierte die Auftritte. Sie fanden jede Leistung gut – ohne spürbare Präferenz für den einen oder anderen Bewerber.

Eric Papilaya, Caroline Athanasiadis und JJ lobten die Auftritte aller Teilnehmer.

Das Expertenpanel bestehend aus Eric Papilaya, Caroline Athanasiadis und JJ | © ORF/Hans Leitner

Vienna Calling – Wer singt für Österreich?

Zwischen Partyvibes, Trennungsschmerz, Powerballade und experimentellen Genremischungen bot der Abend eine bewusst breite Palette. Reverend Stomp brachten mit ihrem selbst bezeichneten „Swamp Surf“ Country, Blues und Rock auf die Bühne. Den Auftakt machte Anna-Sophie mit der radiotauglichen Dance-Pop-Nummer „Superhuman“.

Sidrit Vokshi ging mit seiner Franken-Pop-Ballade „Wenn ich rauche“ gefühlsbetont ins Rennen. Bamlak Werner kombinierte in „We Are Not Just One Thing“ einen poppigen Dance-Track mit Elementen aus African Music, Volksmusik, Rap und zweisprachigem Gesang.

Eine Powerballade in waschechtem Tiroler Austropop-Dialekt gab Kayla Krystin mit „I brenn“ zum Besten. Mit Frevd wurde auch das Hard-and-Heavy-Fach bedient, während Lena Schaur klassische Balladenmomente setzte.

Lena Schaur bei ihrem Auftritt in Vienna Calling - Wer singt für Österreich? - Live vom ORF-Mediencampus

Lena Schaur erhielt die meisten Punkte der ECS-Jury | © ORF/Hans Leitner

Mit Startnummer 07 war Nikotin an der Reihe. Im Einspieler erklärte er, „Unsterblich“ gezielt für den Eurovision Song Contest geschrieben zu haben – als epischen Song für große Bühnen und Stadien. Sein Auftritt war fehlerfrei und bewusst zurückgenommen inszeniert. Nikotin hat den Song ohne viel Kraftanstrengung sauber über die Bühne gebracht.

Jury ebnet Siegeszug von Cosmó

Die Entscheidung folgte dem ESC-Modell: 50 Prozent Jury, 50 Prozent Publikum. 44 nationale und internationale Jurymitglieder hatten ihre Bewertungen bereits am Donnerstag nach den Generalproben abgegeben. Erst nach dem letzten Live-Auftritt wurden die Leitungen für das Publikum geöffnet.

Nach Bekanntgabe der Jurywertung wurde anschließend offengelegt, welche drei Acts im kombinierten Ranking inklusive Publikumsvoting vorne lagen – erst danach fiel die endgültige Entscheidung.

Leichtigkeit schlägt Konzept

Der Auftritt von Cosmó war farbenfroh, energetisch und klar auf Mitsing- und Mitfeiermomente angelegt. Während andere Beiträge auf stimmliche Virtuosität, emotionale Tiefe oder inszenatorische Dichte setzten, vertraute er auf Tempo, Wiederholung und gute Laune. Das Konzept ging auf – sowohl bei Teilen der Jury als auch beim Publikum punktete der gebürtige Ungar, der im Burgenland aufgewachsen ist und heute in Wien lebt.

Nikotin ging mit Startnummer 7 an den Start

Nikotin ging mit Startnummer 7 an den Start | © ORF/Hans Leitner

Auf Rang zwei landete Lena Schaur – und stimmlich war sie an diesem Abend kaum zu übertreffen. Mit „Painted Reality“ präsentierte sie eine Soul-Blues-Powerballade, die in Aufbau und Eskalation klassisches ESC-Handwerk zitierte. Ihr Auftritt wirkte professionell, kontrolliert und musikalisch auf hohem Niveau.

Wäre zeitgenössischer R&B mit großer Stimmgewalt derzeit populär, hätte dieser Beitrag sehr gute Chancen gehabt. Im Juryvoting erhielt sie die Höchstwertung, beim Publikum reichte es für Platz drei. Das zeigt: Qualität wurde erkannt – doch der Moment gehörte einer anderen Dramaturgie.

ESC-Logik unterschätzt Nikotin

Nicht unter die Top drei schaffte es Nikotin mit „Unsterblich“. Der Beitrag war als epischer ESC-Song angelegt, mit bewusst gesetzter Dramaturgie und einer zurückgenommenen, atmosphärischen Performance. Die klare künstlerische Handschrift reichte am Ende nicht für das Ticket.

Cosmo hingegen bedient sehr präzise jene Mechanik, die den modernen Eurovision Song Contest auszeichnet: unmittelbare Eingängigkeit, klare Bilder, hohe Wiedererkennbarkeit. „Tanzschein“ funktioniert sofort – ohne erklärungsbedürftige Zwischentöne. Das spiegelte sich auch im Voting wider: Jury und Publikum zogen in dieselbe Richtung.

Nikotin wählte einen ambitionierteren Zugang. Sein Künstlername ist bewusst markant, sein Auftritt ästhetisch verdichtet, seine Performance kontrolliert statt ausladend. Das war seine künstlerische Entscheidung – aber im ESC-Umfeld auch ein kalkuliertes Risiko.

Cosmo singt für Österreich beim ESC 2026

Cosmo singt für Österreich beim ESC 2026 | © ORF/Hans Leitner

Party-Host ORF am Limit

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der für Cosmó spricht: Ein erneuter österreichischer Sieg würde automatisch eine neuerliche Austragung nach sich ziehen. Der Eurovision Song Contest ist ein Prestigeprojekt – aber auch ein finanziell und organisatorisch enormer Kraftakt. Dass man bei der Auswahl nicht nur auf künstlerische Größe, sondern auch auf realistische Erwartungshaltungen blickt, liegt in der Natur des Formats.

Cosmo steht nun für einen Beitrag, der den Wettbewerb mit Leichtigkeit bespielt. Nikotin hätte mit „Unsterblich“ die größere Erzählung angeboten. Lena Schaur erhielt starke Jury-Unterstützung, konnte aber mit ihrer straighten Performance die Hard Core Fans des ESC-Events nicht ausreichend mobilisieren. Der Vorentscheid entschied sich für das unmittelbar Wirksame und vergab den Tanzschein an den passendsten Bewerber.

(red)