Wildtiere verlieren in Städten ihre Scheu vor Menschen
Städte verändern nicht nur Landschaften und Lebensräume, sondern offenbar auch das Verhalten vieler Wildtiere. Eine internationale Metastudie legt nahe, dass Tiere in urbanen Umgebungen oft weniger scheu auf Menschen reagieren und in bestimmten Situationen risikofreudiger auftreten als Artgenossen in ländlichen Regionen. Forschende sprechen dabei etwa von geringerer Fluchtdistanz oder stärkerem Erkundungsverhalten.
Wildtiere in Wien
Auch in Wien lässt sich beobachten, wie stark sich Wildtiere an das urbane Leben anpassen. Über die Plattform StadtWildTiere Wien melden Bürger:innen seit Jahren Sichtungen von Füchsen, Dachsen, Mardern oder Wildschweinen mitten im Stadtgebiet. Besonders Rotfüchse gelten inzwischen nicht mehr als seltene Ausnahmeerscheinung. Immer wieder berichten Wienerinnen und Wiener von nächtlichen Begegnungen in Innenhöfen, Parks oder Wohnsiedlungen.
Internationale Studie
Die nun veröffentlichte Untersuchung eines Forschungsteams aus Frankreich und den USA wertete 81 Studien aus 28 Ländern aus. Berücksichtigt wurden Daten zu insgesamt 133 Tierarten — von Vögeln und Säugetieren über Amphibien und Reptilien bis hin zu Insekten. Besonders gut erforscht sind bisher allerdings Vögel, während zu vielen anderen Tiergruppen deutlich weniger vergleichbare Daten vorliegen.
Zwischen Asphalt und Mensch
Städte sind für Wildtiere mehr als bloße Rückzugsräume am Rand der Zivilisation. Zwischen Verkehr, Beton, künstlichem Licht und Menschenmengen entstehen zunehmend neue Lebensräume — mit Tieren, die lernen, sich an die Bedingungen der urbanen Welt anzupassen. Gleichzeitig bieten Städte vielen Arten Vorteile: leichter zugängliche Nahrung, wärmere Temperaturen und oft weniger natürliche Feinde.
Weniger Scheu, mehr Konflikte?
Die ausgewerteten Studien deuten darauf hin, dass zahlreiche Wildtiere in urbanen Räumen ihre Scheu vor Menschen zunehmend verlieren und Risiken anders bewerten als ihre Artgenossen außerhalb der Städte. Forschende berichten häufiger von konfliktgeladenem Verhalten unter Tieren in direkter Nähe menschlicher Siedlungen. Warum manche Populationen uns dadurch nun lebhafter erscheinen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Zur Diskussion stehen dichter besiedelte Wohnräume, Kampf um Nahrung oder dauerhafter Stress durch Lärm, Licht und permanente menschliche Aktivität.
Die Studienautorinnen und -autoren warnen deshalb davor, die neue Nähe zwischen Mensch und Wildtier ausschließlich romantisch zu betrachten. Wo Tiere und Menschen immer enger zusammenleben, entstehen auch mehr Konflikte. Dazu zählen etwa die Übertragung von Krankheiten, Konkurrenz um Lebensräume oder zunehmend direkte Begegnungen mitten im urbanen Alltag.
Anthropodenialer Anthropomorphismus
Ob die beobachteten Verhaltensänderungen kurzfristige Anpassungen oder längerfristige evolutionäre Entwicklungen darstellen, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen selbst, dass es vor allem bei Amphibien, Reptilien und Insekten noch erhebliche Wissenslücken gibt.
Dennoch zeichnet sich bereits jetzt ein deutliches Bild ab: Städte formen zunehmend Tierpopulationen, die lernen, sich in unmittelbarer Nähe des Menschen zu behaupten — oft mutiger, anpassungsfähiger und manchmal auch „aggressiver“, als es vielen Städtern lieb ist.
(red)


© keymedia/Grafik: BM
© VBEN/APA-Fotoservice/Juhasz
© APA/Fohringer
© Bwag/wikimedia
© Stefan Seelig
© Niko Havranek