Wiener Staatsoper präsentierte Spielzeit 2026/27

Das Bühnenbild des dritten Aktes aus Tosca war Setting für die Matinee zur Präsentation der Spielzeit 2026/27 an der Wiener Staatsoper. Bogdan Roščić führte durchs Programm und sprach mit jenen Künstlerinnen und Künstlern, die die nächste Spielzeit musikalisch wie szenisch prägen werden. Dazwischen gab es musikalische Einlagen passend zu den Premieren in Oper und Ballett sowie Einblicke in die Öffentlichkeits- und Nachwuchsarbeit des Hauses.

Direktor Bogdan Roscic präsentiert das Programm 2020/2021 der Wiener Staatsoper

Bogdan Roščić,  Direktor der Wiener Staatsoper | © Lalo Jodlbauer

Nach rund zwei Stunden war das Publikum nicht nur am letzten Stand, was die zukünftigen Aufführungen betrifft, sondern auch um eine Erkenntnis reicher: warum es überhaupt in die Oper kommt. Dass das Ergebnis einer von Roščić inszenierten Live-Befragung des Publikums via QR-Code und Handy für den Fragesteller selbst überraschend ausfiel, bildete die Schlusspointe einer stimmigen Matinee am Sonntag, 12. April in der Wiener Staatsoper.

Große Premieren prägten die Saison

Zu den zentralen Neuproduktionen zählte Hector Berlioz’ La Damnation de Faust. Zu Beginn der Präsentation war daraus der „Ungarische Marsch“ zu hören, gespielt vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Axel Kober. Im anschließenden Gespräch sprach Dirigent Bertrand de Billy über das Werk.

Einen längeren Abschnitt galt Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi. Die junge Sopranistin Ekaterine Buachidze präsentierte daraus die Arie „Ah! ascolta… Se Romeo t’uccise un figlio“. Das Direktorium stellte die erst 24-jährige Sopranistin als Nachwuchstalent vor und prophezeite ihr „eine große Karriere“ — wie Roščić anmerkte.

Was suchen Sie bei einem Opernabend?

Nach ihrer Präsentation wandte sich Roščić mit einer Bitte an das Publikum: Über einen QR-Code sollten die Besucherinnen und Besucher an einer kurzen Umfrage zu ihren Erwartungen an einen Opernbesuch teilnehmen. Fünf Fragen erschienen auf den Smartphones im Saal, während das Programm auf der Bühne fortgesetzt wurde.

Was suchen Sie bei einem Opernabend? 1) Einfach Unterhaltung 2) Flucht vor der Realität 3) Ein sinnliches Erlebnis 4) Stars, Stars, Stars 5) Sehen und gesehen werden 6) politisch-moralische Orientierung

Was suchen Sie bei einem Opernabend?
1) Einfach Unterhaltung
2) Flucht vor der Realität
3) Ein sinnliches Erlebnis
4) Stars, Stars, Stars
5) Sehen und gesehen werden
6) politisch-moralische Orientierung

Staatsballett setzte tänzerische Akzente

Unmittelbar nach dem Opernblock richtete sich der Blick auf das Wiener Staatsballett. Im Gespräch mit Ballettdirektorin Alessandra Ferri stellte Roščić zentrale Projekte der kommenden Saison vor, darunter eine Gala am 28. Juni, die dem Choreografen Jerome Robbins gewidmet war.

Im Anschluss folgte eine Tanzdarbietung mit Margarita Fernandes und António Casalinho. Begleitet wurden die beiden Solotänzer vom Orchester der Wiener Staatsoper unter Axel Kober.

Verschwörungen, Liebesbekundungen, Standpunkte

Auch Giuseppe Verdis Un ballo in maschera wurde während der Matinee vorgestellt. Marina Rebeka sang eine Szene aus dem Werk, bevor Regisseur Nikolaus Habjan zum Gespräch auf die Bühne kam.

Im anschließenden Gespräch sprach Habjan auch über die Rolle handwerklicher Arbeit im Theater — gerade in Zeiten zunehmender digitaler Bildproduktion. Konkurrenz zu Film, Computeranimation oder künstlicher Intelligenz sehe er für das Theater nicht, sagte er. Entscheidend bleibe für ihn das von Menschen geschaffene Handwerk: „Ich bin ein großer Verfechter des Handwerks und des menschengemachten Handwerks — da bin ich unerschütterlich.“

Habjan gestaltete anschließend einen der umjubeltsten Programmpunkte: Als Kunstpfeifer interpretierte er die Oscar-Arie „Volta la terrea fronte“ aus dem ersten Akt. Dabei demonstrierte er nicht nur hohe Musikalität, sondern auch einen erfrischenden Kontrastpunkt zum akademischen Gespräch zuvor.

Mit Tschaikowskis Pique Dame folgte eine weitere Premiere. Tenor Ivan Gyngazov präsentierte eine Szene aus der Oper, danach sprach Regisseur Evgeny Titov über seine Arbeit an der kommenden Produktion.

Open Air als Signal für ein offenes Haus

Einen breiteren Raum innerhalb der Präsentation nahm der Ausblick auf das nächste große Open-Air-Opernereignis ein. In einer Videoeinspielung erinnerte Roščić zunächst an die große Resonanz des vergangenen Jahres und kündigte an, das Format auch 2026 fortzuführen — trotz des erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwands. Das nächste Opernfest im Wiener Burggarten soll am 6. September 2026 stattfinden, bei freiem Eintritt für das Publikum.

Publikum bei Open-Air-Oper im Burggarten im Rahmen der Spielzeit Staatsoper

Das Opernfest im Wiener Burggarten ist auch in der Spielzeit der Staatsoper 2026/27 wieder geplant. | © Michael Pöhn

Als Solistinnen und Solisten nannte Roščić Piotr Beczała, Juan Diego Flórez, Asmik Grigorian und Ludovic Tézier, begleitet von Chor und Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Axel Kober. Neben der Live-Veranstaltung ist erneut eine Übertragung geplant: im Fernsehen auf ORF III sowie international auf ARTE, wo das Konzert im vergangenen Jahr ein Millionenpublikum erreichte.

Roščić ordnete das Open-Air-Konzert ausdrücklich in eine Reihe von Maßnahmen ein, mit denen sich die Wiener Staatsoper einem möglichst breiten Publikum öffnen will — von Werkseinführungen über Matineen bis hin zu regelmäßigen Informationsformaten. Sein programmatischer Schlusssatz zu diesem Abschnitt formulierte dabei eine klare Haltung: Die Oper dürfe keine Veranstaltung nur für Insider oder Eliten sein, sondern müsse „ein elitäres Angebot für absolut alle“ bleiben.

Nachwuchsarbeit im Programm

Einen umfangreichen Teil der Präsentation nahm das Programm für Kinder und Jugendliche ein. Roščić kündigte eine Reihe neuer Produktionen an, die sich gezielt an ein junges Publikum richten. Dazu zählt eine sogenannte Wanderoper auf Basis von Mozarts Zauberflöte, inszeniert von Nina Blum. Rund 180 Kinder sollen dabei durch das Gebäude der Wiener Staatsoper geführt werden und die Handlung an verschiedenen Schauplätzen innerhalb des historischen Hauses erleben. Darüber hinaus wurde eine Oper über Anne Frank angekündigt, in der Regie von David Bösch, die formal an eine Graphic Novel angelehnt ist.

Weitere Produktionen entstehen im NEST, der zweiten Spielstätte der Wiener Staatsoper am Karlsplatz. Vorgesehen sind unter anderem eine Ballettversion von Der kleine Prinz sowie eine Vertonung von Die kleine Hexe nach dem Buch von Otfried Preußler, komponiert von Franz Wittenbrink und inszeniert von Christiane Lutz. Roščić verwies in diesem Zusammenhang auf die besondere Bedeutung der Arbeit für Kinder und Jugendliche und erinnerte daran, dass viele dieser Projekte nur mit Unterstützung des Freundeskreises realisiert werden können. Das NEST selbst bezeichnete er dabei erneut als eigenständigen Ort innerhalb des Hauses, der gezielt neue Zugänge zur Oper schaffen soll.

Wiederaufnahmen und Ensemble im Fokus

Neben den Premieren wurden auch Wiederaufnahmen vorgestellt. Tenor Andreas Schager präsentierte während der Matinee einen Ausschnitt aus Richard Wagners Siegfried („Hoho! Hoho! Hohei!“ aus der Schmiedeszene). Im anschließenden Gespräch bekannte sich Schager klar zum Wagner-Fach und bezeichnete das deutsche Repertoire als seine musikalische Heimat. Einen Ausflug ins italienische Fach wird es so bald nicht mehr geben, ließ Schager erkennen; Anfragen aus dem Operettenfach, so merkte er an, begegneten ihm bislang vor allem in Wien.

Auch die Opernschule der Wiener Staatsoper trat auf. Gemeinsam mit ihrem Leiter Johannes Mertel gestaltete sie einen musikalischen Programmpunkt.

Ein weiterer Schwerpunkt der Präsentation galt Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos, die in der kommenden Saison neu inszeniert wird. Für dieses Projekt trafen auf der Bühne gleich zwei zentrale künstlerische Stimmen zusammen: Dirigent Franz Welser-Möst und Regisseur Barrie Kosky, die erstmals in dieser Konstellation an der Wiener Staatsoper zusammenarbeiten werden.

Franz Welser-Möst musikalischer Leiter von "Elektra" bei den Salzburger Festspielen

Dirigent Franz Welser-Möst | © Michael Pöhn

Franz Welser-Möst hatte am Vorabend Alban Bergs Wozzeck an der Wiener Staatsoper geleitet und verwies mit einem augenzwinkernden Hinweis auf die „grauen Gehirnzellen“, die er am Dirigentenpult liegen ließ — eine Anspielung auf die besondere Konzentration, die ein Werk dieser Komplexität verlangt.

Im weiteren Verlauf wandte sich das Gespräch der geplanten Neuproduktion von Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos zu, für die Welser-Möst gemeinsam mit Regisseur Barrie Kosky verantwortlich zeichnen wird

Den musikalischen Schlusspunkt setzte schließlich eine Szene aus Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt, gesungen von Vida Miknevičiūtė.

Auflösung der Umfrage – die Suche danach

Am Ende der Matinee kehrte Roščić zu jener Publikumsbefragung zurück, die bereits im ersten Teil der Präsentation gestartet worden war und sich nach den Erwartungen an einen Opernbesuch erkundigte.

Bereits rund 30 Minuten nach Beginn der Matinee hatten etwa tausend Besucherinnen und Besucher abgestimmt. Das Zwischenergebnis wurde kurz eingeblendet — und zeigte früh einen klaren Trend, der das Endergebnis ziemlich exakt widerspiegelte.

78 Prozent der Teilnehmenden gaben an, vor allem ein sinnliches Erlebnis zu suchen. Mit Abstand folgten einfach Unterhaltung und Flucht vor der Realität, während Stars, sehen und gesehen werden sowie politisch-moralische Orientierung nur magere 3 Prozent Zustimmung erhielten.

Bogdan Roščić im Rahmen einer Matinee auf der Bühne der Wiener Staatsoper wo er die Spielzeit 2026/27 vorstellt.

Bogdan Roščić im Rahmen einer Matinee auf der Bühne der Wiener Staatsoper wo er die Spielzeit 2026/27 vorstellt.

Roščić ins Stammbuch geschrieben

Was sagt das Abstimmungsverhalten über das Publikum aus — und was erzählt es über den Fragesteller? Hätte Antwortmöglichkeit sechs die meisten Stimmen erhalten, wäre wohl eine ausführlichere Einordnung gefolgt.

Das Stammpublikum entschied sich mit bemerkenswerter Deutlichkeit für das künstlerische Erlebnis — und verkürzte damit die Matinee wohl um ein paar Minuten.

Auf einem vergilbten Blatt Papier, schön eingerahmt, an einer Wand im Haus fotografiert und auf Instagram geteilt – ohne weiteren Kommentar und KI-Filter – wird demnächst zu lesen sein:

„Auch wer die flaschen Fragen stellt, bekommt machmal die richtige Antwort.“

(red)