DACH-Verlage testen personalisierte KI-Nachrichten
Mit dem Projekt „Local_Vocal“ unterstützt das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) die Entwicklung neuer digitaler Angebote für regionale Medien. Ziel ist es, lokale Inhalte mithilfe künstlicher Intelligenz stärker auf individuelle Nutzungsgewohnheiten zuzuschneiden und damit vor allem jüngere Zielgruppen zu erreichen.
Beteiligt sind mehrere deutsche Regionalverlage sowie Partner aus Forschung und Medienwirtschaft, darunter die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die Unternehmensberatung Highberg und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Erste Anwendungen sollen noch in diesem Jahr getestet werden, die Projektlaufzeit ist bis 2028 angesetzt.
Im Zentrum steht ein Prinzip, das von den Projektpartnern selbst klar benannt wird: Inhalte sollen datenbasiert ausgewählt und individuell ausgespielt werden. Die zugrunde liegende Logik folgt der Idee, aus Nutzungsdaten möglichst präzise abzuleiten, welche Themen einzelne Leserinnen und Leser tatsächlich interessieren.
Österreich ist Teil derselben Plattformstruktur
Das Projekt bleibt nicht auf Deutschland beschränkt. Über das Netzwerk DRIVE ist auch die Tiroler Tageszeitung Teil jener Verlagsstruktur, in der datenbasierte Distributionsmodelle entwickelt werden. Die Moser Holding gehört damit zu jenen Häusern, die früh auf gemeinsame technologische Systeme gesetzt haben.
DRIVE selbst beschreibt sein Ziel offen: Durch Data Science und gemeinsame Infrastruktur sollen neue Erkenntnisse aus Nutzerdaten gewonnen und digitale Erlöse gesteigert werden. Der wirtschaftliche Fokus liegt damit weniger auf einzelnen redaktionellen Produkten als auf der systematischen Auswertung von Nutzungsmustern über mehrere Titel hinweg.
Solche Modelle entstehen nicht isoliert. Sie bauen auf der Annahme auf, dass Inhalte künftig nicht mehr primär über klassische Startseiten gefunden werden, sondern über algorithmisch sortierte Feeds, die sich an individuellen Vorlieben orientieren. Für große Verlagshäuser bedeutet das zusätzliche Skalierungsmöglichkeiten – für kleinere Redaktionen wächst zugleich die Abhängigkeit von gemeinsamen technischen Plattformen.

NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU) kündigt das Projekt „Local_Vocal“ beim Festakt zum 80-jährigen Bestehen der Aachener Zeitung an. | © Andreas Steindl
Personalisierung verändert die Kontrolle über Inhalte
Die Idee personalisierter Inhalte gilt in der Branche als zentraler Baustein der digitalen Transformation. Gleichzeitig berührt sie einen sensiblen Bereich journalistischer Öffentlichkeit: die Frage, wer entscheidet, welche Informationen sichtbar werden.
Wenn Inhalte zunehmend auf Basis individueller Daten ausgewählt werden, verschiebt sich die klassische Rolle der Redaktion. Entscheidungen über Themengewichtung entstehen nicht mehr ausschließlich aus redaktionellen Kriterien, sondern auch aus algorithmisch ausgewerteten Nutzersignalen.
Gerade bei jüngeren Zielgruppen gewinnt dieser Ansatz zusätzliche Bedeutung. Projekte wie „Local_Vocal“ richten sich explizit an Nutzergruppen, die klassische Nachrichtenangebote nur noch eingeschränkt nutzen. Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie transparent solche Systeme für ihre Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich sind – insbesondere dann, wenn Personalisierung auf umfangreicher Datenauswertung basiert.
In Fachkreisen wird deshalb zunehmend diskutiert, ob datengetriebene Nachrichtenmodelle langfristig nicht nur neue Erlösquellen schaffen, sondern auch neue Formen der Einflussnahme ermöglichen können. Einerseits durch Inhalte selbst, andererseits durch die Auswahl und Reihenfolge, in der sie erscheinen.
Kooperation wird damit zu einer technischen Frage. Sie entscheidet zunehmend darüber, welche Inhalte entstehen, welche verbreitet werden – und wer letztlich darüber bestimmt, was Leserinnen und Leser überhaupt zu sehen bekommen.
(PA/red)


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