Hitzerekord in Wien macht Klimaschutz zum Topthema

Der Sommer zeigt sich in Wien von seiner extremen Seite. Ende Juni wurden in der Innenstadt erstmals seit Messbeginn exakt 40 Grad registriert. Auf der Jubiläumswarte sank die Temperatur in einer Nacht nicht unter 27,3 Grad – auch das war österreichischer Rekord. In dicht verbauten Stadtteilen speichern Asphalt und Fassaden die Wärme bis tief in die Nacht.

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Bedrohung durch heißes Wetter

Was für die einen Badewetter bedeutet, wird für andere zum Gesundheitsrisiko. Besonders betroffen sind ältere und chronisch kranke Menschen sowie Bewohner schlecht gedämmter Wohnungen. Nach vorläufigen Angaben von Greenpeace und Volkshilfe wurden in Wohnungen armutsbetroffener Senioren Temperaturen von bis zu 30 Grad gemessen.

„Hitze ist längst eine soziale Frage. Wer alt, krank oder arm ist, trägt das höchste Risiko“, erklärte PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer. Menschen mit geringem Einkommen lebten häufiger in schlecht gedämmten Wohnungen und könnten sich Kühlmaßnahmen oft nicht leisten. „Das eigene Zuhause wird im Sommer zunehmend zur Hitzefalle.“

Blick auf den Neuen Markt in Wien bei Abendsonne vom Herrnhutterhaus aus

Blick über den versiegelten Neuen Markt in der Wiener Innenstadt. | © km

Arbeiten in der prallen Sonne

Die Gewerkschaft vida fordert auch besseren Schutz für Beschäftigte im Straßenverkehr. Betroffen seien unter anderem Paket- und Essenszusteller, Bus-, Taxi- und Lkw-Lenker sowie Beschäftigte beim Be- und Entladen.

„Es gibt in Österreichs Arbeitswelt zwar kein allgemeines Recht auf Hitzefrei. Jedoch bedeutet das nicht, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber keine Maßnahmen ergreifen müssen“, sagte Gewerkschafter Markus Petritsch. Viele Beschäftigte verbrächten einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit außerhalb klimatisierter Fahrzeuge. Arbeitgeber müssten im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht etwa Wasser, Schatten oder zusätzliche Pausen ermöglichen.

Kühle Räume, Bäume und Sprühnebel

Eine Antwort der Stadt sind die Coolen Zonen. Das 2023 gestartete Angebot wurde heuer auf 34 Einrichtungen in 20 Bezirken erweitert. In Amtshäusern, Pensionistenklubs und Nachbarschaftszentren können sich Menschen kostenlos und ohne Konsumzwang in klimatisierten Räumen aufhalten.

Das Netz hat allerdings noch Lücken. Nicht alle Bezirke verfügen bereits über eine Coole Zone, manche Einrichtungen sind nur wenige Stunden geöffnet. Kritik gab es zuletzt vor allem an fehlenden Wochenendöffnungen. Einige Standorte sperrten daraufhin zusätzlich auf.

Im öffentlichen Raum setzt Wien auf Bäume, Entsiegelung, Trinkbrunnen und Sprühnebel. Nach Angaben der Stadt wurden seit 2020 mehr als 29.000 Stadtbäume gepflanzt. Insgesamt betreuen die Wiener Stadtgärten über 500.000 Bäume.

Ein neu gesetzter Baum kann die Wirkung eines alten Bestandsbaums allerdings nicht sofort ersetzen. Große Bäume spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung, speichern Wasser und bieten Lebensraum für Tiere. Bis ein Jungbaum diese Funktionen in vergleichbarem Umfang erfüllt, vergehen viele Jahre.

Ein Mann nutzt eine Sprühnebelanlage am Wiener Opernring zur Abkühlung. Die sogenannten Sommerspritzer werden auf Hydranten montiert und sollen an heißen Tagen punktuell für Erfrischung sorgen.

Ein “Sommerspritzer” in Action am Opernring. | © km

Kurzfristiger wirken Nebelduschen, Nebelstelen und sogenannte Sommerspritzer auf Hydranten. Der feine Wassernebel kann die unmittelbare Umgebung lokal um etwa ein bis zwei Grad abkühlen. Besonders an Haltestellen oder unbeschatteten Sitzplätzen kann das spürbar sein. Dauerhafte Begrünung und großflächigen Schatten können solche Anlagen jedoch nicht ersetzen.

Hoher Wasserverbrauch, niedrige Donaupegel

An den heißesten Tagen Ende Juni stieg der Wasserverbrauch in Wien auf bis zu 580.000 Kubikmeter täglich. Das waren rund 45 Prozent mehr als im Durchschnitt. Die Stadt schränkte daraufhin die Bewässerung von Grünflächen ein und verzichtete zeitweise auf Wasser bei der Straßenreinigung. Auch Bevölkerung, Betriebe und Institutionen wurden zum sparsamen Umgang aufgerufen.

Während sich der hohe Trinkwasserverbrauch wieder stabilisierte, blieb die Lage auf der Donau angespannt. Wegen geringer Niederschläge und einer schwachen Schneeschmelze lag der Pegel östlich von Wien zeitweise rund einen halben Meter unter dem Regulierungsniederwasser, einem für die Schifffahrt wichtigen Schwellenwert.

Frachtschiffe können bei solchen Verhältnissen weniger laden. Einige Kreuzfahrtreedereien passten ihre Fahr- und Landprogramme an oder setzten Schiffe mit geringerem Tiefgang ein. Eine behördliche Sperre der Donau bestand zuletzt nicht.

Der Twin City Liner zwischen Wien und Bratislava fährt nach Angaben seiner Betreiber weiterhin planmäßig. Der Schnellkatamaran verfüge selbst bei Vollauslastung mit bis zu 250 Passagieren über einen geringen Tiefgang, teilte die Betreibergesellschaft mit. Welche konkreten Folgen das Niederwasser für die Wiener Häfen Freudenau, Albern und Lobau hat, blieb zunächst offen.

Alte Donau besonders unter Druck

Die Alte Donau ist eines der meistbesuchten Erholungsgebiete Wiens. Nach Angaben der Stadt kommen jährlich mehr als 1,5 Millionen Erholungssuchende an das Gewässer. Die Zahl umfasst neben den Gästen der öffentlichen Bäder auch Menschen, die freie Uferzugänge und andere Freizeitangebote nutzen.

Unabhängig von dieser Besucherzahl verweist MA-45-Leiter Gerald Loew auf die Folgen intensiver Nutzung: Seinen Angaben zufolge stammen rund 80 Prozent der Einträge in das Gewässer vom Menschen. Als Beispiele nannte er Sonnencreme und Urin. Die Badequalität ist dennoch weiterhin ausgezeichnet und wird während der Saison an sieben Stellen kontrolliert.

Auf Sonnenschutz zu verzichten wäre keine Lösung. Loew empfiehlt jedoch, Sonnencreme nicht unmittelbar vor dem Schwimmen aufzutragen und vor dem Gang ins Wasser die öffentlichen Duschen zu benutzen. Zudem gelte: „Ein Naturgewässer ist kein WC.“

Die Brunnenanlage am Wallensteinplatz in Wien-Brigittenau.

Bodenfontänen und Wasserelemente sorgen am Wallensteinplatz in der Brigittenau für Abkühlung. | km

Die Hitze belastet Wien damit auf mehreren Ebenen: Versiegelte Straßen speichern Wärme, Wohnungen kühlen kaum ab, Beschäftigte arbeiten im Freien, der Wasserverbrauch steigt und niedrige Donaupegel beeinträchtigen die Schifffahrt. Sprühnebel und kühle Räume helfen kurzfristig. Entscheidend wird aber sein, ob Wien seine Maßnahmen dort verfügbar macht, wo sie die Menschen am dringendsten benötigen.

Klimaschutz als gemeinsame Aufgabe

Die Hitze macht Klimaschutz auch deshalb zum Topthema, weil individuelle Anpassung an ihre Grenzen stößt. Niemand kann allein für schattige Straßen, kühlere Wohnungen, widerstandsfähige Bäume oder stabile Gewässer sorgen. Entscheidend ist vielmehr die kollektive Wirksamkeit: die Erfahrung, dass gemeinsames Handeln Veränderungen bewirken kann.

Umso wichtiger sind politische Entscheidungen und eine Infrastruktur, die klimafreundliches Handeln erleichtert. Bäume, entsiegelte Plätze und kühle Räume lindern die Folgen der Hitze. Dauerhafter Klimaschutz soll zugleich verhindern, dass solche Extreme immer häufiger und heftiger werden. Beides ist keine Aufgabe Einzelner, sondern eine gemeinsame.

(red)