„Unter Tieren“: Jelinek zwischen Benko, Kurz und Peter Thiel

Standing Ovations für eine Welt, die nach eigener Diagnose nicht mehr zu retten ist: Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ feierte Sonntagabend bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Regisseur Nicolas Stemann verwandelte den neuen Text der Literaturnobelpreisträgerin in eine grelle, musikalische und multimediale „Textumsetzungsmaschine“. Knapp vier Stunden lang wurde gesprochen, gesungen, musiziert, gefilmt und gespielt. Das Geschehen blieb nicht auf die Bühne der Perner-Insel beschränkt, sondern zog durch den Zuschauerraum bis hinaus in den Hof. Selbst die örtliche Blasmusik wurde Teil der Aufführung.

ORF-Kulturchef Martin Traxl beschrieb in seiner Nachtkritik den Abend als „szenisches Happening“, dessen Text zwischen „Kunst und Kalauer“ und dessen Aufführung zwischen „hoher Virtuosität und billigem Klamauk“ pendle. Damit beschrieb er ein Stück, das seine Wirkung aus dem ständigen Wechsel zwischen politischer Anklage, virtuosem Spiel und bewusstem Kontrollverlust bezieht.

Die Tiere sprechen über uns

Bären, Kühe, Schweine, Tauben, Stockenten, Fuchs und Hase, das Lamm Gottes und der „Für und Widder“ verfolgen die Wege des Geldes. Sie sprechen über Banken, Schulden, Spekulation und Wachstum, über René Benko und Siegfried Wolf, Wolfgang Porsche und Peter Thiel. Sie beklagen Naturzerstörung, Tierindustrie, gesellschaftliche Verrohung und Krieg.

Premiere von „Unter Tieren“ bei den Salzburger Festspielen mit Hundemasken, Live-Musik und einem Hund auf der Bühne

Tiermasken, Live-Musik und ein echter Hund: Szene aus der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ in der Regie von Nicolas Stemann. | © SF/Arno Declair

Der Mensch selbst kommt in Jelineks Bestiarium nicht mehr als Figur vor. Dennoch handelt alles von ihm. Die Tiere übernehmen seine Begriffe und Probleme, ohne die von ihm geschaffene Ordnung vollständig verstehen zu können. Das ist kein Aufstand nach dem Vorbild von George Orwells „Animal Farm“. Jelineks Tiere erobern keine Farm, bilden keine Regierung und verraten keine Revolution. Sie stehen weitgehend einzeln vor einem System, das ihnen seine Sprache aufgezwungen hat und zugleich jede Alternative verschüttet.

Die Botschaft lässt sich klar formulieren: Kapitalismus ist längst mehr als eine Wirtschaftsordnung. Er bestimmt, wie über Wert und Schuld, Wachstum und Sicherheit, Natur und Krieg gesprochen wird. Alles Lebendige wird zur Ressource. Das Schwein erscheint als Fleisch, die Kuh als Milchproduzentin, die Natur als verwertbarer Raum und selbst der Krieg als Geschäftsfeld. Prominente Namen sind in diesem Weltbild keine Ausnahmen. Sie sind besonders gut erkennbare Symptome einer Ordnung, die sich alles untertan macht.

Von Orwells Farm in die Hainburger Au

Die sprechenden Tiere rufen zwangsläufig George Orwells „Animal Farm“ in Erinnerung. Doch Jelinek erzählt keine Revolution, keine Machtübernahme und keinen Verrat an einer gemeinsamen Idee. Ihre Tiere handeln kaum miteinander. Sie übernehmen die Sprache der Menschen, räsonieren über Geld, Wachstum und Krieg und scheitern am Versuch, jene Ordnung zu begreifen, die über sie verfügt.

Eine zweite Spur führt zur „Pressekonferenz der Tiere“ von 1984. Günther Nenning trat als Auhirsch auf, Peter Turrini als Rotbauchunke, andere als Schwarzstorch, Purpurreiher oder Laufkäfer. Die Bewohner der bedrohten Hainburger Au erhielten menschliche Stimmen und wurden zu Anklägern einer Politik, die Natur vor allem als nutzbaren Raum betrachtete. Die Aktion wurde zu einem nachhaltigen Symbol der österreichischen Umweltbewegung.

Sebastian Rudolph und Branko Samarovski mit Musiker Thomas Kürstner in „Unter Tieren“ bei den Salzburger Festspielen

Sebastian Rudolph und Branko Samarovski in „Unter Tieren“, musikalisch begleitet von Thomas Kürstner. | © SF/Arno Declair

In „Unter Tieren“ scheinen beide Erinnerungsbilder auf: Orwells politische Fabel und die österreichische Protesttradition, in der Menschen Tiermasken anlegen, um im Namen der sprachlosen Natur zu sprechen. Dazu kommen Benko und Banken, Tierindustrie und Naturzerstörung, Krieg und KI. Stemanns Inszenierung mischt alles zu einer großen Gegenwartsrevue. Wer Orwell sucht, findet die Farm; wer österreichische Zeitgeschichte erkennt, gelangt in die Au; wer aktuelle Feindbilder braucht, bekommt Benko, Kurz und Thiel. Für jeden ist etwas dabei – und alles weist zuverlässig in dieselbe Richtung.

Solidarität als Mitmachprogramm

Die Versuchsanordnung verläuft eingangs noch entlang des Bühnengrabens. Auf der einen Seite sprechen die Tiere und mit ihnen die Künstler als Warner und Ankläger, auf der anderen sitzen jene Menschen, von deren menschengemachten Unglück der Abend handelt. Stemann überschreitet diese Grenze unverzüglich und macht aus den Adressaten der Anklage deren Mitwirkende.

Das Publikum singt und klatscht, beteiligt sich an einer ironischen Kollekte für Wolfgang Porsche und lacht über Benko-Masken. Politische Anspielungen werden gemeinsam erkannt, die Haltung dazu gleich mitgeliefert. Was wie Gemeinsamkeit erscheint, ist eine Choreografie der Zustimmung. Das Theater fragt nicht. Es fordert das Publikum zu zeigen, dass es die Position der Bühne teilt.

Darin liegt eine paradoxe Entlastung. Als Mensch gehört jeder Zuschauer zur angeklagten Spezies; als verständiger Teilnehmer darf er sich mit den Anklägern verbünden. Wer mitsingt, lacht und klatscht, vollzieht die politische Position des Abends körperlich nach. Wer sich verweigert, fällt innerhalb der entstandenen Gemeinschaft umso deutlicher auf.

Die Solidarität zwischen Bühne und Saal wird nicht erarbeitet. Sie wird mit den Mitteln des Theaters erzwungen.

Peter Thiel wird zur Kunstfigur

Bei den Wiener Festwochen sollte Peter Thiel noch als realer Gesprächspartner auftreten. Die umstrittene Einladung löste heftige Proteste aus und wurde schließlich zurückgezogen. In Salzburg kündigte Nicolas Stemann wenige Tage vor der Premiere an, man verhandle über eine Zuschaltung des Techmilliardärs. Festspielintendantin Karin Bergmann dementierte das umgehend.

Auf der Bühne erscheint Thiel trotzdem. Zunächst als Pappmaske, die sich mit einer ebenso flachen Ausgabe von Sebastian Kurz innig umarmt. Später übernimmt ein computeranimierter KI-Avatar seine Rolle. Mit weichgezeichnetem Gesicht und künstlicher Stimme versichert dieser Thiel, Geld sei ihm egal und er wolle nur in Frieden leben.

Ob Peter Thiel gefragt wurde oder der Verwendung seiner Person zugestimmt hat, geht aus den bisher vorliegenden Angaben nicht hervor. Sicher ist nur: An die Stelle des angekündigten, aber nie zugeschalteten Gesprächspartners tritt eine vom Theater geschaffene Kunstfigur. Sie trägt sein Gesicht und seinen Namen, sagt jedoch ausschließlich, was die Inszenierung ihr zu sagen gibt.

Damit ist jeder Kontrollverlust ausgeschlossen. Der künstliche Thiel kann nicht widersprechen, keine unerwartete Antwort geben und die ihm zugewiesene Rolle nicht verlassen. Bei den Wiener Festwochen wurde noch darüber gestritten, ob man dem realen Thiel eine Bühne bieten darf. In Salzburg stellt das Theater seinen eigenen Thiel her und liefert das Urteil über ihn gleich mit.

Ausgerechnet eine Aufführung, die technologische Macht, Verwertung und Aneignung kritisiert, eignet sich mithilfe von KI die öffentliche Erscheinung eines Menschen an. Das mag als Satire funktionieren. Politisch bleibt es bemerkenswert: Der Mächtige wird nicht konfrontiert, sondern medial verfügbar gemacht. Das Publikum muss sich zu seinen tatsächlichen Aussagen nicht mehr verhalten.

Da capo am Burgtheater

Nach dreidreiviertel Stunden folgten Standing Ovations. Bis dahin hatte die Aufführung alles aufgeboten, was zeitgenössisches Theater zur Verfügung stellen kann: ein prominentes Ensemble, Livekameras, Musik und Blasmusik, Tierkostüme, Pappmasken, politische Namen, Kalauer und Klagechöre. Die Tiere sprachen über das, was der Mensch angerichtet hat, während der Mensch im Zuschauerraum zunehmend Teil jenes Ensembles wurde, das über ihn zu Gericht saß.

Ensemble beim Schlussapplaus der Premiere von „Unter Tieren“ bei den Salzburger Festspielen 2026

Das Ensemble von „Unter Tieren“ beim Schlussapplaus nach der Uraufführung auf der Perner-Insel. | © SF/Franz Neumayr

Stemann beließ es nicht bei der Anklage. Er gab ihr Rhythmus und Komik und lud zum gemeinsamen Prozess. Während sich das Publikum noch im Zuschauerraum wähnte, war es längst Teil eines Gerichtshofs. Das Publikum wurde auf die Seite der Bühne gezogen und Teil des Schauspiels. Wer sich darauf einließ, gehörte für die Dauer des Abends zum Künstlerkollektiv.

Der Applaus des Publikums galt nicht nur einem spielwütigen Ensemble, einem fordernden Regisseur und der Sprachkunst einer schüchternen Nobelpreisträgerin. Die Standing Ovations beendeten einen Theaterabend, der sein Publikum erst anklagte, dann verführte und schließlich in den bunt geschmückten Gerichtshof eingemeindete.

Wer am Ende überschwänglich klatschte und jauchzte, tat dies nicht nur wegen einer großen Aufführung, sondern auch um seiner/ihrer selbst und dem guten Gefühl, trotz allem auf der richtigen Seite zu stehen.

Nach sechs weiteren Vorstellungen auf der Perner-Insel folgt das Da capo dort, wo die Produktion im Mai mit einer öffentlichen „Urlesung“ ihren Ausgang nahm. Ab 4. September ist „Unter Tieren“ am Burgtheater zu sehen. Dann beginnt die Versuchsanordnung von Neuem.

(red)