All We Need: Wie soulparlez zum Wiener Kulturprojekt wird

Am 23. Oktober veröffentlichen soulparlez ihr zweites Album „All We Need“. Das Wiener Vokalquartett erweitert dafür seinen bisherigen A-cappella-Klang um E-Gitarre, Bass, Synthesizer und Schlagzeug. Inhaltlich verbindet die Band die neuen Songs mit Selbstbehauptung, solidarischem Zusammenhalt und den Erfahrungen von FLINTA*-Personen. Das Kürzel umfasst Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen.

„Don’t overthink it, honey, it’s just a game“, heißt es in der neuen Single „Play Me Like a Riddle“. Der Song handelt von Unterschätzung und einem Spiel um Kontrolle.

Die vier Musikerinnen von soulparlez liegen in farbigen Kostümen auf einer weitläufigen Wiese.

Das Covermotiv der Single „Play Me Like a Riddle“ entstand bei einer Fotoserie. | © Isabella Hewlett

Wemakeit für 10.000 Euro

Für Produktion und Vermarktung des Albums startete die Band eine Kampagne auf Wemakeit. Sie endete mit 10.990 Euro von 65 Unterstützerinnen und Unterstützern und übertraf das Finanzierungsziel von 10.000 Euro. Ein Teil der Beiträge ist mit Gegenleistungen wie Vinyl, T-Shirts, Konzertkarten oder privaten Auftritten verbunden. Mit dem Erlös sollen nach Abzug der Kampagnenkosten Aufnahme, Mixing und Mastering, Gastmusiker, Fotografie, Videos, Artwork sowie PR und Marketing finanziert werden.

Die Kampagne wurde in den Wemakeit-Kanal „she* makes it“ aufgenommen. Dort werden Vorhaben von Frauen und Menschen außerhalb binärer Geschlechternormen präsentiert. Projekte müssen darlegen, wie sie andere Frauen inspirieren oder zu einer inklusiveren Gesellschaft beitragen. Der Kanal stellt ausgewählte Leistungen aus dem ansonsten kostenpflichtigen Serviceangebot kostenlos zur Verfügung, darunter Kommunikationsunterstützung und zusätzliche Sichtbarkeit.

Vier Namen und ein Produktionsteam

In den Crowdfunding-Videos treten Sarah, Ulli, Lena und Paula gemeinsam vor die Kamera. Sie stellen das Album vor, nennen die Mitglieder des Produktionsteams und bitten um Unterstützung. Weitere Kurzvideos zeigen die vier Musikerinnen bei Spaziergängen in einer Naturlandschaft. Daraus entstanden mehrere Beiträge für die Kampagne.

Hinter den Vornamen stehen Sarah Maria Wolf, Ulrike Grill, Lena Fink und Paula Duschek. Wolf übernimmt neben dem Gesang Bass und Gitarre. Fink singt und komponiert. Grill spielt Klavier und ist auf der Bandwebsite als vertretungsberechtigte Person angegeben. Die Technische Universität Wien führt Grill zudem als ehemaliges Mitglied der Forschungsgruppe Applied Geometry.

„All We Need“ befindet sich in Produktion. Tobias Wöhrer ist als Produzent und Mixing Engineer vorgesehen, das Mastering soll Michael „Mimi“ Fink übernehmen. Die bereits veröffentlichten Pressefotos stammen von Isabella Hewlett; das Albumdesign entsteht mit Resalami. Das Crowdfunding umfasst damit sowohl bereits begonnene als auch noch ausstehende Arbeiten an Produktion, Gestaltung, PR und Veröffentlichung. Wie aus „All We Need“ schließlich „All We Got“ werden soll, ist im Businesskonzept festgeschrieben.

Screenshots von Crowdfunding-Videos der Wiener Band soulparlez

Für ihre Crowdfunding-Kampagne veröffentlichen soulparlez mehrere Kurzvideos im Grünen. | © YouTube/soulparlez

Ein Album und 7 Konzerte in China

Das 2023 veröffentlichte erste Album „Where We’ll Stay“ erhielt aus dem SKE-Fonds der Austro Mechana eine Förderung von 2.000 Euro. Mica – music austria führt soulparlez als Wiener Ensemble in seiner Musikdatenbank und veröffentlichte im Februar 2024 eine Besprechung des Albums.

Ende 2024 führte eine China-Tournee das Quartett innerhalb von dreizehn Tagen an sieben Theatern. Soulparlez spielten in Yancheng, Shaoxing, Hangzhou, Deqing und Kunming sowie Anfang Jänner 2025 in Xining und nochmals in Shaoxing. In chinesischen Konzertankündigungen wurde die Band als Wiener A-cappella-Ensemble präsentiert; zum Programm gehörten neben eigenen Liedern auch international bekannte Titel.

Von der Kunst leben, ohne Brotjob

Im April 2025 veröffentlichte Paula Duschek bei mica einen Gastbeitrag über die soziale Absicherung freischaffender Musiker. Als Vorbild beschreibt sie die französische „Intermittence du spectacle“: Wer genügend Arbeitsstunden im Kulturbereich sammelt, erhält während beschäftigungsloser Phasen ein Tagesgeld.

Für Österreich fordert Duschek unter anderem verbindliche Mindestgagen, einen leichteren Zugang zur Arbeitslosenversicherung und die Anerkennung von Auslandsauftritten. Langfristiges Ziel sei eine Absicherung, die zusätzliche Brotjobs überflüssig mache. Dafür müsse auch das österreichische Kulturbudget deutlich erhöht werden.

Vom Porgy & Bess ins Radiokulturhaus

Der Verein mica – music austria erhält 2026 von der Kulturabteilung der Stadt Wien 160.000 Euro für seine Jahrestätigkeit. Für den Jazz & Musicclub Porgy & Bess bewilligte die Stadt für 2026 und 2027 jeweils 170.000 Euro.

Mica dokumentiert österreichisches Musikschaffen, veröffentlicht Fachinformationen und informiert über Förderangebote. Das Porgy & Bess stellt sein Programm als gemeinnütziger Verein zusammen und widmet sich laut Statuten der Förderung der Musikkultur.

Neben direkten Werkförderungen finanziert die öffentliche Hand damit Einrichtungen, die Musik erfassen, besprechen, beraten, auswählen und auf die Bühne bringen. Auch soulparlez sind in diesem öffentlich getragenen Umfeld sichtbar geworden. Am 8. Juni 2026 spielte die Band in der „Strengen Kammer“ des Porgy & Bess; am 13. November soll „All We Need“ im Wiener Radiokulturhaus live vorgestellt werden.

Play Me Like a Riddle

Wer die bunten Vögel dieser Stadt sehen und ihre Kunst als Auszeit vom kapitalistisch geregelten Alltag genießen möchte, wird gebeten, die Bedingungen ihrer Arbeit mitzufinanzieren. Das ist eine verständliche Forderung. In einem kulturpolitischen Milieu, das von Künstlern zugleich gesellschaftliche Relevanz und professionelle Organisation erwartet, ist es schwierig, allein mit künstlerischer Arbeit kostendeckend zu wirtschaften.

Problematisch wird diese Ordnung, wenn Musiker und Künstler ihre Projekte mit passenden Etiketten, Wirkungszielen und gesellschaftlichen Anliegen ausstatten müssen, um ihre Chancen im Kulturbetrieb zu erhöhen. Dann konkurrieren nicht mehr allein musikalische Ideen und künstlerisches Können. Es konkurrieren auch Konzepte um institutionelle Anschlussfähigkeit.

Eine lebendige Musikstadt sollte von ihnen nicht verlangen, zuerst die Sprache ihrer Förderstellen zu erlernen. Kunstförderung soll Kunst ermöglichen. Ihr erster Maßstab muss deshalb bleiben, was Künstler hervorbringen – nicht, wie überzeugend sie dessen gesellschaftliche Sichtweise vorab beschreiben.

Soulparlez zeigen beispielhaft, wie eine solche Förder- und Sichtbarkeitskette funktionieren kann. Die passende Schlusszeile liefern die Künster*innen selbst: „Don’t overthink it, honey, it’s just a game.“

(PA/red)