Kaiser Wiesn feiert trotz Insolvenz der Wiener Wiesn
Die schlechte Nachricht kam im August: Jene Gesellschaft, die bis 2019 das Wiener Wiesn-Fest auf der Kaiserwiese veranstaltet hatte, ist mit rund 1,2 Millionen Euro Verbindlichkeiten insolvent. Die gute Nachricht folgte einen Tag später – zumindest für alle, die beim Wort „Wiesn“ an die heutige Wiener Kaiser Wiesn gedacht hatten.
Mit der zahlungsunfähigen „Wiesn“ Veranstaltungs und Kultur GesmbH stehe man in keinem wirtschaftlichen oder gesellschaftsrechtlichen Zusammenhang, teilte die Wiener Kaiser Wiesn GmbH umgehend mit. Die Vorbereitungen für 2026 liefen vielmehr „auf Hochtouren“, die Ticketnachfrage sei stark und zahlreiche Veranstaltungstage bereits gut ausgelastet.
Damit war nicht nur eine mögliche Verwechslung beseitigt. Es war auch eine günstige Gelegenheit gefunden, aus dem Konkurs des früheren Betreibers eine Erfolgsmeldung des heutigen zu machen. Brauchtum bedeutet schließlich, aus dem, was vergangen ist, etwas für die Gegenwart zu gewinnen.
Wiener Kaiser Wiesn – Es lebe die Monarchie
Die Wiener Kaiser Wiesn ist eine sichere Bank für Besucher, Partner und Umsatz. Von 24. September bis 11. Oktober wird die Kaiserwiese zum fünften Mal zum Treffpunkt für Brauchtum, Live-Musik, Genuss und Lebensfreude.
Schon die Eröffnung führt vor, wie viele Instanzen es braucht, damit Brauchtum in Wien als verträglich gilt. Von Kolariks Luftburg ziehen Pferdekutsche, Musikkapellen und Volkstanzgruppen zur Kaiserwiese. Begleitet werden sie von Bezirksvorsteher Alexander Nikolai, Dompfarrer Toni Faber und dem amtierenden „Wiesn Kaiser Johann I.“ So finden Tracht, Kirche und Monarchie noch vor dem ersten Bieranstich zu jener Folklore zusammen, an die die österreichische Tradition so gern anknüpft.
Dompfarrer Faber wird das Fest segnen. Auch das ist umsichtig: Wo Gösser, Wiesbauer, JTI, Raiffeisen, Mastercard, Almdudler, Eskimo und die Kronen Zeitung gemeinsam Verantwortung für das Brauchtum übernehmen, soll der höhere Beistand nicht fehlen.

Audienz in der Almdudler Alm. Johann Pittermann alias Wiesn Kaiser Johann der Erste begrüßt eine Journalistin. | © Elisabeth Lechner
700 Stunden Unterhaltungsprogramm
Danach beginnt die eigentliche Kulturarbeit. Rund 150 Konzerte, knapp 2.000 Musikerinnen und Musiker und ungefähr 700 Stunden Live-Musik garantieren, dass an 18 Tagen kein Augenblick unbeschallt und kein Gefühl dem Zufall überlassen bleibt. Echte Volksmusik begegnet Schlager, Party und „neuen Sounds“. Die Mundart darf sich sogar mit EDM-Beats verbinden. Tradition bedeutet schließlich nicht, dass immer alles gleich bleiben muss.
Gut durchdacht ist auch die soziale Inklusion. Studierende erhalten eine Raiffeisen Studi Wiesn, Partnersuchende eine Radio Arabella Single Wiesn, ältere Menschen ihre Seniorentage und Kinder eine Kinder Wiesn. Die Polizei präsentiert ihren Kalender, anschließend tun es die Jungbauern und Jungbäuerinnen. Damit ist gewährleistet, dass praktisch jeder genau jene Form des Brauchtums erhält, die seinem Alter, Beziehungsstatus und Konsumvorlieben entspricht.

Für rund 700 Stunden zuverlässig erzeugte Stimmung stehen unter anderem Die Lauser bereit. Wiesn Kaiser Johann Pittermann hat sich bereits in ihrer Mitte eingefunden. | © Elisabeth Lechner
Das Festzelt als Ort echter Begegnungen
Auch wirtschaftlich ist das Fest von bemerkenswerter Aufrichtigkeit. Die Wiener Kaiser Wiesn habe sich längst als Treffpunkt für Unternehmen etabliert, heißt es in der Aussendung. Firmen nutzen die „außergewöhnliche Atmosphäre“ für Kundenevents, Mitarbeiterfeste und Networking.
Überhaupt sind die Partner weit mehr als Sponsoren. Sie entwickeln das Fest gemeinsam mit den Veranstaltern weiter. Gösser bringt Menschen durch Bierkultur zusammen. Raiffeisen erschließt der jungen Generation die Gemeinschaft. Wiesbauer führt die österreichische Tradition mit den Erfordernissen der Gegenwart zusammen und präsentiert Cabanossi in moderner Snack-Form.
Man darf die kulturgeschichtliche Tragweite dieses Schrittes nicht unterschätzen: Was über Generationen nur Wurst war, ist nun Innovation.

IMMOunited Geschäftsführer Roland Schmid und Wiesn Kaiser Johann Pittermann nehmen Wiesbauers Bergsteiger in ihre Mitte. | © Elisabeth Lechner
Auch kulinarisch wird nichts dem Zufall überlassen. Die drei Festzelte und zwei Almen bewirtschaftet die Red Carpet Event Gastro GmbH rund um Florian Pöttler und Spitzenkoch Manuel Gratzl. Drei weitere Almen betreut Franz Aibler. Rund 30 Standln im Wiesn-Dorf bieten regionale Spezialitäten, süße Versuchungen und Handwerkskunst. Erstmals erweitert ein ungarischer Lángos-Stand die kulinarische Entdeckungsreise. Das österreichische Brauchtum beweist damit jene Weltoffenheit, die entsteht, wenn selbst das Ausland als passende Themenfläche eingebunden werden kann.
„Mizzi“ nennt sich Dirndl
Selbst die Tracht bleibt nicht sich selbst überlassen. Das zweite eigens geschaffene Kaiser-Wiesn-Dirndl trägt den Namen „Mizzi“, erinnert an das Wiener Wäschermädl und lässt sich mit Schürzen in zartem Rosa, kräftigem Pink oder strahlendem Blau individualisieren. Wie sich die „Wäschermädl“ von damals wirklich kleideten und was es mit den Wäschermädlbällen auf sich hatte, kann man in der Wienbibliothek des Rathauses nachlesen.
Der Entwurf des Dirndls stammt jedenfalls von Daniela Kokic, die sich in einem Wettbewerb der Modeschule Michelbeuern gegen 29 weitere Nachwuchsdesignerinnen und Nachwuchsdesigner durchsetzte. „Mizzi“ erscheint in limitierter Auflage und ist im Shop sowie direkt auf der Wiesn erhältlich.

Das Kaiser Wiesn Dirndl „Mizzi“ erinnert an das Wiener Wäschermädl und ist mit Schürzen in mehreren Farben erhältlich. | © Elisabeth Lechner
Damit die Gaudi eine Gaudi bleibt
Für Sicherheit ist ebenfalls gesorgt. Polizei, Rettungsorganisationen, professionelles Sicherheitspersonal, eine weiblich besetzte Ombudsstelle und das Codewort „Luisa“ sollen gewährleisten, dass die Gaudi eine Gaudi bleibt. Beim Sicherheitspersonal wird ein Frauenanteil von 30 Prozent angestrebt. Psychologisch geschulte Mitarbeiter sollen bei Bedarf helfen.
Diese Maßnahmen dienen der Sicherheit, falls sich Gäste betrinken sollten. Die Hausordnung stellt jedoch klar, dass übermäßiger Alkoholkonsum untersagt ist. All das erinnert daran, wie viel professionelle Infrastruktur nötig ist, damit 18 Tage organisierte Ausgelassenheit als unbeschwerte Lebensfreude über die Bühne gehen können.
Auch die Nachhaltigkeit kommt nicht zu kurz. Materialien werden wiederverwendet, Müll wird getrennt und Getränke werden ausschließlich in Mehrwegbechern ausgeschenkt. So darf selbst der Ressourcenverbrauch verantwortungsvoll am Gemeinschaftserlebnis teilnehmen.
Das Brauchtum ist schon gut gebucht
Noch vor der Eröffnung steht die Bilanz fest. Drei Festzelte, fünf Almen, 30 Standln, 150 Konzerte, 2.000 Musiker, mehrere Kalender, ein Kaiser, ein Dompfarrer, ein Bezirksvorsteher und eine eindrucksvolle Zahl großer Marken. Es wäre kleinlich, darin bloß eine Großveranstaltung mit Sponsoren zu sehen.
Zumal die Kaiser Wiesn im Wiener Prater dem ganzen Volk offensteht und nicht bloß dem höfischen. Der Eintritt auf das Festgelände und in das Wiesn Dorf ist täglich ab 12 Uhr frei. Auch die Festzelte können tagsüber kostenlos besucht werden. Wer am Abend allerdings jene Konzerte und Partys erleben möchte, mit denen das Fest beworben wird, benötigt ein Ticket. Die Studi Wiesn kostet 15 Euro, die Single Wiesn 20,50 Euro. Für reguläre Konzertabende werden je nach Platz 30 bis 89 Euro verlangt. In der Kaiserloge wird es mit bis zu 119 Euro standesgemäß noch teurer.
Der niederschwellige Zugang gibt den Veranstaltern recht. Erste Festzeltabende seien bereits ausverkauft. Die Wiener Kaiser Wiesn beweist damit, dass Tradition keineswegs von gestern sein muss. Wenn man sie professionell vermarktet, mit Partnern weiterentwickelt und in ausreichender Menge ausschenkt, kann sie sogar ein ausgezeichnetes Geschäft sein.
Dass selbst eine solche Wiesn insolvent werden kann, hat ihre Vorgängerin gezeigt. Wie die einen das versemmeln und die anderen es danach trotzdem kaiserlich aufbacken konnten, gehört offenbar ebenfalls zum Wiener Brauchtum.
(PA/red)


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