Gamechangers und der schwierige Mut zur Kooperation

Eine Woche nach dem ORF-Zukunftsforum trafen zentrale Akteure der österreichischen Medienpolitik in der Meinls Rösthalle erneut aufeinander. Unter dem Titel „Shape What’s Next“ wollten ORF und ProSiebenSat.1 PULS 4 Mut für Europas Zukunft machen. Vor rund 700 geladenen Gästen wurde vor allem die Zusammenarbeit heimischer Medienhäuser gegen internationale Plattformkonzerne beschworen.

Stefan Lenglinger und Gundula Geiginger bei der Moderation von 4GAMECHANGERS NEXT 2026

Stefan Lenglinger und Gundula Geiginger führten gemeinsam durch den Abend. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

Neu war diese Forderung nicht. Deutlich wurde an diesem Abend vielmehr, dass hinter dem allgemeinen Bekenntnis zur Kooperation längst um Plattformen, Reichweiten und die künftige Verteilung von Einfluss gerungen wird. Offen blieb, wer zu diesem Schulterschluss gehören soll – und ob damit tatsächlich der gesamte Medienstandort oder vor allem seine größten Akteure gemeint sind.

Nachspiel zum ORF-Zukunftsforum

Medienminister Andreas Babler eröffnete seinen Auftritt mit einem Rückblick auf das erst eine Woche zuvor abgehaltene ORF-Zukunftsforum. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse digitaler, effizienter und kooperationsfähiger werden. Gleichzeitig brauche eine freie Demokratie neben einem starken ORF auch starke private Medien.

Damit brachte Babler die politische Grundlinie des Abends auf den Punkt. Qualitätsjournalismus müsse finanziert, der Abfluss von Werbegeld zu internationalen Digitalkonzernen gebremst und der österreichische Medienstandort gegenüber Plattformen gestärkt werden. In den kommenden beiden Jahren sollen den heimischen Medienhäusern zusätzliche 110 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Darüber hinaus soll die Medienförderung neu geordnet werden.

Nach seiner Ansprache verließ Babler die Veranstaltung wieder. Das politische Startsignal war damit gegeben, die nähere Ausgestaltung der viel beschworenen Zusammenarbeit blieb den anwesenden Medienmanagern überlassen.

Andreas Babler bei seiner Rede auf der Bühne von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Andreas Babler sprach über die Zukunft des ORF und die Zusammenarbeit am österreichischen Medienstandort. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

In dieser Hinsicht wirkte 4GAMECHANGERS NEXT wie eine verspätete Afterparty des Zukunftsforums. Dort hatte der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig bereits eine Partnerschaft unter dem Arbeitstitel „media connect“ vorgeschlagen. Technische Lösungen, Rechte, Produktionsinfrastruktur und Studios sollen künftig stärker gemeinsam genutzt werden. Sein Grundsatz lautet: Konkurrenz beim Journalismus, Kooperation bei Infrastruktur und gemeinsamen Interessen.

Milborn stört den Wohlfühlkonsens

Für den lebendigsten Moment des Abends sorgte Corinna Milborn. Während Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll Künstliche Intelligenz vor allem als wirtschaftlichen Wettbewerb beschrieb, in dem Europa dringend aufholen müsse, erinnerte die PULS-4-Infodirektorin an die Erfahrungen mit den großen Social-Media-Plattformen.

Seit mehr als zehn Jahren seien deren Probleme bekannt, sagte Milborn. Europa schaffe es dennoch nicht, Regeln durchzusetzen, die den eigenen gesellschaftlichen Maßstäben entsprechen. Sie sprach von einer „erbärmlichen Unterwürfigkeit“ gegenüber den Vereinigten Staaten und warnte davor, bei Künstlicher Intelligenz denselben Fehler zu wiederholen. Amerikanische Unternehmen hätten keine Skrupel, KI strategisch als Machtinstrument einzusetzen.

Corinna Milborn links und Alexander Pröll rechts bei der KI-Diskussion auf der Bühne von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Corinna Milborn und Alexander Pröll diskutierten über Europas Rolle im KI-Zeitalter. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

Pröll hatte zuvor von einem Abendessen mit Bill Gates in Indien erzählt. Dessen Diagnose, das Digitalisierungszeitalter sei vorbei und das KI-Zeitalter habe begonnen, gab der Staatssekretär bereitwillig an das Publikum weiter. Europa liege bei Rechenleistung und technologischer Entwicklung weit zurück, müsse schneller entscheiden und KI insbesondere in seine produzierende Industrie und die heimischen „Hidden Champions“ bringen. Für Österreich hält Pröll die Entwicklung eines international konkurrenzfähigen Sprachmodells innerhalb der kommenden zwei oder drei Jahre dagegen für unrealistisch.

Milborn ließ diesen Technologieoptimismus nicht ungestört stehen. Sie erinnerte Pröll an ein KI-generiertes Video auf dessen Instagram-Seite und merkte an, dies sei „nicht ganz das richtige Signal“. Pröll reagierte, indem er das Publikum aufforderte, seiner Seite zu folgen.

Der kurze Schlagabtausch zeigte deutlicher als manche Grundsatzrede den Widerspruch der europäischen KI-Debatte: Die Macht amerikanischer Technologiekonzerne wird ausführlich beklagt, prominente Vertreter der amerikanischen Tech-Elite dienen aber weiterhin als Kronzeugen für die eigene Zukunftspolitik.

Corinna Milborn auf der Bühne von 4GAMECHANGERS NEXT 2026, Stefan Lenglinger zugewandt.

Corinna Milborn wandte sich in der KI-Debatte gegen politische Unterwürfigkeit gegenüber internationalen Technologieplattformen. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

In einem Punkt lagen Milborn und Pröll dennoch nicht weit auseinander. Auch Milborn plädierte dafür, dass Europa nicht bloß reguliert und anschließend die Produkte anderer Weltregionen übernimmt. Die Europäische Union müsse selbst an der Entwicklung von KI teilnehmen. Der Konflikt betraf weniger das Ziel als die Frage, wie viel Vertrauen den führenden Technologiekonzernen auf dem Weg dorthin entgegengebracht werden kann.

Pausder wirbt für Kapital und Rüstungstechnologie

Verena Pausder, Vorsitzende des deutschen Startup-Verbands, hielt ein offensives Plädoyer für eine wirtschaftlich und technologisch handlungsfähigere Europäische Union. Diese verfüge über Talente, Forschung, industrielle Substanz und ausreichend Kapital. Es gelinge jedoch zu selten, erfolgreiche Unternehmen dauerhaft in Europa zu halten und zu vergrößern.

Verena Pausder bei ihrem Auftritt auf der Bühne von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Verena Pausder warb für mehr Kapital, technologische Eigenständigkeit und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in Europa. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

Pausder forderte einfachere Gründungsbedingungen, größere Fonds und mehr Kapital für europäische Wachstumsunternehmen. Der Digital Markets Act müsse konsequent gegen Konzerne durchgesetzt werden, die den europäischen Markt nutzen, hier aber kaum Steuern bezahlen. Auch den AI Act verteidigte sie als möglichen Standortvorteil.

Bemerkenswert offen sprach Pausder zugleich über Rüstungstechnologie. Europas Verteidigungsindustrie besitze erhebliche Innovationskraft, deren Forschung auch dem zivilen Bereich zugutekomme. Ihr Auftritt folgte damit erkennbar der Perspektive einer Verbandsvertreterin.

Finanzmarktexpertin Monika Rosen verlagerte die Diskussion auf Börsen, private Vermögensbildung und Finanzwissen. Besonders Frauen müssten stärker dabei unterstützt werden, sich mit ihrer finanziellen Zukunft auseinanderzusetzen. Statt immer von „wir“ oder „man“ zu sprechen, müsse jeder fragen, was er selbst konkret beitragen könne.

Monika Rosen bei ihrem Auftritt auf der Bühne von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Monika Rosen plädierte für mehr Finanzbildung und eine stärkere Beschäftigung mit dem Kapitalmarkt. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

Roses Auftritt trug eine demonstrative, stellenweise theatralische Note. Sie setzte Stimme und Gestik gezielt ein und verließ die Bühne schließlich mit erhobenen Armen.

Treichl und Zeiler retten den Unterhaltungswert

Das neue JOYN-Format „Über Österreich, die Welt und andere Unwichtigkeiten“ wurde in einem Bühnengespräch mit Andreas Treichl und Gerhard Zeiler vorgestellt. Moderiert wurde es von Tanja Kreidenhuber, Reporterin bei ProSiebenSat.1 PULS 4. Treichl vertrat die wirtschaftsliberal-konservative, Zeiler die sozialdemokratisch geprägte Position. Der eine ist Vorsitzender der ERSTE Stiftung, der andere President International von Warner Bros. Discovery. Kreidenhuber stellte sich als Vertreterin der Generation Z vor.

Gleich zu Beginn lieferte Treichl eine schonungslose Einordnung des Wirtschaftsstandorts. Österreichs schlechte Lage könne fairerweise nicht einer einzelnen Regierung angelastet werden: „So schlecht kann es in einer Regierung gar nicht werden. Da braucht es schon mindestens fünf Regierungen hintereinander.“ Trotz hoher Forschungsquote und hervorragender Unternehmen fehle es an einem entwickelten Kapitalmarkt. Gleichzeitig machten hohe Lohnnebenkosten den Standort unattraktiv.

In eine Depression wollte Treichl deshalb nicht verfallen. Österreich müsse eingestehen, „dass wir Mist gebaut haben“, und wieder anpacken. Weder Politik noch Wirtschaft könnten das Land allein voranbringen. Das gelinge nur gemeinsam.

Kreidenhubers lenkende Frage zielte anschließend darauf, wie sich das Erstarken rechter Parteien eindämmen lasse. Treichls Antwort fiel bemerkenswert materiell aus: Wo Regierungen über längere Zeit gute wirtschaftliche Bedingungen schaffen und Menschen Vertrauen in ihre Zukunft haben, hätten Rechtspopulisten weniger Chancen. Wer rechte Parteien zurückdrängen will, muss den Menschen demnach mehr anbieten als moralische Appelle.

Gerhard Zeiler erweiterte den Blick auf die Europäische Union. Sie müsse lernen zu verhandeln und, wenn nötig, auch Nein zu sagen. Mit rund 450 Millionen Menschen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und einem im Großen und Ganzen besseren Bildungssystem als in den Vereinigten Staaten gebe es keinen Grund, sich zu verstecken. Die hausgemachten Probleme seien lösbar: „Wir kennen die Antworten. Wir müssen sie einfach nur umsetzen.“

Dafür brauche es in den europäischen Regierungen vor allem ein Wort: Mut. Mut zu neuen Ideen, zum Risiko und zu Entscheidungen, die auch scheitern können. „Traut euch was, auch auf die Gefahr, dass es schiefgeht“, lautete Zeilers Appell.

Gerhard Zeiler links und Andreas Treichl rechts vor der Fotowand beim Empfang von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Gerhard Zeiler und Andreas Treichl beim Empfang von 4GAMECHANGERS NEXT 2026. | © 4GAMECHANGERS/Christian Jobst

Gerade die Mischung aus privilegierter Gelassenheit und fehlender Angst vor den Folgen klarer Worte machte den Auftritt der beiden zu einem der unterhaltsamsten Programmpunkte und lieferte einen Vorgeschmack auf ihren gemeinsamen Podcast.

Die Schicksalsgemeinschaft der Qualitätsmedien

Clemens Pig sprach im Gespräch mit „Breaking Media“-Moderatorin Gundula Geiginger über soziale Plattformen, Desinformation und die Zukunft des ORF. Der österreichische Medienmarkt dürfe nicht länger als Nullsummenspiel zwischen ORF und Privaten verstanden werden, während internationale Plattformen Aufmerksamkeit, Werbegeld und Daten an sich ziehen.

Diese Positionen ziehen sich inzwischen durch fast alle öffentlichen Auftritte des designierten Generaldirektors. Bereits bei der Präsentation seines Buches „Welt ohne Wahrheit“ warb Pig für gemeinsam genutzte Ressourcen und kooperative Plattformen. Beim Mediengipfel in Seefeld bezeichnete er den ORF als demokratische Infrastruktur. Dieselben Leitlinien prägten anschließend seine Bewerbung um die ORF-Spitze und das Zukunftsforum.

Ob Pig die Belegschaft mit seinen Worten zu Tränen rühren oder Teile von ihr tatsächlich durch ein „Tal der Tränen“ schicken wird, muss sich erst zeigen. Inhaltlich aufschlussreicher war an diesem Abend ohnehin ein anderer Begriff.

Pig bezeichnete die Qualitätsmedien als „letzte Firewall“ gegen Falschinformation und hybride Kriegsführung. Breche diese Schutzmauer, entstehe eine Form von Demokratie, „wie wir sie alle nicht mehr kennen“. Öffentlich-rechtliche und private Medien befänden sich deshalb, ob gewollt oder nicht, in einer „Schicksalsgemeinschaft“. In ausgewählten Bereichen müssten sie verstärkt kooperieren.

Der Begriff bringt die Interessenlage des Abends deutlicher auf den Punkt als das freundlichere Schlagwort vom Schulterschluss. Eine Schicksalsgemeinschaft verbindet nicht nur ein gemeinsames Ziel, sondern auch gemeinsame Gegner. ORF und Privatsender konkurrieren um Publikum und Werbegeld. Angesichts globaler Plattformmacht, sinkender Erlöse und wachsenden Misstrauens in etablierte Medien entdecken sie sich zugleich als Verbündete.

Welche Häuser an diesem Abend den Begriff „Qualitätsmedien“ für sich beanspruchten, ließ sich an den Mikrofonen ablesen, die mit den Logos der beiden Veranstalter bestückt waren.

Bernhard Albrecht, Clemens Pig, Ingrid Thurnher, Andreas Babler, Peter Strutz und Thomas Gruber vor der Fotowand von 4GAMECHANGERS NEXT 2026.

Bernhard Albrecht, Clemens Pig, Ingrid Thurnher, Andreas Babler, Peter Strutz und Thomas Gruber beim Empfang von 4GAMECHANGERS NEXT 2026 (v. l.). | © 4GAMECHANGERS

Wunschdenken vom starken Medienstandort

Zum Abschluss standen Ingrid Thurnher und Corinna Milborn gemeinsam auf der Bühne. Thurnher blieb ihrer Rolle als vermittelnde und ordnende Generaldirektorin treu. Geld, Werbung und Publikum könnten abwandern. Deshalb brauche es eine gemeinsame Vorwärtsstrategie, starke private Medien und zugleich einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Milborn richtete den Blick stärker auf Werbetreibende und deren Budgets. Sie seien mitverantwortlich dafür, ob kritischer Journalismus erhalten bleibe oder weitere Mittel an internationale Plattformen abfließen. Damit sprach sie einen Punkt an, der an diesem Abend immer wieder aufgerufen, aber selten vertieft wurde: Journalismus benötigt nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Was unter einem starken privaten Medium zu verstehen ist, blieb dennoch unscharf. Zur österreichischen ProSiebenSat.1-PULS-4-Gruppe gehören PULS 4, PULS 24, ATV und ATV2 sowie JOYN. Über die deutsche Muttergesellschaft wird die Gruppe inzwischen vom Medienkonzern MFE–MediaForEurope kontrolliert, der aus der früheren Mediaset-Gruppe hervorgegangen ist.

Die Sendergruppe produziert österreichische Nachrichten, Magazine und Diskussionssendungen. Corinna Milborn steht dabei für einen ernst zu nehmenden journalistischen Teil des Angebots. Daneben prägen Reality- und Kuppelformate wie „Forsthaus Rampensau“ und „Bauer sucht Frau“ das Programm. Mit „Reality, Oida! Bussi, Beef & Party“ ist bereits die nächste Doku-Soap angekündigt.

Nicht alles, was von einem österreichischen Sender ausgestrahlt wird, stärkt automatisch den heimischen Medienstandort. Für journalistisch tätige Menschen und unabhängige Medienunternehmen ist vielmehr entscheidend, ob Inhalte tatsächlich im Land produziert, Arbeitsplätze finanziert und erwirtschaftete Erlöse wieder in journalistische Arbeit investiert werden.

Die Menge ausgestrahlter Informations- und Infotainmentstunden sagt deshalb noch wenig darüber aus, wie viel journalistische Wertschöpfung tatsächlich entsteht. Bisweilen entsteht der Eindruck, der Begriff Qualitätsmedium bemesse sich heute stärker an Studioausstattung, Livefähigkeit und HD-Signal als an Recherche, Erkenntnisgewinn und redaktioneller Eigenständigkeit.

Qualität ist keine Eigenschaft, die einem gesamten Medienhaus dauerhaft zukommt. Sie muss sich in einzelnen Redaktionen, Sendungen und Recherchen immer wieder beweisen. Noch weniger lässt sich der Begriff ohne Weiteres auf das gesamte Programm kommerzieller Sendergruppen übertragen.

Kooperation ist auch eine Verteilungsfrage

ORF und ProSiebenSat.1 PULS 4 haben nachvollziehbare Gründe zur Zusammenarbeit. Große Sportrechte können gemeinsam finanziert, technische Infrastruktur besser ausgelastet und österreichische Inhalte über mehrere Plattformen verbreitet werden. Inhalte und Liveprogramme des ORF sind bereits über JOYN erreichbar. Der private Betreiber positioniert seine Plattform zugleich als österreichisches Gegenmodell zu internationalen Streamingdiensten.

Damit beginnt allerdings erst die eigentliche Debatte. Kooperation ist nicht nur eine technische, sondern auch eine wirtschaftliche Verteilungsfrage. Wenn öffentlich finanzierte Inhalte über eine kommerzielle Plattform verbreitet werden, muss geklärt sein, wer über Präsentation, Reichweitendaten, Vermarktung und Erlöse bestimmt. Zusätzliche Reichweite kann beiden Seiten nützen. Sie kann aber auch neue Abhängigkeiten schaffen.

Der beschworene Schulterschluss blieb ein Gespräch zwischen großen Institutionen. Ein Programmpunkt reichte jedoch darüber hinaus und stellte den Anschluss an europäische Kapital- und Industrieinteressen her. Spätestens beim Lob der Rüstungsindustrie als Innovationstreiberin deutete sich an, dass sich für Medienunternehmen neue Werbe- und Kooperationsbudgets eröffnen könnten.

Publikum und Bühne beim 4GAMECHANGERS NEXT 2026 in der Meinls Rösthalle in Wien.

Rund 700 Gäste aus Medien, Politik und Wirtschaft kamen beim 4GAMECHANGERS NEXT 2026 in der Meinls Rösthalle zusammen. | © 4GAMECHANGERS/Monika Fellner

Diese Verbindung wiegt umso schwerer, wenn man sich selbst als „letzte Firewall“ der Demokratie bezeichnet. Die Metapher beschreibt ein journalistisches Abwehrsystem, das schädliche Angriffe blockiert, aber ebenso unbequeme Stimmen, legitimen Widerspruch und unerwünschte Konkurrenz aussperren kann. Die Selbstbezeichnung allein verleiht ihren Verwendern keine Deutungshoheit. Wer Desinformation abwehren will, muss zugleich gewährleisten, dass Kritik, abweichende Positionen und journalistische Konkurrenz außerhalb des eigenen Kooperationskreises sichtbar bleiben.

Vielleicht braucht Europas Medienzukunft deshalb tatsächlich mehr Mut. Nicht nur den Mut großer Häuser, gemeinsame Rechte, Plattformen und Infrastruktur zu organisieren. Sondern auch den Mut, Zugang, Sichtbarkeit und wirtschaftlichen Nutzen mit jenen zu teilen, die außerhalb dieser Institutionen journalistische Inhalte herstellen.

Ob aus der von Clemens Pig ausgerufenen „Schicksalsgemeinschaft“ ein offener Medienstandort oder lediglich eine stärkere Allianz seiner größten Marktteilnehmer entsteht, wird sich nicht auf einer Bühne entscheiden. Es zeigt sich daran, wer später mitarbeiten, mitverdienen und weiterhin unabhängig berichten kann.

(key)