Kunst und Wirtschaft treffen sich beim WU-Aufsichtsratstag
Rund 400 Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Aufsichtsgremien kamen am 19. Februar 2026 an der Wirtschaftsuniversität Wien zusammen, um über die Rolle von Führung und Kontrolle im Kulturbereich zu diskutieren. Der 16. Österreichische Aufsichtsratstag stellte dabei eine Frage ins Zentrum, die für Opernhäuser, Theater und Konzerthäuser zunehmend relevant wird: Wie viel Freiheit braucht Kunst – und wie viel wirtschaftliche Steuerung verträgt sie?

Voller Festsaal beim WU-Aufsichtsratstag 2026. | © Andreas Kowacsik
Organisiert wurde die Veranstaltung von den WU-Professoren Susanne Kalss und Werner H. Hoffmann. Eröffnet wurde der Tag von WU-Rektor Rupert Sausgruber und der Vorsitzenden des Universitätsrats Cattina Leitner. Inhaltlich ging es weniger um künstlerische Programme als um Strukturen: Aufsichtsräte, Holdingmodelle, Berichtspflichten und Risikomanagement im Kulturbetrieb.
Kulturbetrieb unter wirtschaftlichem Druck
Im Mittelpunkt stand die Erkenntnis, dass große Kulturinstitutionen heute nicht nur künstlerische, sondern auch unternehmerische Verantwortung tragen. Öffentliche Finanzierung, Sponsoring, internationale Konkurrenz und steigende Transparenzanforderungen erhöhen den Druck auf Geschäftsführungen und Gremien.
Christian Kircher von der Bundestheater Holding betonte, dass eine Holding selbst keine Kunst produziere, sondern stabile Rahmenbedingungen schaffe. Governance bedeute in diesem Zusammenhang strategische Steuerung, Budgetdisziplin und langfristige Absicherung künstlerischer Arbeit.
Auch Vertreter internationaler Häuser wie des Opernhauses Zürich verwiesen auf die Notwendigkeit klarer Strukturen, um künstlerische Großprojekte überhaupt realisieren zu können. Am Beispiel des Wiener Konzerthauses wurde die Rolle des Aufsichtsrats als Kontroll- und Sparringspartner beschrieben, der wirtschaftliche Stabilität sichern soll, ohne in künstlerische Entscheidungen einzugreifen.
Garanča zwischen Bühne und Management
Für Aufmerksamkeit sorgte der Auftritt von Elīna Garanča. Die international tätige Mezzosopranistin sprach nicht nur über künstlerische Freiheit, sondern auch über ihre Rolle als selbstständige Unternehmerin. Verträge, Planungssicherheit und wirtschaftliche Verantwortung gehörten ebenso zu ihrem Berufsalltag wie Proben und Premieren.

Elīna Garanča am Podium. | © Andreas Kowacsik
Ihre Aussagen machten deutlich, dass das Spannungsfeld zwischen Emotion und Jahresrechnung nicht nur Institutionen betrifft, sondern auch einzelne Künstler. Kunst lebe vom Risiko, brauche aber stabile wirtschaftliche Grundlagen. Diese Perspektive verlieh der Debatte eine persönliche Dimension, ohne den strukturellen Fokus des Tages zu überlagern.
Diversität und Kontrolle als Zukunftsthemen
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Zusammensetzung von Führungsgremien. Präsentierte Studien verwiesen auf wirtschaftliche Vorteile divers besetzter Vorstände und Aufsichtsräte. Vertreter aus Industrie, Finanzsektor und Interessenvertretungen betonten, dass Vielfalt nicht nur ein gesellschaftliches Ziel sei, sondern zunehmend als Performancefaktor betrachtet werde.
In Workshops wurden zudem Fragen zu Digitalisierung, Investitionen und Cyber Risk im Prüfungsausschuss behandelt. Damit rückte der Kulturbereich in eine Diskussion, die sonst primär in klassischen Wirtschaftsunternehmen geführt wird.

Pause im Forum beim WU-Aufsichtsratstag 2026. | © Andreas Kowacsik
Der Aufsichtsratstag zeigte insgesamt, dass Kunst- und Kulturinstitutionen längst Teil einer breiteren Managementdebatte sind. Freiheit und Kontrolle werden dabei nicht als Gegensätze verstanden, sondern als zwei Seiten derselben organisatorischen Verantwortung.
Die künstlerisch beste Lösung?
Dass eine Doppelrolle als Kulturschaffende und wirtschaftlich verantwortliche Akteurin Vorteile bringen kann, zeigte Garanča an diesem Tag exemplarisch. Wer beide Seiten kennt, versteht deren Logiken besser. Gleichzeitig ist diese Konstellation im Kulturbetrieb nicht unüblich – etwa wenn Regisseure zugleich Intendanten sind, Festivalleiterinnen selbst auftreten oder Managerinnen neben ihren Klienten auch zur Auswahl stehen. Die Nähe von künstlerischer Entscheidung und organisatorischer Macht birgt dabei stets eine strukturelle Frage: Wird hier die künstlerisch beste Lösung gewählt – oder jene, die wirtschaftlich am klügsten erscheint?
Diese Frage eindeutig zu beantworten, ist allerdings schwierig. Denn wer in einer Doppelrolle besonders präsent ist, prägt zwangsläufig die öffentliche Wahrnehmung und wichtige Entscheidungsräume. Ob dadurch bessere Alternativen weniger sichtbar werden oder ob gerade diese Verbindung Qualität sichert, lässt sich selten objektiv messen.
(PA/red)


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