Wiener Museen richten ihren Blick auf Franz West

Die Albertina Modern und das Wien Museum widmen Franz West ab 6. November zwei Ausstellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Während die Albertina Skulpturen und die künstlerische Entwicklung ins Zentrum stellt, erschließt das Wien Museum die Biografie und die Verbindungen des Künstlers zur Stadt. Ergänzend öffnet das Atelier am Esteplatz, in dem West von 1996 bis 2012 arbeitete.

Der 1947 in Wien geborene und 2012 gestorbene Künstler erlangte mit Arbeiten internationale Anerkennung, die das Verhältnis zwischen Kunstwerk und Publikum veränderten. Die Passstücke waren zum Tragen und Anlegen gedacht, die Möbel als benutzbare Skulpturen konzipiert. West war mehrfach auf der documenta und der Biennale von Venedig vertreten; 2011 erhielt er den Goldenen Löwen für das Lebenswerk. Anlass für die parallelen Präsentationen ist der 80. Geburtstag, den er am 16. Februar 2027 gefeiert hätte.

Frühe Begegnungen in der Zahnarztpraxis

„Franz West und Wien“ im Wien Museum beginnt im Karl-Marx-Hof. Dort betrieb seine Mutter Emilie neben der Familienwohnung eine Zahnarztpraxis. In der Ordination begegnete Franz in den 1960er-Jahren den Schriftstellern Hermann Schürrer und Reinhard Priessnitz sowie der Fotografin Friedl Bondy, heute Gröller-Kubelka. Für sie stand er bereits 1969 vor der Kamera. Sie bestärkte ihn darin, selbst künstlerisch zu arbeiten.

Gerahmte Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Wandtexte über Franz Wests künstlerische Entwicklung.

Vom familiären Umfeld bis zu den Wiener Ateliers verfolgt das Wien Museum die Verbindungen zwischen Wests Leben, seinem Werk und der Stadt. | © Wien Museum

Auch über seinen älteren Halbbruder, den Dichter und Schauspieler Otto Kobalek, kam West früh mit der Wiener Avantgarde in Kontakt. Um 1970 begann er als Autodidakt zu zeichnen und zu malen. Als Bildträger diente, was gerade verfügbar war – bis hin zum Briefpapier seiner Mutter.

Frühe Arbeiten tragen teils noch den Familiennamen Zokan oder die Signatur FZ West. Die Eltern hatten wenige Monate nach seiner Geburt geheiratet und den Namen des Vaters Ferdinand Zokan angenommen. Nach dessen Tod 1971 verwendete Franz zunehmend den Mädchennamen seiner Mutter als Künstlernamen.

Ein verschlossener Treffpunkt wird zum Bildmotiv

Eine seiner ersten Ausstellungen führte West 1971 in die Grazer Diskothek L’Equipe, gemeinsam mit Elias Fuchs und Daniel Friedemann, Söhnen des Malers Ernst Fuchs. Seine Papierarbeiten griffen Elemente des Phantastischen Realismus auf und variierten Plakate der Wiener Secession.

1972 folgte eine Ausstellung in der Blauen Galerie in Wien. Angekündigt wurde sie mit „Bildern aus dem Hundertwasser-Atelier“ und der „Schirmherrschaft von Maître Leherb“. Hundertwassers gläsernes Dachatelier am Graben, ein Treffpunkt für Kunstschaffende und Prominente, taucht wiederholt in Wests Gouachen auf. Er selbst hatte dort keinen Zutritt. In seinen Bildern eignete er sich den begehrten Ort an.

Ausstellungsraum mit abstrakten Skulpturen auf weißen Podesten. Im Vordergrund steht eine Vitrine mit einer blauen, käfigartigen Form und kleinen Figuren.

Skulpturen, Papierarbeiten und Fotografien in der Ausstellung „Franz West und Wien“. | © Wien Museum

1973 kaufte die Stadt Wien neun Bleistiftzeichnungen für insgesamt 900 Schilling. Es war seine erste institutionelle Anerkennung. Die von Judith Nicka-Stöckl und Vincent Weisl kuratierte Schau konzentriert sich auf die prägenden Jahre zwischen den späten 1960ern und frühen 1980ern.

Schwarz-Weiß-Fotografie von Franz West neben einem länglichen weißen Wandrelief mit rauer Oberfläche und einem herabhängenden Kabel.

Franz West neben einem seiner Reliefs, fotografiert von Friedl Kubelka 1975. | © Estate Franz West

Albertina Modern: vom Passstück zum Sitzmöbel

Die Albertina Modern versammelt in „Franz West. Die Revolution der Skulptur“ 392 Werke. Die von Angela Stief und Constanze Johanna Malissa kuratierte Retrospektive reicht von den frühen 1970er-Jahren bis kurz vor Wests Tod. Sie umfasst Passstücke, Möbel, die grotesken Köpfe der Lemuren, großformatige Aluminiumskulpturen sowie Papierarbeiten und Collagen.

Bei den Passstücken vervollständigen Körper und Handlung den Gegenstand: Die Gebilde aus Papiermaché, Gips oder Polyester waren zum Halten, Tragen und Anlegen bestimmt. Ab Mitte der 1980er-Jahre entstanden gemeinsam mit dem Metallbauer Mathis Esterházy erste Stühle aus Altmetall. Später kamen Liegen, Diwane und weitere Möbel hinzu.

Sich kreuzende helle Stellwände mit einer gerahmten Arbeit, davor Skulpturen auf Sockeln und dunkle Sitzobjekte aus Metall.

Franz Wests „Wegener Räume 2/6–5/6“ von 1988: historische Installationsansicht im Museum für Moderne Kunst Frankfurt, 2013. Sammlung Grässlin, St. Georgen. | © Archiv Franz West / Günzel

West verband diese Werkbereiche auch zu räumlichen Anordnungen. In den Wegener Räumen von 1988 treffen Sitzobjekte, Skulpturen und Papierarbeiten aufeinander. Sich kreuzende Wände gliedern die Installation; die Betrachtenden nehmen zwischen den Werken Platz.

Vom Atelier nach Venedig

Am Esteplatz 3/2 öffnet Wests letztes Atelier. Die in seiner Küche arrangierten eigenen Werke und Arbeiten von Weggefährtinnen und Weggefährten werden neu installiert. Diese Küche diente als Vorlage für den Parapavillon Extroversion auf der Biennale von Venedig 2011. Ein Modell zeigt das Wien Museum; im Atelier ergänzen fünf Videomontagen mit Erinnerungen an West die Präsentation.

Die Retrospektive in der Albertina Modern läuft bis 29. März 2027, die Ausstellung im Wien Museum und die Atelierpräsentation bis 2. Mai 2027. Das Atelier ist Dienstag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

(PA/red)