Journalismuspreis sucht Beiträge über Armut ohne Klischees
Die Armutskonferenz schreibt zum 17. Mal den Journalismuspreis „von unten“ aus. Beiträge können unabhängig von ihrer Länge eingereicht werden, die zwischen Oktober 2025 und Oktober 2026 in österreichischen Print- oder Onlinemedien, im Radio oder Fernsehen veröffentlicht wurden. Über die Auszeichnungen entscheiden Mitglieder der Plattform „Sichtbar Werden“.
Die Plattform ist ein Zusammenschluss von Betroffenen, Selbstorganisationen und Initiativen. Sie setzt sich für soziale Rechte, bessere Absicherung und Mitsprache bei politischen Entscheidungen ein. Mit der Jurybesetzung erhalten Menschen mit Armutserfahrung Einfluss darauf, welche Berichterstattung Anerkennung findet.
Gesucht werden Beiträge über Armut, die den betroffenen Menschen mit Respekt begegnen. Was das für die Berichterstattung bedeutet, beschreibt die Armutskonferenz in ihrem Leitfaden „Schreiben und Berichten über Armut“. Die gemeinsam mit Betroffenen erarbeitete Broschüre setzt Maßstäbe, an denen sich ein Beitrag vor der Einreichung prüfen lässt.
Wer erzählen darf und wer erklären darf
Die Armutskonferenz kritisiert, dass Medien Menschen mit Armutserfahrung oft nur nach ihrer persönlichen Not fragen. Für Erklärungen und Lösungsvorschläge wenden sich Redaktionen dagegen an Fachleute, Hilfsorganisationen oder die Politik.
Die Broschüre empfiehlt, auch die Betroffenen nach Ursachen und möglichen Verbesserungen zu fragen. Sie können etwa beschreiben, welche Unterstützung ihnen fehlt und wo sie bei Behörden auf Hindernisse stoßen.
Zugleich fordert die Armutskonferenz, die gesellschaftlichen Ursachen einzubeziehen. Armut prägt Lebensbedingungen: Ein Beitrag soll deshalb auch erklären, wie Wohnkosten, Arbeitsmarkt und soziale Absicherung die Situation der beschriebenen Menschen beeinflussen.
Das Klischee beginnt oft beim Bild
Eine Verkürzung kann bereits in der Bebilderung entstehen. Die Broschüre empfiehlt Aufnahmen auf Augenhöhe und Motive, die Menschen bei unterschiedlichen Tätigkeiten zeigen. Die Abgebildeten sollen bei der Bildauswahl mitsprechen können. Kleidung ist dabei kein verlässliches Zeichen für die finanzielle Situation: Auch wer wenig Geld hat, kann gut angezogen sein.
Ähnliche Zuschreibungen stecken in geläufigen Begriffen. „Sozial schwach“ macht aus einem wirtschaftlichen Nachteil eine vermeintliche persönliche Eigenschaft. Die Formulierung „unschuldig in Not geraten“ führt eine moralische Bewertung ein, die manchen Menschen Unterstützung zugesteht und sie anderen indirekt abspricht.
Solche Bilder und Begriffe können die Wege in die Armut verdecken. Nach einer Trennung und einem Jobverlust kann das Geld für eine Wohnung fehlen. Jahrelange Kinderbetreuung und Teilzeitarbeit können in eine Pension münden, die kaum zum Leben reicht.
Dahinter stehen fehlender leistbarer Wohnraum, die unzureichende Absicherung von Betreuungsarbeit und Lücken im Sozialstaat. Diese Zusammenhänge bleiben unsichtbar, wenn Berichterstattung sich auf äußere Zeichen von Not beschränkt.
Einzelschicksale brauchen Zusammenhang
Die Empfehlungen verlangen deshalb auch, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und politische Forderungen einzubeziehen. Ein Bericht über Mietschulden gewinnt an Erklärungskraft, wenn er zeigt, wie Wohnkosten und Einkommen auseinanderlaufen. Bei knappen Sozialleistungen gehört dazu auch die Frage, ob deren Anpassung mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt hält.
Dieser Maßstab betrifft ebenso die Forderungen von „Sichtbar Werden“. Die Plattform verlangt in ihrer öffentlichen Übersicht, finanzielle Kürzungen bei Sozialleistungen und sozialen Einrichtungen zu verhindern. Unveränderte Beträge verlieren bei steigenden Preisen allerdings an Kaufkraft. Im Leitbild nennt die Plattform darüber hinaus existenzsichernde Einkommen und Leistungen, Kindergrundsicherung, Absicherung im Alter und leistbares Wohnen.
Von oben nach unten
Die Armutskonferenz sucht Beiträge, die über die Beschreibung von Not hinausgehen. Dazu gehört, Ursachen von Armut und Lücken sozialer Absicherung zu untersuchen, Verantwortlichkeiten zu benennen und Wege aus der Armut aufzuzeigen. Mit dem Preisnamen „von unten“ greift die Organisation allerdings selbst auf jene gesellschaftliche Rangordnung zurück, deren Folgen sie bekämpfen will.
Einreichungen für den Journalismuspreis „von unten“ sind bis 31. Oktober 2026 möglich. Die besten Arbeiten der vier Kategorien werden am 14. Dezember 2026 im Presseclub Concordia in Wien ausgezeichnet.
(PA/red)


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