Nicht genügend Wellenlänge für ORF-Empfang am Land
Der ORF wird bis zum Jahresende 63 Sendeanlagen in acht Bundesländern außer Betrieb nehmen. Betroffen sind Standorte für digitales Antennenfernsehen über DVB-T2 sowie Anlagen für den analogen UKW-Radioempfang. Lediglich Wien bleibt von der aktuellen Reduktion ausgenommen. Es ist der jüngste Schritt beim Rückbau analoger und terrestrischer Rundfunktechnik in Österreich.
Die Stilllegungen erfolgen in mehreren Etappen. Ein erster Test wurde im Mai in Oberösterreich durchgeführt. Weitere Standorte in Oberösterreich und Kärnten sollen am 18. August folgen. Im September geht es in der Steiermark weiter, im Oktober in Niederösterreich. Für November sind weitere Abschaltungen in der Steiermark sowie in Tirol und Vorarlberg vorgesehen.
Der ORF bestätigt die Pläne und begründet sie mit den notwendigen Einsparungen. Durch die „Optimierung des Sendernetzes“ sollen jährlich rund 1,5 Millionen Euro weniger ausgegeben werden. Abgeschaltet würden vorwiegend Kleinstsendeanlagen in Randlagen. Ein großer Teil ihrer bisherigen Gebiete werde bereits von anderen Sendeanlagen mitversorgt. An der Netzabdeckung von 99 Prozent werde sich durch die Maßnahmen nichts ändern, versichert der ORF.

Seilbahn zur Sendeanlage am Dobratsch für Wartungsarbeiten und Materialtransporte. | © Big Blue Marble
Betrieben wird das Sendernetz von der Österreichischen Rundfunksender GmbH & Co KG, kurz ORS. Das Unternehmen steht zu 60 Prozent im Eigentum des ORF, 40 Prozent hält die zur Raiffeisen-Gruppe gehörende Medicur. Die ORS plant und betreibt die terrestrischen Sendeanlagen, über die Programme des ORF und privater Rundfunkveranstalter verbreitet werden.
ORF widerspricht Zahl von 64.000 Betroffenen
Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Bericht der „Kronen Zeitung“. Die darin genannten annähernd 64.000 Menschen entsprechen der Summe der Einwohner jener Gemeinden, in denen Sendeanlagen stillgelegt werden. Die Zeitung machte daraus die Schlagzeile „Sendeschluss für 64.000 ORF-Seher“.
Der ORF weist diese Darstellung als falsch zurück. Die Zahl erfasse sämtliche Einwohner der betreffenden Gemeinden und nicht jene Haushalte, die tatsächlich von den jeweiligen Anlagen versorgt werden.
Nach Angaben des ORF empfangen nur rund sechs Prozent der Bevölkerung Fernsehen über Antenne. Viele Haushalte verfügen zudem über mehrere Empfangswege. Neben DVB-T2 stehen Satellit, Kabel und Streaming zur Verfügung. Bei einer bestehenden Doppelversorgung könne häufig auch der Wechsel auf eine andere Frequenz genügen.
Wie viele Haushalte infolge der Abschaltungen ihre bisherige Empfangssituation ändern müssen oder tatsächlich kein terrestrisches Signal mehr erhalten, nennt der ORF nicht. Er geht davon aus, dass wenige hundert Haushalte eine Veränderung beim Fernsehempfang bemerken könnten. In einzelnen, eng begrenzten Gebieten könne es außerdem zu Einschränkungen beim Empfang über Antenne oder UKW kommen. Betroffene Nutzerinnen und Nutzer sollen sich an das ORF-Kundenservice wenden.
Vom Sendermast zum Streaminganbieter
MUX A ist das österreichweite terrestrische Sendernetz für digitales Antennenfernsehen. Darüber werden unter anderem ORF 1, ORF 2 mit den jeweiligen Regionalausgaben, ORF III, ORF Sport+ und 3sat verbreitet.
Nach Angaben der Rundfunkregulierungsbehörde KommAustria erreicht MUX A rund 98 Prozent der österreichischen Bevölkerung. Zuletzt waren dafür 317 Sendeanlagen in Betrieb. Rund fünf Prozent der Bevölkerung nutzen terrestrisches Fernsehen als Empfangsweg; unter Einbeziehung von Zweitgeräten sind es mehr als acht Prozent.
Bei UKW handelt es sich dagegen um analogen Hörfunk. Das Signal kann mit einem gewöhnlichen Radio ohne Internetverbindung, Mobilfunkvertrag oder digitale Anmeldung empfangen werden. Österreichs Berge und Täler erfordern neben großen Grundnetzsendern zahlreiche kleinere Anlagen, um regionale Funkschatten auszugleichen.
Verantwortlich für diese technische Infrastruktur ist die ORS. Sie entstand 2005, als der ORF seine Sendetechnik in ein eigenes Unternehmen ausgliederte. Heute betreibt die Gruppe mehr als 430 Sendestandorte in Österreich. Ihre Anlagen werden nicht nur für Radio und Fernsehen genutzt, sondern auch von Mobilfunkbetreibern, Behörden und für Richtfunkverbindungen.
Das Geschäft hat sich inzwischen weit über den klassischen Sendemast hinaus entwickelt. Die ORS stieg in Satellitenfernsehen, digitales Antennenfernsehen, Streaming und cloudbasierte Videodienste ein. Zu ihrer Gruppe gehören auch die Fernsehplattform simpliTV und eine Mehrheitsbeteiligung am polnischen Streaminganbieter Insys Video Technologies.
Seit 2025 tritt dieses internationale Geschäft unter dem Namen „Big Blue Marble“ auf. Mittlerweile leitet auch die Adresse ors.at auf die englischsprachige Website der neuen Marke weiter. Die österreichische Rundfunkinfrastruktur wird weiterhin betrieben, während sich die Unternehmensgruppe international als Anbieter von Cloud- und Streaminglösungen positioniert.
„Antenne und Satellit haben uns dahin gebracht, wo wir heute stehen“, erklärte ORS-Geschäftsführer Michael Wagenhofer bei der Präsentation der Marke.
Kleinere Standorte kosten zu viel
Die neue Ausrichtung macht die terrestrischen Anlagen nicht überflüssig. Gerade kleinere Standorte verursachen jedoch laufende Kosten für Strom, Wartung, Programmzuführung und technische Überwachung. Werden nur wenige Haushalte erreicht oder besteht bereits eine Versorgung durch andere Sender, geraten sie unter wirtschaftlichen Druck.
Im Alltag stehen heute genügend Alternativen bereit. Im Katastrophenfall besitzt das terrestrische Radio jedoch eine besondere Funktion. Der Zivilschutz empfiehlt für einen längeren Stromausfall ausdrücklich ein Batterie- oder Kurbelradio. Österreich verfügt daneben über mehr als 8.300 Sirenen und das Mobilfunkwarnsystem AT-Alert.
Eine unmittelbar bevorstehende Warnlücke lässt sich aus den aktuellen Abschaltungen nicht herleiten.
Der Rückbau begann vor Jahrzehnten
Die aktuelle Reduktion ist nicht der erste wirtschaftlich begründete Rückzug aus einem terrestrischen Empfangsweg. Wesentlich größere Reichweiten gingen bereits mit dem Ende der österreichischen Mittel- und Kurzwelle verloren.
Am 31. Dezember 2008 stellte der ORF den Mittelwellenbetrieb auf 1476 Kilohertz am Bisamberg ein. Die Anlage an der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich war 1933 in Betrieb gegangen. In ihrer stärksten Ausbaustufe konnte sie mit bis zu 600 Kilowatt senden.
Mittelwelle bot eine geringere Tonqualität als UKW, konnte dafür aber mit wenigen Standorten sehr große Gebiete erreichen. Besonders in den Nachtstunden waren die Programme weit über Österreich hinaus zu empfangen.
Der reguläre Mittelwellenbetrieb am Bisamberg war bereits Anfang 1995 eingestellt worden. Zwei Jahre später wurde die Anlage wieder aktiviert. Radio 1476 sendete ab 1997 ein mehrsprachiges Programm mit Beiträgen von Ö1, Radio Österreich International, Volksgruppen und freien Radiogruppen.
Während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien erhielt die Anlage noch einmal eine konkrete Aufgabe. Über „Nachbar in Not“ und später „Donaudialog“ wurden Informationen nach Mittel- und Südosteuropa ausgestrahlt.
Sprengung als öffentliches Ereignis
Am 24. Februar 2010 wurden der 265 Meter hohe Nordmast und der 120 Meter hohe Südmast mit gezielten Sprengungen abgetragen. Die ORS begründete den Schritt mit Sicherheitsfragen und hohen Erhaltungskosten. Allein die notwendige Erneuerung der Stahlseilsicherung hätte eine Million Euro gekostet. Die Masten seien nicht mehr nutzbar gewesen und es gebe keine sinnvolle technische Nachnutzung.
Die Beseitigung wurde als öffentliches Ereignis festgehalten. Die damaligen ORS-Geschäftsführer, darunter Michael Wagenhofer, ließen sich am Tag der Sprengung gemeinsam mit dem damaligen Wiener Vizebürgermeister Michael Ludwig fotografieren.

Die Mittelwellen-Sendemasten am Bisamberg wurden am 24. Februar 2010 mit gezielten Sprengungen wie geplant abgetragen. | © Wolfgang Simlinger / ORS
Von Moosbrunn in die Welt
Während die Mittelwelle vom Bisamberg vor allem Österreich und die angrenzenden Regionen erreichte, war die Kurzwellenanlage in Moosbrunn für wesentlich größere Entfernungen gebaut worden. Kurzwellen können an höheren Schichten der Atmosphäre zur Erde zurückgeworfen werden und dadurch Tausende Kilometer überwinden.
Von Moosbrunn wurde Radio Österreich International nach Europa, Russland, Nahost, Australien und Neuseeland ausgestrahlt. Für den Empfang waren weder Internet noch Satellitenverbindung notwendig. Ein geeignetes Kurzwellenradio genügte.
Mit dem Aufkommen von Satelliten und Internet reduzierte der ORF sein Kurzwellenangebot. Die ORS vermietete freie Sendezeiten an internationale Rundfunkveranstalter. Zu den Kunden gehörten zeitweise die BBC und mehrere Spartensender.
Zuletzt wurde auch das Ö1-Morgenjournal noch über Moosbrunn ausgestrahlt. Am 31. Dezember 2024 endete der Betrieb endgültig. Im Jänner 2025 schloss die ORS den Rückbau der Antennenanlage ab und gab das Gelände an den ORF zurück.
Damit war Österreichs einzige Kurzwellen-Großsendeanlage Geschichte.
Mittelwelle aus Bad Ischl
Ganz verschwunden ist der österreichische Mittelwellenrundfunk nicht. Seit 2020 betreiben Reinhard Pirnbacher und Edith Schiller in Bad Ischl das Museumsradio AM 1476. Es sendet auf derselben Mittelwellenfrequenz, die früher vom Bisamberg genutzt wurde. Heute mit einer kleinen Anlage und entsprechend regionaler Reichweite.
Zum Programm gehört „Pirnis Plattenkiste“, die zuvor viele Jahre bei Radio Salzburg zu hören war. Das Museumsradio wird nach eigenen Angaben privat und mithilfe freiwilliger Spenden finanziert.
Im Salzkammergut lässt sich das Programm weiterhin mit einem gewöhnlichen Mittelwellenradio empfangen. Außerhalb dieser Reichweite stehen der Webstream, Kabelverbreitung und Übernahmen durch andere Radiostationen zur Verfügung. Über den DAB+-Sender eines Partnerprogramms ist „Pirnis Plattenkiste“ außerdem in Teilen Salzburgs, Oberösterreichs und Bayerns zu hören.
Mast für Mast
Aus der Abschaltung von 63 Kleinsendern folgt eine nationale Kommunikationskrise allenfalls darüber, was Versorgungslücken beim Empfang von Nachrichten bedeuten könnten. Österreich verfügt weiterhin über UKW, DAB+, digitales Antennenfernsehen, Satellit, Kabel, Mobilfunk und Internet. Auch nach Umsetzung der aktuellen Pläne wird das terrestrische Sendernetz bestehen bleiben.
Die Richtung der Entwicklung ist dennoch eindeutig. Mit analogen Wellen lässt sich kaum noch ein Geschäft machen. Die Zahl der Hörer sinkt, während Strom, Wartung und technische Bereitschaft laufend Geld kosten. Auch für den möglichen Krisenfall entsteht daraus kein Geschäftsmodell: Eine Anlage über Jahre betriebsbereit zu halten, damit sie vielleicht einmal dringend benötigt wird, rechnet sich in keiner gewöhnlichen Bilanz.
Der Wert solcher Infrastruktur liegt nicht in ihrer täglichen Auslastung. Ein terrestrischer Sender hält zumindest auf dem Papier eine autonom steuerbare Informationskette bereit: Ein Programm kann von einem kontrollierten Standort ausgestrahlt und mit einfachen Geräten empfangen werden – ohne Anmeldung, Mobilfunkvertrag oder individuellen Internetzugang.
Solange Netze und Grenzen offen sind, gibt es schnellere und billigere Wege. Sollte unsere eng vernetzte Welt eines Tages wieder durch technische Ausfälle, politische Grenzen oder unterbrochene Verbindungen kleiner werden, könnte jeder demontierte Sendemast zum nostalgischen Postkartenmotiv werden – oder Beleg für dessen bewusste Ausschaltung.
(red)


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