Zehn Designstudios im Wettbewerb um neue Euro-Banknoten

Ein Euro-Geldschein muss vieles zugleich sein: Zahlungsmittel, Sicherheitsprodukt, Gebrauchsgegenstand und Symbol für ein vielfältiges Europas. Nun steht die erste vollständige Neugestaltung seit Einführung des Euro-Bargelds im Jahr 2002 bevor. Seit dem 23. Juli stellt die Europäische Zentralbank zehn Entwürfe öffentlich zur Bewertung. Die Onlineumfrage läuft bis zum 21. September. Ende 2026 entscheidet der EZB-Rat unter Berücksichtigung der Befragung, des Juryurteils und einer technischen Prüfung, wer das Rennen macht. Bis die neuen Scheine in Umlauf kommen, werden noch einige Jahre vergehen.

Gestaltung zwischen Auftrag und Interpretation

Der Wettbewerb begann mit 1.241 Bewerbungen aus sämtlichen EU-Staaten. 25 Gestalterinnen, Gestalter und Teams durften Entwürfe einreichen. Aus 39 Vorschlägen wählte eine unabhängige, 21-köpfige Jury schließlich zehn Serien aus – jeweils fünf zu den Themen „Europäische Kultur“ und „Flüsse und Vögel“.

Die Motive waren nicht frei wählbar. Beim Kulturthema mussten auf den Vorderseiten Maria Callas, Ludwig van Beethoven, Marie Curie, Miguel de Cervantes, Leonardo da Vinci und Bertha von Suttner erscheinen. Die Rückseiten zeigen Orte gemeinsamer Kultur: von darstellender Kunst und Musik über Schulen und Bibliotheken bis zu Museen und öffentlichen Plätzen.

Entwürfe C und D für die neuen Euro-Banknoten mit Kulturporträts beziehungsweise Vogelmotiven

Zwei unterschiedliche Ansätze im EZB-Wettbewerb: Design C der Berliner Agentur Neue Gestaltung und Design D von Rudy Guedj und François Girard-Meunier. | Quelle: Europäische Zentralbank (EZB)

Auch beim Naturthema waren die Stationen vorgegeben. Der Weg führt von einer Gebirgsquelle über Wasserfall, Flusstal und Flusslauf bis zur Mündung und zum Meer. Dazu kommen Mauerläufer, Eisvogel, Bienenfresser, Weißstorch, Säbelschnäbler und Basstölpel. Auf den Rückseiten stehen Gebäude europäischer Institutionen. Damit trennt die beiden Themen eine Grundsatzfrage: Soll Europas Geld gelebte Kultur oder seine institutionelle Architektur zeigen?

Gerade die engen Vorgaben machen den Wettbewerb aus Designsicht interessant. Die Studios mussten nicht zehn verschiedene Geschichten erfinden. Sie mussten zeigen, wie unterschiedlich sich dieselbe Geschichte erzählen lässt.

Das Feld reicht von streng aufgebauten Informationsgrafiken über Porträtcollagen und abstrakte Farbflächen bis zu illustrativen Naturbildern. Einige rücken die Lesbarkeit der Wertzahlen in den Vordergrund; andere behandeln den Geldschein wie eine kleine Bühne für Kunst.

Dass dabei Geschmacksfragen entstehen, liegt in der Natur des Auftrags. Ein Entwurf kann hervorragend gestaltet sein und dennoch als zu kühl, zu dekorativ oder zu wenig europäisch wahrgenommen werden. Umgekehrt kann ein deutlich erkennbarer Europabezug manchen Betrachtern zu offiziell oder symbolisch überladen erscheinen. Auch der Fragebogen lässt Raum für diese unterschiedlichen Reaktionen: vom positiven Urteil über die Gestaltung bis zu Zweifeln an Repräsentativität und Europabezug.

Die Naturentwürfe H und I für neue Euro-Banknoten mit Vögeln, Flusslandschaften und EU-Gebäuden

Zwei Umsetzungen des Themas „Flüsse und Vögel“: Design H des Ateliers Goppel‑Toperngpong und Design I von Isabelle Daëron. | Quelle: Europäische Zentralbank (EZB)

Wer hinter A bis J steht

Während der Umfrage bleiben die Urheber bewusst im Hintergrund. Jeder Entwurf wird lediglich mit einem Buchstaben bezeichnet. Nach Angaben der EZB wurden die Buchstaben A bis J zufällig vergeben, damit Herkunft und Bekanntheit der Beteiligten das Urteil nicht beeinflussen. Auf der begleitenden Informationsseite nennt die Zentralbank die Namen hingegen offen.

Design A stammt vom niederländischen Informations- und Buchgestalter Joost Grootens. Sein Studio ist besonders für komplexe Atlanten, Bücher und visuelle Informationssysteme bekannt. Arbeiten des Studios wurden unter anderem bei den Best Dutch Book Designs sowie von D&AD und den European Design Awards ausgezeichnet.

Hinter Design B steht PunktFormStrich aus Salzburg, ein auf Markenentwicklung und visuelle Identitäten spezialisiertes österreichisches Studio.

Design C kommt von der 1995 gegründeten Berliner Agentur Neue Gestaltung. Sie arbeitet in den Bereichen Markenidentität, Ausstellungen und Editorial Design und erhielt 2026 unter anderem einen European Design Award in Silber für das Erscheinungsbild des Deutschen Technikmuseums.

Design D ist eine gemeinsame Arbeit von Rudy Guedj und François Girard-Meunier. Beide arbeiten von Amsterdam aus vor allem an Publikationen, Ausstellungen und Projekten für Kulturinstitutionen. Zu ihren Referenzen zählen das Nieuwe Instituut, der niederländische Pavillon bei der Mailänder Triennale und eine Auszeichnung bei den Best Dutch Book Designs.

Design E stammt von der griechischen Grafikerin, Malerin und Graveurin Myrsini Vardopoulou. Sie verfügt über besondere Erfahrung mit Sicherheits- und Wertgrafik: Seit den 1990er-Jahren gestaltete sie mehr als 250 Briefmarken für die griechische Post. Ihre Arbeiten wurden unter anderem vom Internationalen Olympischen Komitee und bei Wettbewerben für Briefmarkengestaltung ausgezeichnet.

Design F wurde vom deutschen Illustrator Jan Robert Dünnweller entwickelt. Der in Süddeutschland arbeitende Gestalter ist im Editorial-, Kultur- und Auftragsbereich tätig und lehrt Illustration an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg.

Für Design G schlossen sich Rubio & del Amo aus Murcia und Cruz más Cruz aus Madrid zusammen. Rubio & del Amo arbeitet vor allem an Marken, Publikationen, Verpackungen und digitalen Auftritten. Gemeinsam mit Cruz más Cruz gestaltete das Studio auch die Identität der spanischen Raumfahrtagentur.

Design H stammt vom Atelier Goppel‑Toperngpong in Regensburg. Gisela Goppel arbeitet als Illustratorin für internationale Marken, Magazine und Verlage; Florian Toperngpong gestaltet und erzählt vor allem für Theater und Kulturinstitutionen.

Design H des Ateliers Goppel‑Toperngpong mit Vogelmotiven und Gebäuden europäischer Institutionen

Design H des Ateliers Goppel‑Toperngpong: Die Vorderseiten zeigen europäische Vogelarten, die Rückseiten Gebäude von EU-Institutionen. | Quelle: Europäische Zentralbank (EZB)

Design I kommt von der französischen Designerin Isabelle Daëron und ihrem Studio Idaë im Großraum Paris. Ihre Arbeit beschäftigt sich seit Jahren mit natürlichen Strömen wie Wasser, Luft und Licht sowie mit deren Nutzung im öffentlichen Raum. Sie wurde unter anderem mit dem Grand Prix de la Création der Stadt Paris und einem Audi Talents Award ausgezeichnet.

Design J stammt vom Helsinkier Grafiker, Illustrator und Comiczeichner Ville Tietäväinen. Der ausgebildete Architekt zählt zu den bekannten visuellen Erzählern Finnlands. Für seine Graphic Novels und Illustrationen erhielt er unter anderem den Sarjakuva-Finlandia-Preis und eine Auszeichnung der Finnish Cultural Foundation.

Ein Entwurf, der sich zur Nahaufnahme anbietet

Design H des Regensburger Ateliers Goppel‑Toperngpong fällt durch seine malerische und zugleich konsequent aufgebaute Bildsprache auf. Auf allen sechs Vorderseiten blicken oder fliegen die groß dargestellten Hauptvögel nach Westen. Kleinere Begleitvögel bewegen sich auch in die Gegenrichtung nach Osten.

Auch die langen Schnäbel verbinden die Serie. Sie sind keine Erfindung des Ateliers, sondern ein gemeinsames Merkmal der ausgewählten Arten: Mauerläufer, Eisvogel, Bienenfresser, Weißstorch, Säbelschnäbler und Basstölpel besitzen allesamt markante, lang gestreckte Schnabelformen. Design H hebt diese Vorgabe durch die überwiegende Seitenansicht besonders deutlich hervor.

Die Gebäude und ihre Zuordnung zu den einzelnen Geldwerten waren für alle fünf Naturentwürfe verbindlich vorgegeben.

  • Der Fünfer zeigt das Louise-Weiss-Gebäude des Europäischen Parlaments in Straßburg, Frankreich.
  • Der Zehner das Berlaymont-Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel, Belgien; der Zwanziger den Sitz der EZB in Frankfurt, Deutschland.
  • Auf dem Fünfziger erscheint der Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg.
  • Auf dem Hunderter der Gebäudekomplex des Rates in Brüssel und auf dem Zweihunderter der Europäische Rechnungshof in Luxemburg.

Der Entwurf hat diese Instututionen vergleichsweise konkret und wiedererkennbar umgesetzt.

Noch ist keiner dieser Scheine künftiges Bargeld

Alle zehn Serien sind Entwürfe, keine fertigen Banknoten. Das ausgewählte Konzept wird nach der Entscheidung des EZB-Rats technisch weiterentwickelt und getestet. Sicherheitsmerkmale, Materialien, Barrierefreiheit und Produktion können das Erscheinungsbild noch verändern.

Qualitätskontrolle eines bedruckten Bogens mit Euro-Banknoten

Bei der Herstellung von Euro-Banknoten werden die bedruckten Bögen sorgfältig auf Qualität und Sicherheitsmerkmale kontrolliert. | Foto: Europäische Zentralbank (EZB)

Die gegenwärtige Abstimmung ist daher kein reiner Beautycontest, obwohl Geschmack unvermeidlich eine Rolle spielt. Sie wird zeigen, welche Vorstellungen Menschen in Europa auf einer Euro-Banknote wiederfinden möchten: bekannte Persönlichkeiten oder gemeinsame Naturräume, grafische Ordnung oder erzählerische Illustration, institutionelle Klarheit oder künstlerische Offenheit.

Die Designstudios haben darauf zehn sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Welche davon künftig in Millionen Geldbörsen landet, entscheidet sich erst Ende des Jahres.

(red)