Gunther von Hagens wird selbst zum Plastinat
Der deutsche Anatom Gunther von Hagens ist tot. Der Erfinder der Plastination und Schöpfer der „Körperwelten“-Ausstellungen starb am 24. Juli 2026 im Alter von 81 Jahren. Das teilten seine Familie und das von ihm gegründete Institut für Plastination am Montag mit.
Mit von Hagens verliert die internationale Ausstellungsszene einen ihrer umstrittensten Grenzgänger. Der Mediziner entwickelte 1977 an der Universität Heidelberg die Plastination, ein Verfahren, bei dem Wasser und Fett im biologischen Gewebe durch Kunststoffe ersetzt werden. Auf diese Weise lassen sich Körper und Organe dauerhaft und bis in kleinste Strukturen erhalten.
Von Hagens beließ es nicht bei der medizinischen Anwendung. Er holte die Anatomie aus dem Seziersaal und dem Lehrbuch und brachte sie in Museen und Veranstaltungshallen. Dort zeigte er nicht nur einzelne Organe, Gefäßsysteme und transparente Körperscheiben, sondern auch enthäutete Ganzkörperplastinate: beim Schachspiel, beim Sport, auf einem Pferd oder in Posen, die an klassische Skulpturen erinnerten.

© Gunther von Hagens Körperwelten
Diese Inszenierungen machten die „Körperwelten“ zu einem globalen Publikumserfolg und lösten zugleich heftige Kontroversen aus. Seit der ersten Ausstellung in Japan im Jahr 1995 haben nach Angaben des Instituts mehr als 58 Millionen Menschen die Schauen besucht. Doch der Weg vom Tabubruch zum weltweit akzeptierten Ausstellungsformat führte durch einen erbitterten Kulturkampf.
Zwischen Anatomie und Kunst
Um die Jahrtausendwende war die Aufregung groß. Feuilletons, Kirchenvertreter und Ethiker diskutierten darüber, ob die öffentliche Präsentation konservierter Leichen mit der Würde der Verstorbenen vereinbar sei. Kritiker sahen eine kommerzielle Spektakularisierung des Todes. Von Hagens hielt dem seinen Bildungsanspruch entgegen: Er wolle einem breiten Publikum ermöglichen, den eigenen Körper zu verstehen.
Die Kontroverse war auch deshalb nicht aufzulösen, weil die „Körperwelten“ weder gewöhnliche Anatomieschau noch reine Kunstausstellung waren. Wissenschaftliche Präzision traf auf dramatische Arrangements, Aufklärung auf Unterhaltung, das medizinische Präparat auf das Schauobjekt.
Die lebensnahen Posen ließen die Persönlichkeit der Verstorbenen nicht einfach verschwinden. Sie gaben ihnen eine neue – eine vom Gestalter entworfene Identität nach dem Leben. Als Läufer, Reiter, Schachspieler oder Denker schienen die Toten ihrer eigenen Endlichkeit zu trotzen und vor den Besucherinnen und Besuchern noch einmal zu triumphieren.
Von Hagens’ Leistung bestand nicht allein in der Entwicklung einer Konservierungsmethode. Er veränderte auch die Wahrnehmung des menschlichen Inneren. Muskeln, Nerven und Blutgefäße erschienen nicht mehr bloß als Abbildungen in einem Lehrbuch, sondern als räumliche Formen. Seine Plastinate machten die Zerbrechlichkeit des Körpers sichtbar – und besaßen in ihren stärksten Momenten eine Ausdruckskraft, die der Kunst näher war als der Medizin.
Gerade dieser künstlerische Anspruch provozierte. Ein Präparat auf dem Labortisch ließ sich als wissenschaftliches Lehrmittel akzeptieren. Ein Toter, der als Reiter, Sprinter oder Forscher arrangiert wurde, stellte dagegen eine andere Frage: Darf aus einem verstorbenen Menschen eine Figur werden?

Körperwelten Herzenssache in der Stadthalle. | © keymedia.at
Vom Skandal zum Schulausflug
Gut zwei Jahrzehnte nach den großen Kontroversen besuchten bereits Mittelschulklassen die „Körperwelten“-Ausstellung im Studio F der Wiener Stadthalle. Die Plastinate waren nun Unterrichtsmaterial. An Mitmachstationen lösten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben; geschädigte Organe veranschaulichten die Folgen des Rauchens oder schlechter Ernährung. Was einst das Feuilleton entsetzt und grundsätzliche ethische Fragen ausgelöst hatte, wurde als pädagogisch wertvoller Blick unter die Haut vermittelt.
Das damalige Ausstellungskonzept „Herzenssache“ rückte das Herz und sein Gefäßsystem in den Mittelpunkt. Zu sehen waren rund 200 Präparate, darunter 20 Ganzkörperplastinate. Mehr als 100.000 Menschen hatten die Schau bis Ende Jänner besucht. Die Arrangements irritierten weiterhin, doch die gesellschaftliche Auseinandersetzung hatte sich zugunsten einer weitgehenden Akzeptanz verschoben.

Schüler der MIttelschule Kauergasse besuchten die Körperwelten Ausstellung. | © keymedia.at
Zuletzt kehrten die „Körperwelten“ im November 2025 nach Wien zurück. Die bis März 2026 laufende Ausstellung „Am Puls der Zeit“ beschäftigte sich mit der Leistungsfähigkeit und Verwundbarkeit des Körpers im 21. Jahrhundert. Gesundheit, Ernährung, Bewegung und Stress standen im Vordergrund. Die einstige Provokation war endgültig zum etablierten Ausstellungsformat geworden.
Mit dieser Akzeptanz ging allerdings auch etwas verloren. Die späteren Ausgaben setzten stärker auf Gesundheitsaufklärung und pädagogische Vermittlung. Der künstlerische Mut der Anfangsjahre trat zurück. Der Blick auf einen Menschen wurde zunehmend zum Blick auf ein Präparat.
Der Plastinator wird selbst zum Plastinat
Von Hagens war Wissenschaftler, Erfinder, Unternehmer, Provokateur und Selbstdarsteller. Diese Rollen ließen sich nie sauber voneinander trennen. Seine Kritiker warfen ihm Sensationslust vor; seine Anhänger sahen in ihm einen Aufklärer, der Millionen Menschen einen unmittelbaren Zugang zur Anatomie eröffnete.
Fest steht, dass er den öffentlichen Blick auf den Körper verändert hat. Die Plastination wird heute an Universitäten und medizinischen Bildungseinrichtungen in aller Welt eingesetzt. Unter der kuratorischen Leitung seiner Ehefrau Angelina Whalley wurden die Ausstellungen im Laufe der Jahre neu inszeniert und thematisch ausdifferenziert.
Auch von Hagens’ eigener Körper wird Teil seines Vermächtnisses. Es sei sein ausdrücklicher Wunsch gewesen, ihn nach dem Tod der Plastination zur Verfügung zu stellen, teilte das Institut mit. Seine Angehörigen wollen diesen Wunsch erfüllen.
Damit begibt sich der Gestalter selbst in jene Zwischenwelt, die er für andere geschaffen hat: zwischen Mensch und Präparat, Erinnerung und Anschauungsobjekt, Tod und dauerhafter Pose. Welche neue Identität sein eigener plastinierter Körper erhalten wird, ist noch offen.
(PA/red)


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