Warum die „Regenfäule“ auch Frauen treffen kann
„Regenfäule“ klingt nach einer Krankheit, die man sich beim Schäferstündchen im Moor holt. Tatsächlich stammt der Begriff aus der Schafhaltung. Seit fast zwei Jahrhunderten bezeichnet er einen nässenden, krustigen Hautausschlag, der vor allem bei anhaltend feuchter Witterung auftritt.
Inzwischen hat es die Regenfäule aus dem Stall in die Schlagzeilen geschafft. Seit Ende 2025 wurden in mehreren europäischen Ländern ungewöhnlich viele Infektionen bei Menschen festgestellt. In Deutschland waren zunächst 17 Fälle bekannt, hauptsächlich aus Berlin und Brandenburg. Europaweit stieg die Zahl bis August auf mehr als 120.
Betroffen waren überwiegend Männer, die Sex mit Männern haben. Viele von ihnen hatten zuvor sogenannte Sex-on-premises-Locations besucht: Saunen, Spas oder Clubs, in denen nicht nur gemeinsam geschwitzt wird. Damit war das Drehbuch für den Boulevard praktisch fertig: feucht, ansteckend, schwul. Eine Art neue Affenpocken also?
Keine neuen Affenpocken
Die Dermatophilose, so der medizinische Name der Regenfäule, hat mit Mpox außer Hautveränderungen und dem bisherigen Übertragungsumfeld wenig gemeinsam. Mpox werden von einem Virus verursacht. Hinter der Dermatophilose steckt dagegen das Bakterium Dermatophilus congolensis.
Die bekannten Infektionen verliefen überwiegend mild. Typisch waren Pickel, Pusteln, Schuppen oder Krusten, teilweise begleitet von Juckreiz. Schwere Allgemeinsymptome wurden bei den europäischen Fällen nicht beobachtet. Die Hautveränderungen heilten entweder von selbst oder nach einer Behandlung mit Antibiotika ab.
Neu ist nicht das Bakterium. Neu ist, dass es offenbar häufiger direkt zwischen Menschen übertragen wird. Früher hatten Erkrankte meistens Kontakt zu infizierten Tieren oder einer entsprechend belasteten Umgebung. Bei den aktuellen Fallgruppen spricht dagegen vieles für eine Weitergabe durch engen Hautkontakt. Auch Handtücher, Kleidung oder Oberflächen kommen theoretisch als Übertragungsweg infrage.
Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC bewertet das Risiko für die Allgemeinbevölkerung als sehr gering. Von einer neuen Seuche kann also keine Rede sein. Interessant ist die Entwicklung trotzdem: Ein Erreger, der bisher hauptsächlich als tiermedizinisches Problem galt, hat offenbar ein neues Kontaktnetzwerk gefunden.
Frauen haben ebenfalls Haut
Dass fast alle bisher genau untersuchten Patienten Männer waren, erklärt sich wahrscheinlich durch das Kontaktnetzwerk, in dem der Ausbruch zuerst erkannt wurde. Viele Betroffene hatten sogenannte Kontaktsaunen besucht – also Saunen, die auch der Anbahnung und Ausübung sexueller Kontakte dienen.
Dennoch: Frauen schwitzen ebenfalls, haben engen Körperkontakt, treiben Kampfsport, teilen Textilien und besuchen gemeinsam Saunen. Unter vergleichbaren Bedingungen könnten sie sich deshalb ebenso infizieren. Einzelne Nachweise außerhalb der bisher besonders betroffenen Männergruppe gibt es bisher nicht.
Der Satz „Vor allem Männer sind betroffen“ ist epidemiologisch korrekt. Daraus „Frauen können nicht betroffen sein“ zu machen, wäre hingegen ein klassischer Kurzschluss. Aus der Personengruppe, in der ein Ausbruch zuerst sichtbar wird, lässt sich keine biologische Exklusivität ableiten.
Nicht jede Sauna ist ein Feuchtgebiet
Die auffälligen Häufungen wurden überwiegend in Kontaktsaunen, Spas und Clubs beobachtet, in denen enger körperlicher und sexueller Kontakt stattfinden kann. Wärme und Feuchtigkeit könnten die Übertragung zusätzlich begünstigen: Nasse Haut weicht auf, ihre ihre Schutzbarriere wird anfälliger. Zudem kann Feuchtigkeit die Freisetzung der beweglichen Zoosporen des Bakteriums fördern. Kleine Verletzungen, etwa durch Rasur oder Reibung, bilden mögliche Eintrittspforten.
Trotzdem springt die Regenfäule nicht aus dem Aufguss. Saunaluft gilt nicht als Übertragungsweg. Das mögliche Risiko entsteht vielmehr durch engen Hautkontakt sowie eventuell durch gemeinsam benutzte Textilien oder belastete Oberflächen.
Eine Lanze für das Schaf
Das Schaf kommt wieder einmal zum unfreiwilligen Imageschaden. Es lieferte nicht nur den Namen, sondern wird dabei ebenfalls Opfer eines alten Vorurteils. Die sprichwörtlich dummen Schafe stehen im Regen, bis ihnen die Haut fault – so ungefähr erzählt es der Begriff.
Doch auch hier steckt ein Quäntchen Wahrheit: Unter dichtem, anhaltend nassem Vlies kann die Haut schlecht trocknen. Sie weicht auf und wird für den Erreger durchlässiger. Besonders gefährdet sind geschwächte Tiere oder solche mit kleinen Hautverletzungen. Das Schaf ist also nicht dumm. Es trägt nur ein Kleid, das es bei Regen nicht ausziehen kann.
Der Mensch hat es etwas leichter. Trockene Handtücher, das Abdecken von Sitzflächen, der Verzicht auf gemeinsam benutzte Textilien und etwas Zurückhaltung bei engem Kontakt mit sichtbaren Hautveränderungen senken das Risiko. Wer ungewöhnliche Pusteln oder Krusten entwickelt, sollte sie ärztlich untersuchen lassen und bis zur Klärung auf intensiven Hautkontakt verzichten.
Die wichtigste Erkenntnis der Regenfäule lautet damit nicht, dass Männer gefährlicher leben als Frauen in der Sauna. Sie lautet: Bakterien nutzen Gelegenheiten. Manchmal finden sie diese unter einem Schafpelz, manchmal in einem Thaibox-Camp und manchmal dort, wo Menschen gemeinsam schwitzen und sich näherkommen.
(red)


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