Das Geschäft kleiner Medien mit der Empörung
„Empörung im Netz schlägt hohe Wellen.“ „Riesiger Shitstorm nach Facebook-Posting.“ Lange waren solche Überschriften eine Spezialität jener Medien, die aus einigen besonders lauten Wortmeldungen ein gesellschaftliches Ereignis machten. Drei Postings, fünf empörte Kommentare und eine Reaktion aus der Politik genügten, damit aus einem Streit im Netz eine Debatte wurde, über die das Land angeblich sprach.
Inzwischen beherrschen auch kleinere Medien diese Methode. Sie geben sich anspruchsvoller als der Boulevard, pflegen den Ton des Qualitätsjournalismus und treten gern als dessen kritische Alternative auf. Dennoch arbeiten sie mitunter nach demselben Prinzip: Ein unqualifizierter Instagram-Beitrag wird herausgegriffen, moralisch aufgeladen und anschließend zum Symptom einer umfassenden gesellschaftlichen Entwicklung erklärt.
Eine schiefe Optik kann dabei gerade bei jenen Medien entstehen, die den Eindruck vermitteln, die Mechanismen der Öffentlichkeit besonders gründlich durchschaut zu haben. Mit theoretischen Referenzen, akademischem Vokabular und womöglich etwas Unterstützung durch künstliche Intelligenz klingt die Erregung zwar intelligenter. Ihr Produktionsprinzip bleibt dennocht vertraut.
Am Beginn steht meist ein Posting, das eine bestimmte Blase triggert. Stammt es von einem öffentlich geführten, auf Reichweite ausgerichteten Account, ist die Zuspitzung jedenfalls Teil der Plattformlogik. Es folgt die empörte Reaktion eines Journalisten, Politikers oder Kulturschaffenden. Danach berichten weitere Medien über die Reaktion. Schließlich gilt die entstandene Aufmerksamkeit als Beleg dafür, dass tatsächlich eine Debatte im Gang sei. Das Medium beschreibt dann nicht nur die Empörung – es hat an ihrer Herstellung mitgewirkt.
Die Blase als Geschäftsgrundlage
Im Boulevard heißt das Publikum Leserschaft. Alternative Medien sprechen gern von ihrer Community. Der Unterschied ist nicht unwesentlich, aber kleiner, als beide Seiten wahrhaben wollen. In beiden Fällen muss das Publikum regelmäßig angesprochen, bestätigt und emotional aktiviert werden.
Die Themen unterscheiden sich je nach Zielgruppe. Der Boulevard warnt vor Verboten, Skandalen und Kontrollverlust. Kleine weltanschauliche Medien berichten über Diskursverschiebungen, Identitätspolitik, Cancel Culture oder das Versagen der Mainstreammedien. Doch beide wissen, welche Reizwörter zuverlässig funktionieren und welche Feindbilder das eigene Publikum mag.
Auch die Rollenverteilung steht meist früh fest. Auf der einen Seite stehen – je nach weltanschaulicher Ausrichtung – Linke, Rechte, Nazis, Gutmenschen und Haltungskapitalisten, deren Einsatz für die gute Sache selten mehr kostet als einen Daumen hoch. Auf der anderen stehen jene, die das Spiel durchschauen. Das Publikum des alternativen Mediums darf sich der zweiten Gruppe zurechnen. Es erhält nicht nur Informationen, sondern zugleich die Bestätigung, intelligenter als die anderen zu sein. Wer ohne Not eine schmeichelhafte Zitatebene erhält, findet womöglich auch den Teilen-Button schneller.
Das große Aber steht mitunter schon vor dem ersten Satz: Ohne Abonnements und Unterstützung wird es schwierig, solche Informationen weiterhin zu liefern. Jetzt spenden oder die Wochenzeitung abonnieren. Bei ihren Finanzierungsappellen klingen die Etablierten und die ganz Kleinen oft erstaunlich ähnlich. Selbst gut eingeführte Medienhäuser präsentieren sich dabei gern wie unabhängige Projekte, deren Fortbestand vom nächsten Abo abhängt.
Social Media Creator in Bewegung
Kalkulierte Provokationen in sozialen Medien gehören zum Geschäft. Aufmerksamkeit lässt sich in Reichweite und Reichweite in Geld verwandeln. Wer absurde Vorwürfe gegen bekannte Künstler erhebt, kann mit heftigen Reaktionen rechnen. Gerade tote Künstler bieten sich dafür an: Sie sind bekannt, können nicht antworten und werden von einem Publikum verteidigt, dessen Widerspruch zusätzliche Sichtbarkeit verspricht.
Doch dieselbe Frage muss auch an jene Medien gerichtet werden, die einen solchen Beitrag aufgreifen. Berichten sie über ein relevantes gesellschaftliches Phänomen – oder verlängern sie eine Aufregung, die bereits seit Tagen durch die Feeds zieht? Mit jedem neuen Beitrag entsteht der Aufguss eines Aufgusses. Auch dieser Text steht nicht außerhalb dieser Kette.
Aus zwei schlecht recherchierten Instagram-Videos lässt sich vieles machen. Man kann über Kunstfreiheit, Rassismus, Pädophilievorwürfe, Identitätspolitik, Plattformökonomie und den Zustand der politischen Linken schreiben. Was sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten lässt, ist die gesellschaftliche Bedeutung des Ausgangsmaterials.
Empörung mit Fußnoten
Der Empörungsjournalismus kleiner Medien unterscheidet sich vom Boulevard vor allem durch seine Ausstattung. Er kommt mit Literaturangaben, theoretischen Gewährsleuten und längeren Sätzen. Wo der Boulevard einen „Irrsinn“ erkennt, diagnostiziert das ambitionierte Kleinmedium eine strukturelle Verschiebung im Spätkapitalismus.
Das kann klug und sogar zutreffend sein. Es kann aber auch dazu dienen, einem dünnen Anlass nachträglich Gewicht zu verleihen. Namen wie Adorno, Nancy Fraser oder Mark Fisher ersetzen noch nicht den Nachweis, dass aus einem Instagram-Posting tatsächlich ein gesellschaftlich relevantes Muster geworden ist.
Wer die Empörungsökonomie untersuchen will, müsste deshalb auch die eigene Rolle darin berücksichtigen. Reichweite entsteht nicht nur bei denjenigen, die den ursprünglichen Vorwurf veröffentlichen. Sie entsteht ebenso bei jenen, die ihn widerlegen, einordnen, skandalisieren und zum Anlass einer umfassenden Abrechnung nehmen.
So setzt sich die Kette fort: Ein Account provoziert, ein Journalist reagiert, ein Medium diagnostiziert und das Publikum empört sich über die Empörung. Am Ende haben alle Beteiligten Aufmerksamkeit erhalten. Geschützt wurde dadurch möglicherweise niemand.
Auch dieser Artikel erscheint in einem kleinen Medium. Auch er erklärt die Medienwelt mit großen Worten, und auch sein Titelbild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz hergestellt. Vielleicht wirkt das alles ebenfalls oberschlau. Und selbstverständlich hoffen wir, dass der Beitrag gelesen, kommentiert und geteilt wird. Von der Aufmerksamkeitsökonomie kann man schreiben; verlassen hat man sie damit noch nicht.
Eines haben die großen wie die kleinen Medien gemeinsam: Sie müssen finanziert werden. Wo Aufmerksamkeit zur wirtschaftlichen Voraussetzung wird, besitzt auch die Empörung einen Wert. Unter diesen Bedingungen ist die Empörung nicht bloß Gegenstand der Berichterstattung, sondern ihr Produkt.
Quellen: einige Postings, zahlreiche Reaktionen und der daraus entstandene Diskurs.
(red)


© APA/Neubauer
© KI-generiertes Symbolbild
© APA/Fohringer
© APA/Fohringer
© APA/ORF/Leitner
© APA/Punz
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!