Heute und Presserat werden keine Freunde mehr
Der Österreichische Presserat hat ein ungutes Gefühl. Zwei Artikelserien der Gratiszeitung „Heute“ über Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Migranten und Flüchtlinge erweckten den „Eindruck einer Kampagne gegen Arbeitslose“, heißt es in einem Brief an die Chefredaktion. Die Berichterstattung habe einen „diskriminierenden Beigeschmack“.
Ein Verfahren leitete der Presserat nicht ein. Das Aufzeigen möglicher Missstände bei Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe und Flüchtlingsbetreuung sei schließlich von hohem öffentlichem Interesse. Die Pressefreiheit reiche hier besonders weit. „Heute“-Chefredakteur Clemens Oistric begrüßte diese Klarstellung: Sein Medium zeige Österreich, „wie es ist“.
Wie es ist
Die Vorwürfe sind nicht neu. Immer wieder hört man von AMS-Beziehern, die trotz überschaubarer Bezüge mit SUV oder BMW zu ihren Terminen vorfahren. Andere verbringen ihren Krankenstand auf Ibiza, versäumen Bewerbungsgespräche oder verdienen nebenbei als DJs in Wiener Clubs dazu.
So auch der Fall eines gelernten Elektrikers, der mit 41 Jahren seinen Arbeitsplatz verlor. Krankenstand, AMS, Schulungen und Umschulungen folgten. Nun will er mit 51 noch einmal eine Tischlerlehre beginnen. Das Jobcenter unterstützt ihn weiterhin beim Versuch, nach zehn Jahren wieder dauerhaft im Berufsleben Fuß zu fassen. Wie viel die Maßnahmen bisher gekostet haben, spielt dabei keine Rolle.
In Kursen soll es immer wieder zu Beschimpfungen und sogar zu Gewalt gegen Mitarbeiter kommen. Jobangebote werden mit bisweilen erstaunlichen Begründungen abgelehnt. Selbst Mütter kleiner Kinder werden hinter vorgehaltener Hand als „arbeitsunwillig“ bezeichnet, weil eine Rückkehr ins Berufsleben für sie zeitnah kaum möglich erscheint. Bei Bewerbungsgesprächen, so heißt es, hätten manche eine außerordentliche Routine darin entwickelt, für eine empfohlene Stelle ja nicht in Betracht zu kommen.
Ebenso bemerkenswert ist der Fall eines Wiener Fußballertalents, dessen Erwerbsbiografie früh ins Stocken geriet. Nach kurzer Schullaufbahn brach er eine Fleischhauerlehre ab. Sechs Monate als Müllaufleger blieben angeblich seine längste durchgehende Beschäftigung. Es folgten Krankenstände, AMS-Termine, Gelegenheitsarbeiten und Schulungen. In einem Kurs soll der Mann einer Betreuerin deutlich gemacht haben, dass er sich von ihr nichts sagen lasse.
„Nüchtern dokumentieren“
Der Presserat beanstandet, dass Vorwürfe in den untersuchten „Heute“-Artikeln ausschließlich anonym erhoben und Betroffene häufig nicht damit konfrontiert worden seien. Bei einem sogenannten „Asylverein“ habe das Blatt lediglich eine parlamentarische Anfrage wiedergegeben, ohne die Tätigkeit des Vereins und die geförderten Projekte näher zu erklären.
Oistric weist den Vorwurf einer Hass- und Hetzkampagne zurück. Jedes Interview habe nachweislich stattgefunden. Wie das Steuergeld der Österreicher eingesetzt werde, liege in überragendem öffentlichen Interesse.
Aufzählen statt Kante zeigen
Der Presserat kam zu seinem Schluss nach der Analyse von „Heute“-Beiträgen aus dem Jahr 2025. Sie trugen Überschriften wie „AMS-Bezieher fahren in SUV und BMW vor“, „‚Dumm wie Brot‘: AMS-Bezieherin erzählt jetzt ALLES“, „Du bist eine Frau, du hast mir gar nichts zu sagen“, „Ich habe echt keine Lust mehr auf Arbeitslose“, „‚Unglaubliche Tricks‘: AMS-Berater packt aus“ und „Ansage an die AMS-Trickser: ‚Wir erwischen sie alle!‘“.
Hinzu kamen „Mehr als 350.000 Euro Sportförderung für Asylverein“, „Großfamilie mit 12 Kindern kassiert Sozialhilfe in Wien“, „Großfamilien kassieren utopische Summen fürs Nichtstun“ und „Großfamilie mit 12 Kindern kassiert Sozialhilfe – Jetzt kommt alles raus“.
Ein Verfahren wurde nicht eingeleitet. Der Presserat fordert „Heute“ lediglich dazu auf, bei den Themen Arbeitslosigkeit und Migration künftig mit mehr Sensibilität vorzugehen.
(red)


© David Bohmann
© APA/AFP/Getty/Tama
© ORF/Rankin
© APA
© ServusTV / Marco Riebler
© Katharina Schiffl