Klima Biennale Wien verknüpft Umwelt, Politik und Kunst
Am 9. April 2026 startet die Klima Biennale Wien und macht große Teile der Stadt zur Bühne für Kunst, Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen. Neben der Festivalzentrale im KunstHausWien entstehen zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum – von großformatigen Wandbildern bis zu Installationen auf zentralen Plätzen. Für Besucherinnen und Besucher ergibt sich damit die Möglichkeit, Kunst nicht nur im Museum, sondern auch direkt im Stadtraum zu entdecken.

Kurator Hektor Peljak erläutert vor Ort die Installation „Kaorle am Karlsplatz 2026“ von Margot Pilz. | © keymedia Wien
KunstHausWien als zentraler Ausgangspunkt
Hier konzentrieren sich zwei große Ausstellungen, die das inhaltliche Fundament des Festivals bilden und zentrale Fragen rund um Umwelt, Ressourcen und gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen. Gleichzeitig wirkt das Museum als Ausgangspunkt für Projekte im Stadtraum. Von hier aus führen künstlerische Positionen in verschiedene Bezirke, wo Wandbilder, Installationen und temporäre Eingriffe vertraute Orte neu interpretieren.
Die Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ bildet einen der Schwerpunkte. Sie widmet sich Saatgut als Grundlage von Ernährungssicherheit, Biodiversität und kulturellem Wissen – Themen, die weltweit an Bedeutung gewinnen. Die gezeigten Arbeiten reichen von fotografischen und installativen Positionen bis zu experimentellen Projekten mit lebenden Pflanzen. Gemeinsam zeigen sie, wie eng ökologische Entwicklungen mit gesellschaftlichen Entscheidungen verbunden sind und welche Rolle Wissen über Natur und Ressourcen künftig spielen kann.

Kuratorin Sophie Haslinger stellt die Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ im KunstHausWien vor.
Kuratiert wird die Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ von Sophie Haslinger, die das Thema Saatgut (oder kurz Samen) als Grundlage von Biodiversität und kulturellem Wissen in den Mittelpunkt stellt.
Wachstum unter künstlichen Bedingungen
Ein markantes Beispiel zum Thema Samen ist die Installation des dänischen Künstlers Tue Greenfort, bei der eine dicht bepflanzte Grasfläche im kontrollierten Innenraum des Kunsthauses wächst. Beleuchtung und Umgebung schaffen ein künstliches Ökosystem, das Fragen nach Pflege, Nutzung und Veränderung von Natur aufwirft.
Dass Greenfort das Thema Samen mit einer persönlichen Anekdote über ein kürzlich geborenes Kind verband, war ein Detail, das Gegenwart und Zukunft auf direkte Weise ins Spiel brachte.

Künstler Tue Greenfort bei seiner ortsspezifischen Installation „Monoculture“ im KunstHausWien.
Ebefalls im KunstHausWien ist das Projekt „Moon Tree“ von Christian Kosmas Mayer zu sehen. In einer runden Skulptur wächst ein Baum, der unter pink-violettem Licht beleuchtet wird. Unterschiedliche Lichtwellenlängen können das Wachstum von Pflanzen beeinflussen – ein Detail, das dem Werk zugleich eine wissenschaftliche und visuelle Dimension verleiht.

Christian Kosmas Mayer erklärt seine Mond-Installation im KunstHausWien
Das Institute of Queer Ecology macht Zusammenhänge sichtbar
Eine weitere Station bildet die Ausstellung „I Wish We Had More Time“, gestaltet vom Institute of Queer Ecology, vertreten durch Lee Pivnik und Nicolas Baird. Sie beschäftigt sich mit Verlust, Beziehungen zwischen Arten und neuen Formen ökologischen Denkens. Dabei verbindet sie künstlerische Positionen mit gesellschaftlichen Fragestellungen.

Lee Pivnik und Nicolas Baird vom Institute of Queer Ecology. | © Walter Wlodarczyk
Die Ausstellung versteht Natur nicht als statisches System, sondern als Netzwerk aus Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Das Institute of Queer Ecology arbeitet dabei mit künstlerischen Methoden, die klassische Kategorien hinterfragen und alternative Perspektiven auf Umwelt und Zusammenleben sichtbar machen.

Blick in den Ausstellungsraum „I Wish We Had More Time“ im KunstHausWien. | © Iris Ranzinger
Der Ausstellungsraum selbst ist bewusst atmosphärisch gestaltet: Gedämpftes Licht, Projektionen und installative Elemente schaffen eine Umgebung, die weniger an ein klassisches Museum als an ein experimentelles Labor erinnert. Besucherinnen und Besucher bewegen sich dabei durch unterschiedliche Szenarien, die Themen wie Artenverlust, Fürsorge und gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Lebewesen aufgreifen.
Kunst im öffentlichen Raum als Teil der Biennale
Neben den Ausstellungen im Museum spielt der öffentliche Raum eine zentrale Rolle. Zahlreiche Werke sind frei zugänglich und machen Kunst unmittelbar im Alltag sichtbar.
Ein besonders sichtbares Beispiel ist das großformatige Wandbild des Künstlerduos Nevercrew in der Baumgasse im 3. Bezirk. Das Mural zeigt ein Tiermotiv, das aus einzelnen Elementen zusammengesetzt wirkt und damit Fragen nach Zerlegung, Wiederaufbau und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufgreift.

Das großformatige Mural des Künstlerduos NEVERCREW ist Teil der Klima Biennale Wien.
Auch Projekte der Universität für angewandte Kunst Wien setzen temporäre Akzente im Stadtraum. Installationen am Donaukanal oder an stark frequentierten Orten greifen Themen wie Ressourcennutzung und nachhaltige Gestaltung auf.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Wirtschaftsagentur Wien, die mit dem Programm „Creatives for Vienna – Making Spaces“ Projekte unterstützt, die den öffentlichen Raum als Experimentierfeld für nachhaltige Gestaltung nutzen. Ziel ist es, neue Formen der Nutzung zu testen und gleichzeitig lokale Initiativen sichtbar zu machen.
Durch diese Vielzahl an Standorten wird Wien während der Biennale selbst zur Ausstellungsfläche – vom Museumsraum bis zur Straßenfassade.
Karlsplatz als zentraler Schauplatz der Biennale
Ein zentraler Ort der diesjährigen Klima Biennale ist der Karlsplatz, wo mehrere großformatige Installationen rund um die Karlskirche umgesetzt wurden. Besonders auffällig ist das Projekt „Kaorle am Karlsplatz 2026“ der Künstlerin Margot Pilz, das auf ein früheres Werk zurückgeht und in einer neuen Version präsentiert wird. Teil der Installation ist ein aufblasbarer Wal im Wasserbecken vor der Kirche, der als Replik eines historischen Originals ausgeführt wurde.

Künstlerin Margot Pilz und Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler vor der Karlskirche am Karlsplatz.
Begleitet wird die Szenerie durch die Arbeit „Palmen am Karlsplatz“ von Pia Sirén. Dabei sind künstliche Palmen auf Hebebühnen montiert, deren Blätter aus Plastiksäcken gefertigt sind. Die Kombination aus technischer Konstruktion und künstlicher Vegetation erzeugt einen bewusst starken Kontrast zum historischen Umfeld der Karlskirche und macht den Karlsplatz zu einem der auffälligsten Orte der Biennale.

Die Installation „Palmen am Karlsplatz“ von Pia Sirén prägt das Erscheinungsbild rund um die Karlskirche während der Klima Biennale Wien 2026
Auch die verwendeten Materialien zu Boden folgen einem durchdachten Konzept. Der eingesetzte Sand mit Glitzereffekt stammt aus Österreich und wird nach dem Ende der Installation wieder an das liefernde Unternehmen Hengl Mineral GmbH zurückgeführt. Dieses Prinzip unterstreicht den Anspruch, temporäre Kunst im öffentlichen Raum so umzusetzen, dass möglichst keine dauerhaften Rückstände entstehen.
Vergängliche Materialien als künstlerisches Statement
Neben den großflächigen Arbeiten am Karlsplatz greifen auch andere Installationen das Thema Materialkreisläufe auf. Ein Beispiel dafür ist eine Arbeit der Künstlerin Folke Köbberling nebenan, bei der ein Luxus-SUV als skulpturales Objekt im Stadtraum erscheint.

Ein aus Erde modelliertes SUV von Folke Köbberling ist Teil der Klima Biennale Wien 2026 im öffentlichen Raum.
Das Fahrzeug wurde aus einer Mischung aus Erde und Weizenkleber geformt. Durch diese Materialwahl bleibt die Skulptur nicht dauerhaft bestehen, sondern ist bewusst auf Veränderung und Zerfall angelegt. Der Einsatz eines biologisch abbaubaren Bindemittels verweist auf die Möglichkeit, künstlerische Arbeiten temporär umzusetzen und dabei natürliche Kreisläufe zu berücksichtigen.

Künstlerin Folke Köbberling (rechts) bei ihrer Installation eines aus Erde geformten SUV beim Karlsplatz.
Die Darstellung eines Geländewagens als vergängliches Objekt lenkt den Blick auf Fragen nach Mobilität und Ressourcenverbrauch. Damit fügt sich die Arbeit in die übergeordneten Themen der Biennale ein, die sich mit nachhaltigen Lebensweisen und der Nutzung von Materialien auseinandersetzt.
Zwischen Kunst und politischer Wirkung
Die Verbindung von Kunst, Gesellschaft und Politik zieht sich als roter Faden durch die gesamte Biennale. Die Aussage, dass Kunst, Politik und Klima zusammengehören und nicht voneinander zu trennen seien, findet sich nicht nur in offiziellen Stellungnahmen, sondern auch in der kuratorischen Arbeit wieder.
Kurator Hektor Peljak sieht Kunst grundsätzlich in einem politischen Kontext. Selbst Werke, die auf den ersten Blick unpolitisch erscheinen, transportieren gesellschaftliche Aussagen und eine inhärente politische Haltung. Gerade in einer Biennale, die sich mit Klima- und Zukunftsfragen beschäftigt, werde diese Verbindung besonders sichtbar.

Kuratorinnen und beteiligte Künstlerinnen erläutern das Konzept der Klima Biennale Wien
Kunst zwischen Anspruch und Auswahl
Das kuratorische Konzept trägt den Anspruch, Kunst für gesellschaftliche Themen bewusst einzusetzen. Damit wird deutlich, dass die Klima Biennale Wien nicht nur Werke zeigt, sondern künstlerische Positionen präsentiert und zugleich einen größeren Diskursraum eröffnet. Zwischen Museum, Straßenraum und öffentlichen Plätzen entsteht ein Netzwerk aus Projekten, das Kunst mit Fragen nach Verantwortung, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Entwicklung verbindet.
Zugleich stellt sich die Frage, ob in einem Format wie einer Biennale – traditionell ein Ort künstlerischer Qualität und internationaler Positionen – gesellschaftliche und politische Aussagen künftig stärker als Auswahlkriterium wirken als in anderen Ausstellungsformaten.
Ob mit diesem Ansatz der künstlerische Ausdruck stärker in den Dienst gesellschaftlicher Debatten gestellt wird oder seine Nähe zu globaler Klima- und Energiepolitik zunehmend sichtbar wird, bleibt bei der Klima Biennale Wien auf bemerkenswert charmante Weise offen.
Für Besucherinnen und Besucher wird Wien zwischen 9. April und 10. Mai 2026 zu einem Stadtraum, in dem Kunst nicht nur sichtbar wird, sondern auch Fragen aussät. Welche davon über den Ausstellungszeitraum hinaus keimen, wird sich erst mit der Zeit zeigen.
(red)


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